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Datenwerk über Ebersberg:Kreis sieht Handlungsbedarf

Das Team Demografie des Landratsamts veröffentlicht seinen zweiten Sozialbericht. Ihm zufolge steht Ebersberg in vielen Punkten gut da, in manchen liegt man aber auch unter dem Durchschnitt

Von Johanna Feckl, Ebersberg

Der Landkreis Ebersberg zeichnet sich durch einige soziale Entwicklungen aus, die konträr zueinander verlaufen. Den Eindruck kann zumindest gewinnen, wer einen Blick in den Sozialbericht 2019 wirft, der nun im Sozialausschuss des Kreistags vorgestellt wurde. So zum Beispiel altert der Kreis immer schneller - und ist trotzdem überdurchschnittlich jung: In manchen Kommunen sind mehr als 20 Prozent 65 Jahre oder älter, gleichzeitig ist der Kreis mit einem Anteil an Kindern und Jugendlichen in der Gesamtbevölkerung von 21 Prozent der "jüngste" aller 96 Städte und Landkreise in Bayern. Nach einem Sozialbericht aus dem Jahr 2015 ist dies der zweite, den das Landratsamt erstellt hat. Jochen Specht, Leiter des Teams Demografie, stellte den Ausschussmitgliedern nun die Ergebnisse vor.

Der 270 Seiten umfassende Bericht solle die soziale Lage im Landkreis Ebersberg dokumentieren und einen Einblick in die dazugehörige Infrastruktur liefern, erklärte Specht. Außerdem gehe es um gewisse Entwicklungen, auch in den einzelnen Kommunen, aus denen sich wahrscheinliche Trends und Szenarien für die Zukunft schlussfolgern ließen. Der Sozialbericht gliedert sich dabei in sechs inhaltliche Kapitel: Demografie und Haushaltsstruktur, Wohnen, Wirtschaft und Arbeitsmarkt, Einkommen und Sozialleistungen, Bildung und Erziehung sowie Gesundheit und Pflege.

Der Zuzug ist groß, es kommen hauptsächlich jüngere Menschen aus dem EU-Ausland in die Region

Seit Jahren schon erlebt der Landkreis einen Zuzug, vor allem von Familien und insbesondere aus Stadt und Kreis München. Gleichzeitig nimmt aber die Abwanderung in weiter entfernte Regionen zu. Unter dem Strich jedoch erlebt Ebersberg weitaus weniger Wegzüge als Zuzüge. Das ist auch der Grund, weshalb das Landratsamt weiterhin mit einem Bevölkerungswachstum rechnet. Stichwort demografischer Wandel: Das Durchschnittsalter der erwerbsfähigen Menschen wird deutlich ansteigen, ebenso wie die Zahl der hochaltrigen Bürgerinnen und Bürger: Kamen im Jahr 2012 laut Sozialbericht etwa 31 Hochaltrige auf 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter, so werden es im Jahr 2038 voraussichtlich etwa 43 sein. Mit einem Ausländeranteil von 12,9 Prozent liegt der Landkreis leicht über den bayerischen Durchschnitt von 12,6 Prozent. Hauptsächlich ziehen jüngere Menschen im erwerbsfähigen Alter aus dem EU-Ausland in die Region. Der Zuzug aus dieser Gruppe wird wohl auch weiterhin ansteigen.

Im Bereich Wohnen stellte Jochen Specht fest, dass in den Jahren 2014 bis 2017 etwas mehr gebaut wurde als im bayernweiten Durchschnitt, nämlich 37,56 Wohnungen pro 100 000 Einwohner im Vergleich zu 37,48. Trotzdem haben die Landkreisbürger und -bürgerinnen vergleichsweise weniger Wohnraum zur Verfügung als anderswo. Ein Grund dafür mag vielleicht sein, dass der Anteil von Zwei-Raum-Wohnungen an allen Ebersberger Neubauten in den vergangenen Jahren am stärksten gestiegen ist. Mit durchschnittlich 820 Euro pro Quadratmeter liegt der Landkreis auf Platz neun im bayernweiten Vergleich der Boden- und Eigentumspreise. Das Mietniveau hingegen liegt mit etwa 10,80 Euro pro Quadratmeter im Durchschnitt. Das Landratsamt rechnet damit, dass aufgrund des steigenden Zuzugs auch die Nachfrage nach Wohnraum weiter zunehmen wird, ebenso wie das Preis- und Mietniveau dafür. Maßnahmen wie einkommensorientierte Förderung von Wohnungen oder der Einsatz von städtebaulichen Verträgen werden deshalb in Zukunft eine noch größere Rolle spielen, um auch einkommensschwächeren Bevölkerungsgruppen ein Wohnen im Landkreis zu ermöglichen.

Mit einer Arbeitslosenquote von weniger als zwei Prozent herrscht im Kreis Vollbeschäftigung, das Einkommen des Einzelnen im bayernweiten Vergleich ist jedoch eher gering. Sind es in Ebersberg 34 176 Euro pro Jahr, liegt der Durchschnitt in Oberbayern bei 40 444 Euro. 70 Prozent der Beschäftigten pendeln zu ihrer Arbeitsstätte in einen anderen Landkreis oder eine Kreisstadt - das ist viel im bayernweiten Vergleich. Ein großer Teil davon pendelt nach München. Mit 55 Prozent ist aber auch der Einpendleranteil für einen Landkreis sehr hoch. Das bedeutet, dass die Wichtigkeit des Kreises als Arbeitsort stetig zunimmt. Darüber hinaus rechnet der Landkreis damit, dass die Frauenbeschäftigungsquote, die auch jetzt schon über dem Bayern-Durchschnitt liegt, auch in Zukunft weiter ansteigen wird. Diese Entwicklung ist eng verknüpft mit der guten Situation zur Kindertagesbetreuung im Kreis Ebersberg.

Auch im Landkreis klaffen Arm und Reich immer weiter auseinander

Für den Bereich Einkommen und Sozialleistungen stellt das Landratsamt fest, dass Arm und Reich immer weiter auseinanderklaffen. So gibt es auf der einen Seite einen hohen Anteil an Besserverdienern, eine hohe Kaufkraft in der Bevölkerung sowie unterdurchschnittlich wenig Bezieher und Bezieherinnen von Arbeitslosengeld zwei. Auf der anderen Seite sind immer mehr Menschen von Obdachlosigkeit bedroht, und auch der Anteil von Personen, die auf Grundsicherung im Alter angewiesen sind, steigt - vor allem bei Frauen ist das der Fall. Laut Sozialbericht rechnet das Landratsamt damit, dass sich diese bisherigen Entwicklungen auch in Zukunft fortsetzen werden.

Im Anschluss daran widmete sich Jochen Specht dem Punkt Bildung und Erziehung. Dem Sozialbericht zufolge steigt in beinahe allen Altersklassen die Zahl der betreuten Kinder mit Migrationshintergrund und nicht-deutscher Alltagssprache. Gut 35 Prozent der Schülerinnen und Schüler verlassen die Schule mit einem allgemeinen Abitur. Die Quote ist seit Jahren konstant. Die Übertrittsquoten auf Realschulen sind leicht gesunken, während die Übertritte auf Mittelschulen etwas mehr geworden sind. Seit 2016 ist das Niveau der Jugendkriminalität leicht rückläufig.

Zuletzt sprach Specht über den Bereich Gesundheit und Pflege. Immer mehr Menschen nehmen Pflegegeldleistungen in Anspruch, ebenso steigt der Anteil der vollstationären Pflege. In beiden Punkten liegt der Landkreis über dem bayernweiten Durchschnitt. Prognosen zufolge wird die Zahl der Pflegebedürftigen bis zum Jahr 2033 auf etwa 4 200 Menschen ansteigen. Auch werden aller Voraussicht nach die Fälle von demenziell Erkrankten sowie Menschen mit einer Behinderung aufgrund der steigenden Lebenserwartung zunehmen. Der Fachkräftemangeln wird sich vor allem im Bereich der stationären Pflege deutlich bemerkbar machen, so die Prognose des Sozialberichts.

Mehrfach wiesen Jochen Specht und Hanna Kohlert, die neben Christian Salberg, Leiter des Kreisjugendamts, federführend für die Erstellung des Berichts verantwortlich zeichnet, darauf hin, dass der Sozialbericht in erster Linie eine informierende Funktion habe. Trotzdem einigten sich die Ausschussmitglieder einstimmig darauf, dass das Team Demografie aus den vorliegenden Daten geeignete Maßnahmen entwickeln und dann vorlegen soll.

© SZ vom 26.10.2020
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