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Der Radlreporter:"Radfahrer sind zu bescheiden"

Im Vergleich mit den benachbarten Landkreisen steigen in Ebersberg weniger Menschen aufs Fahrrad. Norbert Berger vom ADFC erklärt, woran das liegt - und wie sich daran etwas ändern könnte

- Es hilft ja alles nichts. "Frischluft muss sein", findet Norbert Berger. Also stieg er auch beim Mistwetter der vergangenen Wochen stets aufs Rad. Im Interview erklärt der zweite Vorsitzende des ADFC Ebersberg, wo er selbst bei schönstem Wetter nur ungern fahren würde.

SZ: Wie fahrradfreundlich ist der Landkreis Ebersberg?

Norbert Berger: Unfreundlich trifft es besser. Wir sind Schlusslicht im Vergleich zu den Nachbarlandkreisen wie München, Rosenheim oder Erding. Eine Umfrage des Münchner Verkehrs- und Tarifverbunds hat gezeigt, dass hier so wenige Leute wie nirgendwo anders aufs Rad steigen. Der Anteil der Wege, der mit dem Rad zurückgelegt wird, liegt in Eberberg bei sieben Prozent, der Durchschnitt bei zehn bis fünfzehn Prozent. In Großstädten wie München noch einmal deutlich höher. Wir müssen dringend aufholen.

In welchen Bereichen muss am dringendsten aufgeholt werden?

Das Radwegenetz ist ziemlich schlecht. Es soll nicht überall einen Radweg geben, das macht überhaupt keinen Sinn, das zu fordern. Radwege sind manchmal sogar gefährlicher, wenn sie linksseitig befahren werden müssen und es bei Ortseinfahrten keine Querungshilfen gibt. Was im Radwegenetz vor allem fehlt, sind Lückenschlüsse. Eine bessere Beschilderung wäre auch wünschenswert, ist aber eher sekundär. Dass so wenig vorangeht, liegt auch daran, dass Radfahrer zu bescheiden sind.

Zu bescheiden? Erklären Sie bitte.

Ja, weil man sich als Radfahrer im Verkehr stets als Minderheit erlebt und mit dieser Erfahrung im Hinterkopf kaum auf den Gedanken kommt, irgendwelche Forderungen zu stellen. Wenn sich aber einmal jemand hinstellt und Radlerwünsche äußert, zum Beispiel auf Bürgerversammlungen, dann zeigt sich doch eine breite Mehrheit dafür. Lobbyarbeit für den Radverkehr ist dringend nötig, weil sich die schweigende Mehrheit der radfahrenden Bürger trotz der vielen Missstände erfahrungsgemäß nicht traut, etwas zu sagen.

Wo im Landkreis macht Radfahren am wenigsten Spaß?

Die Hauptstraße in Ebersberg beispielsweise ist eine Katastrophe. Dort bleibt einem mangels Platz nichts anderes übrig, als selbstbewusst aufzutreten, heißt: in Engstellen so zu fahren, dass man nicht von überholenden Autos touchiert wird. Oder von Oberpframmern nach Glonn, dort gibt es keine Alternative zur Staatsstraße. Wenn man Glück hat, rasen die Autos nur mit 100 an einem vorbei, wenn man Pech hat, sind sie noch schneller.

Wie sieht der optimale Straßenverkehr aus?

Wenn auf den Straßen nicht viel los ist. Viel Verkehr ist für alle eine Belastung. Aber man muss Realist sein. Natürlich wollen wir alle im Supermarkt einkaufen können, ohne Schwerlastverkehr geht es einfach nicht mehr. Optimal für Radfahrer wäre es, wenn es immer Alternativrouten gibt, zum Beispiel, wenn ein Landwirt seinen Weg zur Verfügung stellt, der parallel zur Straße verläuft. Meistens scheitern solche Ideen, wenn es dann um den Grundstückserwerb geht.

Sie sind seit mehr als 25 Jahren beim ADFC. Was hat sich geändert beim Thema Fahrrad?

Der Autoverkehr ist mehr geworden, hat sich mindestens verdoppelt. Dafür sind aber auch einige Radwege gebaut worden. Außerdem hat sich die Fahrradtechnik verbessert. Und vor allem die Einstellung: Früher galt man als grün-alternativ angehaucht, wenn man viel mit dem Rad unterwegs war. Gegenwärtig sind wir in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

In der Gegenwart machte immer wieder der Begriff "Kampfradler" die Runde.

Den Vorwurf kann ich nicht annehmen, ich würde Radfahrer niemals pauschal so bezeichnen. Es gibt Autofahrer, die sich um nichts scheren, genauso wie Leute, die sich auf dem Rad austoben. Aber das ist im Landkreis Ebersberg meiner Erfahrung nach kein Problem. Eher in der Großstadt. Wenn die Verkehrsdichte steigt, steigt auch die Aggression. Zu diesem Thema und auch zu Unfällen mit Radlern im Landkreis kann die Polizei sicher mehr sagen. Einen wesentlichen Faktor für Fahrradunfälle stellen schlechte Sichtbeziehungen an Kreuzungen und Ausfahrten dar - Stichwort "Toter Winkel" und "Radweg an Hecken und Mauern".

Was sind die Trends der neuen Saison?

Das Pedelec ist nach wie vor hochaktuell. Damit kann man auch im hohen Alter noch gut unterwegs sein, ohne vor jedem Berg kapitulieren zu müssen. Außerdem ist es wunderbar für Paare geeignet, bei denen einer nicht ganz so sportlich ist. Das Pedelec wird noch lange Thema bleiben.

Und wie komme ich an das perfekte Rad für meine Bedürfnisse?

Bloß nicht aus dem Supermarkt oder aus dem Internet. Auf alle Fälle zum Radhändler und sich dort beraten lassen. Man sollte sich über seine Bedürfnisse im Klaren sein. Eine Testfahrt ist Pflicht, besonders wichtig ist die passende Lenkerposition, damit der Rücken nicht schmerzt, und der Sattel. Unbedingt mehrere Sättel ausprobieren, das ist wie beim Schuhe kaufen.