Das Fenster zum Klosterbauhof (K)ein Kunstfehler

Der Münchner Bildhauer Thomas Breitenfeld stellt zwei bronzene Fehlpressungen für das Ebersberger Skulpturenprojekt zur Verfügung. Ein Jahr lang sollen sie einen neuen Blick auf die Stadt eröffnen

Von Alexandra Leuthner, Ebersberg

Der Name Cat Stevens steht auf einer der berühmtesten Fehlpressungen der (Musik-)Geschichte. Beim Abspielen der B-Seite des 1971 erschienenen Albums Teaser and the Firecat vernahmen die geneigten Fans statt der weichen Stimme des englischen Barden allerdings die griffigen Gitarrenriffs der B-Seite eines Jethro Tull-Albums, die wundersamerweise ihren Weg aufs schwarze Vinyl gefunden hatten. Was bei den damaligen Käufern der Langspielplatte vermutlich zu Irritationen führte - einem Liebhaber dürfte das heute so einiges wert sein.

Vielleicht wird das auch mit Thomas Breitenfelds Skulpturen einmal so sein, die Ebersberg für ein Jahr schmücken sollen, auch wenn die Fehler in seinen Bronze-Pressungen nicht wirklich zufälliger Natur sind. Seine Fehlpressungen sind geplant, ergeben sich aus dem hohen Druck, der beim Gießen der Bronze auf die Gussform ausgeübt wird. Doch ist für ihn die Entstehung, das Wachsen eines Kunstwerks aus Zufälligkeiten entscheidend. "Es gibt keine Fehler", sagt der 35-jährige Münchner. Nur Entwicklungen.

Neue Ansichten auf die Stadt: Die Löcher in der Bronze entstehen durch gezielten Fehldruck. Wie sie aber am Ende aussehen, ist purer Zufall.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Als "bewegliche Stadtmöbel" - so nennt die zweite Vorsitzende des Ebersberger Kunstvereins, Geraldine Frisch, die Bronzeplastiken -, werden zwei seiner Plastiken in Ebersbergs Stadtmitte stehen und eine Bezugsachse zwischen Stadtgarten und Klosterbauhof bilden. Der Ebersberger Kunstverein hat sich den Bildhauer, Bronze- und Glockengießer Breitenfeld als Partner für sein diesjähriges Skulpturenprojekt ausgesucht. In der dritten Augustwoche werden die beiden 1,20 Meter auf ein Meter großen Platten feierlich enthüllt, die er sich für das Projekt ausgedacht hat. Eine von ihnen wird im Klosterbauhof gleich beim Klostertor und die andere im Stadtgarten mit Blick auf den Kirchturm von St. Sebastian aufgestellt werden, und zwar so, dass sie miteinander eine Sichtbeziehung haben.

Bei der Stadtbegehung sei ihm die Idee mit dem Fehlguss in den Sinn gekommen, der die Mitte der Platte ausspart, so dass eine Art Durchguck oder Fenster entsteht, das eine ganz neue Sicht auf die zentralen Stellen der Stadt kreiert, erklärt Breitenfeld. Es gehe darum, Blickachsen zu erzeugen, die an beiden Skulpturen ihre Koordinaten haben, erklärt Frisch, die als Architektin den Stadtraum und die ortsspezifische Situation grundsätzlich im Auge habe. Man habe nach speziellen Orten gesucht, erklärt sie. "Man soll dort die Skulpturen mit dem Loch gleich wahrnehmen." Zunächst sei ja eine Stelle am Marienplatz, schräg gegenüber des Biomarkts und mit Blick aufs Rathaus angedacht gewesen, erzählt Breitenfeld. Als er mit den Verantwortlichen vom Kunstverein allerdings die genaue Stelle aussuchen wollte, sei man über einen großen Stein gestolpert. "Ich hätte ihn ja ins Gebüsch geworfen", erzählt der Künstler mit einem leisen Lächeln, "da stellt sich heraus, dass das ein bedeutender Findling ist", - ein Marmorstein aus der Riß-Kaltzeit nämlich, den Ebersbergs Stadtarchivarin Antje Berberich vor Jahren bei Bauarbeiten entdeckt und der Stadt Ebersberg geschenkt hat. Stein vor Bronze also, so kommt die Bronze-Skulptur stattdessen in den Stadtpark.

Fotos seiner Skulpturen hat Thomas Breitenfeld schon mal nach Ebersberg mitgebracht.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

27 und 40 Kilogramm schwer sind die beiden Platten, die von unterschiedlichen Einbrennfarben und bizarren Rissen im Material gekennzeichnet sind. Bis zu einer Höhe von 2,20 Meter soll die Skulptur im Klosterbauhof reichen, wenn sie fertig in ihrer eisernen Halterung steht, die Platte im Stadtgarten wird noch etwas höher sein, um den Blick auf den benachbarten Kirchturm einzufangen. "Beim Sehen durch die Skulptur entsteht etwas Neues, da kommt etwas in Gang", erklärt der Künstler, so wie auch etwas Neues entstehe, wenn ein Mensch durch ein Tor eintrete, "es entwickelt sich etwas."

Bewegung, durch Zufall gelenkter Prozess, ist, was Breitenfeld interessiert. Die Ausbildungen zum Bronzegießer, Holzbildhauer, Metall- und Glockengießer und ein Studium an der Akademie der Bildenden Künste München eröffneten ihm den Blick auf die unterschiedlichsten Materialien, ihre Eigenschaften im Raum und ihre Verarbeitung. Natürlich habe er eine Vorstellung, wie sein fertiges Werk aussehen soll, oft aber gehe es ihm viel mehr um das Werden - das Spiel mit den Aggregatszuständen von Bronze oder auch Wachs: Dicke Formen etwa müsse man kalt gießen, dünne Formen heiß, erläutert er, "gießt man zu kalt, bilden sich Löcher". Beim Holz beschäftigt ihn die Belastbarkeit: Wie viel Dreidimensionalität kann es ertragen, wie viel Schwingung im Raum hält es aus? Wie sich aus feinsten Holzscheiben, gewonnen aus einem Holzklotz eine dreidimensionale Skulptur schaffen lässt, hat er 2017 mit seiner Diplomarbeit ausprobiert, für die er gedämpfte Scheiben von Eschenholz zu einer fünf mal vier mal fünf Meter großen schlangenförmigen hohlen Skulptur zusammengefügt hat, ganz ohne Kleber und Metall, "nur mit Schaschlikspießchen gestiftelt". Klar habe er eine grobe Vorstellung vom Ergebnis, am Ende aber sei er doch oft überrascht, was herauskommt. So wird auch spannend werden, wie die Ebersberger auf Breitenfelds Bronzeplatten reagieren, welche neuen Sichtweisen auf die Stadt sich darauf ergeben - und ob die fehlgepressten Platten einst gar Berühmtheit erlangen, so wie die 1972-er Scheibe von Cat Stevens.

Die beiden Bronzeskulpturen von Thomas Breitenfeld sollen am Donnerstag, 23. August, von Bürgermeister Walter Brilmayer enthüllt werden. Das fünfte Skulpturenprojekt der Stadt in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein wird um 18 Uhr eröffnet. Anschließend geht es dann weiter zum Skaterpark und zur vom Graffitikünstler Daniel Man besprühten Wand.