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Der Sport im Ort:Abklatschen mit dem Weltmeister

Klein aber oho: Der Samstag in der Grafinger Halle mit Ex-Weltmeister Dominik klein und dem lokalen Handballnachwuchs.

(Foto: Christian Endt)

Ex-Profihandballer und ARD-Experte Dominik Klein trainiert einen Tag mit der Grafinger Handballjugend. Vom Spaß am Spiel, Lobliedern auf Trainer und knallharten Fragen der Kleinsten

Von Elisabeth Urban, Grafing

Im Halbkreis sitzen die Kinder der Grafinger Handballabteilung auf dem grünen Hallenboden um Dominik Klein und löchern ihn mit Fragen, vor denen sich mancher Erwachsener vielleicht scheuen würde. Ist man vor einem Weltmeisterspiel eigentlich aufgeregt? Warum entscheidet man sich dazu, eine jahrelange Profikarriere im Handball zu beenden? Und muss man sich wirklich mit allen Teamkollegen verstehen? Die Ältesten von ihnen sind 2007 geboren, also in dem Jahr, in dem Klein als Linksaußen der deutschen Handball-Nationalmannschaft den Weltmeistertitel gewann - den Schnurrbart, den die Spieler zu Ehren ihres Trainers Heiner Brand beim Feiern des Sieges trugen, hat Klein immer noch. Und obwohl das nun doch schon einige Jahre her ist, ist die Bewunderung der kleinen Handballer für den 1,90 Meter großen Mann ungebrochen, wohl auch weil Klein mittlerweile im ARD als Experte bei Übertragungen von Handballspielen zu sehen ist - so auch bei der vergangenen EM im Januar in Norwegen, Österreich und Schweden.

Dass ihr ehemaliger Schützling einmal Weltmeister werden würde, hätte sich Tanja Lenkeit wohl nicht gedacht, als sie den einige Jahre jüngeren Klein in der Jugendmannschaft des Turn- und Sportvereins im unterfränkischen Obernburg trainierte. Die heute 42-Jährige mit der blonden Igelfrisur war mit Kleins älterem Bruder im Jahrgang, jetzt steht sie in der Mittagspause mit Dominik Klein plaudernd im Foyer der Grafinger Jahnsporthalle, während der Nachwuchs den Leberkässtand plündert. Nach dem Engagement in ihrer Jugend beim TUSPO Obernburg kam Lenkeit vor etwa zwölf Jahren erneut zurück zum Handball, diesmal zum TSV Grafing, als die eigene Tochter anfing zu spielen - und sie brachte ihre Kontakte zum Weltmeister Klein mit.

Vor etwa fünf Jahren wurde Lenkeit dann auch wieder als Trainerin aktiv, mittlerweile ist auch die älteste Tochter selbst für die Jüngeren zuständig und unterstützt Dominik Klein heute zusammen mit den anderen Trainern bei den Übungen auf dem Platz. "Bayern kann Handball" und "Handballtag mit Dominik Klein" steht auf den schwarzen Trikots, in denen die Kinder prellen, antäuschen, passen und auf Weichbodenmatten um die Wette durch die Halle rutschen. "Habt ihr Lust?", fragt Klein zu Beginn offensichtlich rhetorisch in die Runde, ein ohrenbetäubendes "Ja!" schallt ihm entgegen.

"Pässe immer von oben, wir machen kein Bowling hier!" "Konzentriert euch!" "Gut gekämpft!": Klein, der allen auf Augenhöhe begegnet, korrigiert, feuert an, merkt sich sogar, wer Rechts- und wer Linkshänder ist. Und selbst wenn einige den Ball noch nicht wirklich festhalten können, sind die Kinder mit Feuereifer dabei, die Gesichter sind erhitzt, die Stirnen vor Konzentration gerunzelt. Die Kinder watscheln mit quietschenden Turnschuhen im Entengang, werfen sich Bälle zu und zwischendurch tönt es immer wieder "Sieben!" - dann halten alle ihren Ball über den Kopf und tippeln mit den Füßen auf der Stelle, Klein nutzt das Kommando immer wieder, um Ruhe herzustellen.

Im August 2019 begannen die konkreten Planungen zum Handballtag, intensiver wurde es dann im Januar. Mehr als 70 Kinder aus Grafing und umliegenden Vereinen sind gekommen, um einmal mit dem Weltmeister zu trainieren, vormittags die kleinsten, die jüngsten sind etwa sieben Jahre alt, nachmittags dann die etwas älteren. "Die Kleinen sind die Großen von morgen!" steht auf einem Schild im Gang zu den Umkleiden, und zwischen Abklatschen zum Abschied, Autogrammschreiben auf einen blau gemusterten Handball und Lob von einer Mutter, die ihren Sprössling abholt, erklärt Dominik Klein, warum er gerade die Arbeit der Vereine so wichtig findet: "Es steht und fällt auch mit dem Engagement der Trainer." Ob ein Trainer motiviere und unterstütze, das entscheide oft darüber, ob ein Kind sich trotz Freizeitstress bewusst für einen Sport entscheide.

Klein, der gerade ein Orientierungsjahr beim BHV macht, sei erst nach und nach klar geworden, "wie viele Vereine wir haben, die sich reinknien". Das gibt er auch an die Kinder weiter: "Was wir heute an Spaß hatten, das geht so nur im Verein!"

Nach dem gut zweistündigen Training ist Zeit für Fragen. Ja, man ist vor Spielen aufgeregt, erzählt Klein. Allerdings sei er als Kommentator aufgeregter gewesen als wenn er selbst auf dem Platz stand, denn "als Spieler bist du in einem Tunnel während des Spiels". Klein beruhigt aber auch, ermutigt, sich die Aufregung zunutze zu machen: "Wenn man angespannt ist, ist man konzentrierter." Warum er und seine Frau ihre Profikarrieren 2018 beendet haben? Klein vergleicht die Situation mit einem Puzzle, "irgendwann war dieses Puzzle vollständig". Sie hätten in der ersten Zeit danach vor allem die Freiheit genossen, unabhängig von Trainern und Turnierplänen Herren der eigenen Zeit zu sein. Und ob man alle in der Mannschaft mögen muss? Klein antwortet diplomatisch: "Man kann nur gewinnen, wenn man als Mannschaft funktioniert." Klar verstehe man sich mit dem ein oder anderen besser, und es sei auch wichtig, Freunde abseits des Platzes zu haben, bei denen andere Themen wichtig seien, aber "der größte Erfolgsfaktor ist der Respekt voreinander".

Und Kleins Trainingstipp zum Abschluss? "Vergesst eins bitte nicht: Immer Spaß haben!"

© SZ vom 10.03.2020
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