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Der Sport im Ort:Der nächste Schritt

Hinter Sportschützin Isabella Straub aus Kirchseeon liegt das erfolgreichste Jahr ihrer Karriere. Jetzt will sie bei der EM weitere Erfahrungen sammeln

Das Gewehr liegt in ihren Armen, die Schulter stützt das fünf Kilo schwere Gerät. Der Kopf nach vorne gerichtet, Tunnelblick durch das Zielfernrohr - zack. Ein kurzer, lauter Knall durchbricht das monotone Geräusch der Belüftungsanlage. Auf der Olympia-Schießanlage in Garching-Hochbrück ist nur der Schießstand mit der Nummer 96 besetzt: Isabella Straub bereitet sich hier für die Europameisterschaft in Osijek, Kroatien, vor. Sieben Tage sind es bis dahin noch und Osijek ist kein schlechter Ort für die Kirchseeonerin, vor zehn Jahren wurde sie dort Junioren-Europameisterin.

Beim Schießen mit dem Luftgewehr liegen zehn Meter zwischen Isabella Straub und dem Ziel. Will sie etwas erreichen, muss sie einen Bereich von nur einem halben Millimeter treffen. "Das ist so klein, als würde man mit einer Nadel in ein Blatt Papier stechen", sagt die 27-Jährige. Das Schießen ist enorme Präzisionsarbeit. Dafür braucht man Ruhe und Geduld. Darauf, dass das nicht immer klappt, deuten die kleinen Bissspuren auf dem Gewehrlauf hin, entstanden auf Wettkämpfen aus Ärger über missglückte Schüsse.

Isabella Straub hat den Schießsport in Kirchseeon gelernt. Inzwischen kommt sie in der ganzen Welt herum. Bei der WM in Südkorea wurde sie sogar Vizeweltmeisterin.

(Foto: Stephan Rumpf)

Grund für Frust hatte die angehende Grundschullehrerin in jüngster Zeit dagegen kaum. Das vergangene Jahr war außergewöhnlich, ihr erfolgreichstes, der internationale Durchbruch. Neben dem Luftgewehrschießen ist ihre Disziplin noch der Kleinkaliber-Dreistellungskampf. Dabei schießt man kniend, liegend und stehend. Bei der WM in Südkorea wurde sie Vizeweltmeisterin im Einzel, holte zudem zweimal Gold und einmal Bronze mit der Mannschaft. Mit der Silbermedaille sicherte sie der deutschen Nationalmannschaft einen Quotenplatz für Olympia 2020 in Tokio.

In Bayern gibt es eigentlich in jedem Dorf einen Schützenverein. So kam auch Straub mit der SG Edelweiß Kirchseeon in Berührung. Ihr Vater war dort Sportleiter, freitags war schon mal die ganze Familie beim Schützenverein. Auch Straubs große Schwester war aktiv. "Als kleine Schwester will man alles machen, was die große Schwester macht", sagt sie. Straub will sofort anfangen, mit zehn Jahren. Der Papa übt mit ihr am Luftgewehr, wird ihr "sehr ehrgeiziger und unterstützender" Förderer, erzählt sie. Straub kommt schnell in den Bezirks- und Bayernkader, fünf Jahre später sogar in die Nationalmannschaft.

Ihr Blick, der sonst unablässig Freude ausstrahlt, wird nur ernst, wenn sie die Zielscheibe anvisiert. "Mit der Isabella hat man immer was zum Lachen", sagt ihr Teampartner im Mixed, Maxi Dallinger. Bei Anspannung vor einem Wettkampf sorge sie für die Lockerheit.

Reich wird man in diesem Sport nicht

Als Juniorin wurde sie Europameisterin. Beim Übergang zu den Erwachsenen fiel es ihr aber schwer, Anschluss zu finden, weil "alle wahnsinnig gut waren", erzählt sie. In fünf Jahren war sie bei einer Welt- und zwei Europameisterschaften dabei, für ein Finale reichte es aber nie. Sie stand sich oft selbst im Weg. "Wenn man zu viel will, wird's halt nix", sagt sie. Straub spricht von vielen Rückschlägen, ans Aufhören denkt sie aber nie. "Ich kann mir ein Leben ohne Schießen nicht vorstellen", sagt sie. "Sie ist mit einer gesunden Portion Selbstvertrauen und mit Köpfchen bei der Sache", sagt ihr Trainer vom Bayerischen Sportschützenbund Mario Gonsierowski.

Straub verdient mit ihrem Sport kein Geld. An Fördersummen bekommt die Vizeweltmeisterin 1200 Euro pro Monat. Training, Lehrgänge, Wettkämpfe. Das nimmt viel Zeit ein. Freundschaften muss sie manchmal vernachlässigen. Da sie studiere, könne sie als Leistungssportlerin nebenbei nicht noch arbeiten. Dennoch sagt sie: "Ich finde mein Leben eigentlich ziemlich cool. Nur "die Politik macht es uns mit den ganzen Auflagen ganz schön schwer."

Bei ihrem Heimatverein, der SG Edelweiß Kirchseeon, ist Straub seit zwei Jahren Jugendleiterin. Den Nachwuchs will sie bei der Entwicklung unterstützen. Der Verein sei wie eine kleine Familie für sie. Wenn sie wieder länger unterwegs war, freut sie sich, nach Hause zu kommen - nach Kirchseeon, wo sie mit ihrer Mutter wohnt. Auf ihre "Wahl-Familie" könne sie nicht verzichten. Ein Leben in der Stadt, das wäre nichts für Isabella Straub. Sie sagt: "Ich kenne gern meine Nachbarn."