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Debatte im Landkreis:5 G und zwei Gegner

Datenschutz beim Auto

Derzeit stellen Netzbetreiber schrittweise auf die 5G-Technik um. Profitieren soll die Industrie, etwa um autonomes Fahren zu ermöglichen.

(Foto: Franziska Gabbert/dpa)

In Ebersberg kommen fünf Männer zu einem Abend über die Zukunft des Internets zusammen: Im Sparkassensaal trifft ein Moderator auf Kritiker und Befürworter immer schnellerer mobiler Datenübertragung - darunter ein Verweigerer

Von Korbinian Eisenberger, Ebersberg

Der Mann, der alles anders sieht, ergriff als dritter das Wort und dürfte nicht wenige überrascht haben. Es ging um die Zukunft des mobilen Internets und der Geograf Jürgen Merks hat dazu eine pointierte These: "Man braucht unterwegs kein Netz", sagte er. "Wir machen uns zum Knecht dieser Produkte", damit waren die Smartphones gemeint. Merks, der als Referent des Bund für Umwelt und Naturschutz gekommen war, legte noch einen drauf, als er sich sogenannten Adresshändlern widmete, die sich öffentlich damit rühmen, mit Daten Menschen steuern zu können. Merks: "Dagegen ließt sich George Orwells 1984 wie ein Kinderbuch."

Immer schnelleres Internet für unterwegs. Ein Fortschritt - oder eher ein Rückschritt? Um diese Frage ging es Anfang der Woche im Ebersberger Sparkassensaal, der mit Politprominenz aus dem Landkreis Ebersberg besetzt war. Wie so oft dieser Tage gingen Landrat Robert Niedergesäß und die Bürgermeister aus Ebersberg, Grafing, Pliening, Emmering und Poing auf Abstand, 40 weitere Gäste hielten sich ebenfalls an die Regeln. Die Stühle standen so weit auseinander, dass man sich höchstens per Bluetooth hätte verbinden können. Unter diesen Bedingungen fühlten sich die Männer vorne auf den Zahn.

Die sogenannte fünfte Generation Internet - kurz 5 G - bietet Anlass zu einem Generationenkonflikt von fünf Männern, Frauen saßen lediglich im Publikum. 5G-Gegner Merks hatte in Jörn Gutbier einen Mitstreiter, der Vorstandsvorsitzende der Umwelt und Verbraucherschutzorganisation "diagnose:funk" hielt ein Plädoyer gegen 5 G, das wegen der Strahlung auf den Menschen aus seiner Sicht als Risikotechnologie eingeordnet werden muss. Er sei strikt gegen 5 G, es gebe "keine Forschung" dazu, so seine Einschätzung. "Wir sind die Versuchskaninchen gerade."

Eingeladen hatte das Ebersberger Landratsamt. Moderator Ludwig Karg führte zweieinhalb Stunden durch den Abend. Der Informatiker vom bundesdeutschen Arbeitskreis für umweltbewusstes Management fasste die Vorträge der vier Referenten zusammen, das Publikum dürfte ihm angesichts des Fachjargons vieler Redepassagen dankbar gewesen sein.

Als Verfechter der fünften Internet-Generation tat sich Klaus-Peter Potthast hervor. Er war für das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie nach Ebersberg gekommen. Sein Ministerium hatte 5 G unlängst zum neuen Mobilfunkstandard erklärt, Potthast verteidigte diesen Kurs, "wenig überraschend", wie eine Zuschauerin feststellte. Potthast, im Ministerium zuständig für Wirtschaftspolitik, Koordination und Industrie, agierte im Stile gewiefter Politiker. "Die Grenzwerte wurden als sicher geprüft", sagte Potthast. "Es gibt viele Menschen, die wollen diese Dinge nutzen."

5 G ist eine Weiterentwicklung der bisherigen 4G-Technologie, die auf dem Smartphone etwa als "LTE" angezeigt wird. 5 G, so ist vom bayerischen Wirtschaftsministerium zu erfahren, solle neue Maßstäbe bei Datengeschwindigkeit, Netzkapazität, Reaktionszeit und Datensicherheit setzen. Derzeit stellen Netzbetreiber die Mobilfunkversorgung weltweit schrittweise auf die leistungsfähigere 5G-Technik um. So soll autonomes Fahren ermöglicht werden - vor allem die Industrie soll profitieren.

Wie riskant ist diese Entwicklung? Etwa, wenn die Strahlung zunimmt? Hierzu nahm Bernhard Brenner vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in seinem Referat Stellung. Demnach gebe es aus Sicht seiner Behörde "keine gesundheitlichen Wirkungen bei der Einhaltung der Grenzwerte auch bei 5 G", so Brenner. Hier allerdings hatten die Ebersberger nun Diskussionsbedarf. So auch eine Zuschauerin, die sich als "Vorsitzende eines Vereins für Mobilfunk-Geschädigte" vorstellte. Ihrer Wahrnehmung nach gebe es "immer mehr elektorsensible Menschen", mit 5 G, so ihre These, "da wird dieses Problem noch größer". Nicht umsonst hätten sich 60 französische Kommunen bereits dagegen ausgesprochen. Brenner, der Mann vom Landesamt, entgegnete, dass dieser Zusammenhang seinen Informationen nach nicht nachweisbar sei. Eine zweite Zuschauerin teilte ihre Beobachtung mit, wonach Bäume in unmittelbarer Nähe zu einem Funkmasten auf Funkseite eingingen. Dies, so Brenner, sei bei fehlendem Abstand unbestreitbar der Fall.

© SZ vom 08.10.2020

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