Den Anstoß für den alle zwei Jahre ausgelobten Wettbewerb für besonders bienenfreundliche Gemeinden hat das Bienenvolksbegehren 2019 gegeben. Die Stadt Dachau belegt in diesem Jahr den dritten Platz. Markt Schwaben im Landkreis Ebersberg und Unterhaching im Landkreis München bekamen Anerkennungsurkunden.
Der öffentliche Raum und seine naturnahe Gestaltung stehen im Fokus des Wettbewerbs, wie Jennifer Sandmeyer vom Bezirk Oberbayern erklärt. Eine zentrale Rolle spielen dabei die sogenannten „Eh-da“- Flächen, also Straßenränder, Mittelinseln oder Schulhöfe. Es fließen aber noch weitere Kriterien in die Bewertung ein, etwa, ob Gemeinden schon bei ihren Bauleitplanungen darauf achten, etwa Schottergärten zu verbieten oder tierfreundliche Zäune vorzugeben.
Mit der Schinderkreppe, einem Naherholungsgebiet auf einer einstigen Deponie für Bauschutt, und einer bienenfreundlichen Ecke im Schlossgarten hat die Stadt Dachau die Jury überzeugt. Erstere ist ein Naturparadies mit Wildbienen und Rote-Listen-Arten, Letztere wartet mit Honigbienen und einem Infogarten auf. Mit der Teilnahme am Wettbewerb habe man auch auf das besondere Dachauer Grünpflege-Konzept aufmerksam machen wollen, sagt Stefan Tischer, Leiter der Abteilung Stadtgrün im Rathaus.
Schon seit Jahren gibt es ein ökologisches Leitbild mit Fokus auf möglichst große Artenvielfalt. Außer bei besonders beanspruchten Flächen wie Spiel- und Bolzplätzen ist der Rasen abgeschafft. Stattdessen wachsen auf städtischen Grünflächen standortgerechte Wiesenmischungen. „Innerhalb von zwei Jahren geht das aber nicht, da braucht man Geduld“, sagt Tischer, peu a peu habe man die Straßenzüge umgestellt.


Wie bestellt ist an diesem Vormittag eine erste Klasse der Grundschule Dachau-Süd an der Schinderkreppe unterwegs, ausgestattet mit Becherlupen. „Wiese“ steht auf dem Stundenplan in Heimat- und Sachkunde. Dazu hat man sich Waldpädagogin Barbara Karcher vom Bund Naturschutz gebucht. „Das ist wunderbar hier“, schwärmt sie, „solche Wiesen findet man ja nirgends mehr“. Die Schinderkreppe wurde in früheren Jahrhunderten zur Entsorgung von Tierkadavern genutzt. Bis in die Siebzigerjahre diente sie als Deponie für Bauschutt und Gartenabfälle.
Oben am Hügel dürfen keine Bäume wachsen. Früher sei dort nur eine Grassteppe gewesen, erzählt Abteilungsleiter Stefan Tischer, in den vergangenen zehn Jahren habe man artenreichere Magerwiesen und Elemente wie Steinmauern oder Sandflecken angelegt. Heute gibt es Eidechsen, seltene Schmetterlinge und 18 verschiedene Wildbienen-Arten.

Ab Mitte des 16. Jahrhunderts residierte der Münchner Hof im Sommer gerne in Schloss Dachau, in luftiger Höhe über der Amper, mit Blick bis zu den Alpen. Auch einen Hofgarten gibt es hier oben, in dessen Landschaftsteil die Schlösserverwaltung fünf Bienenvölkern Obdach bietet. Die Bienen bestäuben nicht nur den Obstgarten sondern bieten unter der Regie von Imker Andreas Heidinger auch anschaulichen Unterricht für Kindergartenkinder: Heidinger hat einen Bienengarten geschaffen, in dem er zeigt, wie Bienen leben.
Er bemüht sich seit Jahren um neue Perspektiven im Umgang mit Natur und Landschaft, hat Bücher geschrieben, eine spezielle Wabenform für mehr Bienengesundheit entwickelt. Erste Voraussetzung für Veränderung ist Wissen um die Zusammenhänge. „Es ist so wenig Wissen vorhanden, das ist grausam“, sagt er. Deshalb setzt er bei den Kleinsten an, bietet Führungen durch den Bienengarten für Kindergärten. Dazu hat der Imker, der eigentlich Modellschreiner ist, einen Koppelhonigraum entwickelt, durch dessen Glasdach die Kinder den Bienen zuschauen können. Auch ein Bienenhaus gibt es, dort kann man mit Kopfhörern das Summen so richtig laut wahrnehmen.
Vom Militärflughafen zum Landschaftspark
Im Landschaftspark im südöstlichen Landkreis München, beidseits des aufgelassenen Flugfelds zwischen Unterhaching, Neubiberg und Ottobrunn, prägen Blühwiesen und vielfältige Gräser das Bild, aber auch ein bunter Mischwald, aufgeschüttete Hügel mit über 100 Obstbäumen und ein weitgehend naturbelassenes Stück des Hachinger Bachs gehören zum Gelände des ehemaligen Militärflughafens. 1997 hatte Unterhaching 126 Hektar der Fläche erworben, bald darauf gegen einige Widerstände die Schaffung eines Naherholungsgebiets mit extensivem Charakter beschlossen.

Mit einem Elektroauto der Gemeinde geht es von der Hachinger Heid geräuschlos hinein in den Park, am Steuer sitzt Simon Hötzl, Pressereferent des Rathauses Unterhaching. „Das einzige Auto, das darf“, kommentiert er. Was auf den Wiesen brütet und lebt, soll so wenig wie möglich gestört werden. Die breite Landebahn durchschneidet das Gelände von West nach Ost.
Sie war erhalten worden, weil eine Bevölkerungsmehrheit das wollte, auch, weil die Beseitigung des Asphaltbands, das einst gebaut worden war, um die Last militärischer Lastflugzeuge zu tragen, unendlich teuer wäre, wie Hötzl erklärt. Skater, Jogger, Spaziergänger, Radler und Board-Kiter aus den umliegenden Gemeinden wissen die Bahn zu schätzen, Jugendlichen dient sie an Sommerabenden als Flaniermeile.
Doch das, was rechts und links davon geschieht - oder besser nicht geschieht – ist es, was diesen Ort für Insekten so besonders macht. „Wir verwenden seit 20 Jahren keine Spritzmittel hier, keinen Unkrautvernichter, nichts“, sagt Hötzl. Lediglich zwei mal im Jahr würden die Wiesen gemäht, von Landwirten, die das Grün als Futtermittel verwenden, oder von den Schafen, die einen abgezäunten Teil beweiden. Erklärtes Ziel: Auf Dauer artenreiche Magerwiesen zu schaffen. Ob das gelingt, überprüft alle vier Jahre eine Forschungsgruppe auf festgelegten Planquadraten.

Dass Wiesenbrüter und Amphibien wie die Wechselkröte hier ebenfalls heimisch geworden sind, gehört zum Konzept, das mit dem Landratsamt und einem Planungsbüro für angewandten Naturschutz entwickelt wurde. Für Insekten ist der Park ein Paradies, neben Schmetterlingen und Wildbienen leben hier auch mehrere von Imkern betreute Honigbienenvölker, allerdings in streng begrenzter Zahl.
„Sie sollen keine Konkurrenz sein für die Wildbienen“, erklärt Cornelia Schütz, zuständig für Artenschutz im Unterhachinger Rathaus. Heftige Flugbewegungen vor einem Insektenhotel am Fuße der künstlichen Streuobsthügel an der westlichen Seite des Landschaftsparks, lassen erahnen, wie gut es den Wildbienen und ihren Verwandten im Landschaftspark geht.
Auch an anderen Stellen in der Gemeinde, am Utzweg etwa, stehen kleine Stückchen Magerwiese. Sie sollen helfen, eine Flächenvernetzung für die Insekten zu schaffen. „Wo wir stehen lassen können, lassen wir stehen“, sagt Hötzl. Manch ein Bürger ärgere sich zwar darüber, von wegen: früher sei alles viel gepflegter gewesen. „Aber alle haben unterschrieben damals, für ‚Rettet die Bienen‘ – und jetzt kann sich keiner mehr daran erinnern.“

Nicht nur bienenfreundlich sondern auch etwas fürs Auge sind die Mittelinseln im Gewerbegebiet am Grünwalder Weg. Hier haben die Mitarbeiter des gemeindlichen Bauhofs in allen Kreisverkehren bunt blühende Stauden gepflanzt: Fetthenne, Prachtkerze, Lavendel. Auf der Mittelinsel vor einem Küchenmarkt hat sich eine wilde Möhre dazwischen gesetzt. Auch sie darf bleiben. „Unsere Mitarbeiter werden geschult, damit sie nicht ausreißen, was eigentlich wachsen soll“, erklärt Schütz.
In Markt Schwaben gehören Wildpflanzen zum Konzept
Für Georg Mitterer, der sich ich für den Bauhof in Markt Schwaben im Landkreis Ebersberg um Grünanlagen und Bienen kümmert, gehören Wildpflanzen zum Konzept. Ein Treffen auf einem Parkplatz an der Isener Straße. „So richtig prickelnd sieht das hier nicht aus“, räumt er ein mit Blick auf die paar Flecken Blumenwiese, die dem Autofahrer als erstes ins Auge fallen, der von Pastetten her kommend in den Ort hinein fährt. Der größte Teil des grünen Zwickels, auf dem auch einige Obstbäume stehen, hat die einmalige Mahd schon hinter sich.
Doch Königskerzen, Ziest, Nachtkerzen, Wegwarte oder Lichtnelken stehen noch, bekommen die Zeit, abzusamen, um sich im nächsten Jahr von Neuem entwickeln zu können. Wichtig sei, so Mitterer, auch das Mähgut immer eine Weile liegen zu lassen, damit keine Samen verloren gehen – „da sparen wir ja auch Geld.“ Dann nimmt er behutsam die flächige Blüte einer wilden Möhre in die Hand, wo sich Insekten unterschiedlicher Größe tummeln, ihre Rüssel in Blütenkelche stecken, wegfliegen, wiederkommen. „Man muss stehen bleiben und sich Zeit nehmen, um zu sehen, was da wächst und lebt.“


Vor fünf Jahren habe man in Markt Schwaben angefangen mit einheimischem Saatgut für bienenfreundliche Pflanzen an verschiedenen Stellen und auf verschiedenen Böden zu experimentieren, erzählt Mitterer. Etwa auf der künstlich aufgeschütteten Anhöhe an der Münterstraße – wo der extrem magere Boden Pflanzen wie Wiesensalbei, die blaue Wegwarte oder das gelbe Labkraut gut gedeihen lässt. An der Ecke Isener/Erdinger Straße hat man extra die Grasnarbe abgetragen und mit Sand versetzt, um Magerboden zu schaffen. „Außenrum mähen wir, damit keiner meint, wir tun hier nichts.“

20 bis 25 gemeindeeigene Flächen seien in Markt Schwaben bienenfreundlich umgestaltet, im Stadtpark oder am Hennigbach habe man die Beleuchtung reduziert, damit sie keine nachtaktiven Insekten anzieht, berichtet Mitterer, der sich als Imker nicht nur mit Honigbienen auskennt, sondern auch stundenlang über die Gewohnheiten unterschiedlichster Wildbienenarten referieren kann.
„Wir beraten auch gerne, wenn Bürger zu uns kommen.“ Gemischte Blütenhecken, der Verzicht auf Zuchtpflanzen mit geschlossenen Blüten wie Forsythien und Flieder, auf Schottergärten sowieso, ein Bienenhotel im eigenen Garten, das alles könne helfen, die Vielfalt der Wildbienen zu erhalten – zu denen auch die Hummeln gehören . „Wildbienen stechen nicht, sie fliegen auch nicht an den Küchentisch. Man muss der Natur einfach einen Platz geben.“

Das Konzept scheint aufzugehen: 600 verschiedene Arten von Wildbienen habe eine Studentengruppe in Markt Schwaben gezählt, berichtet Mitterer. Und jede einzelne sei Teil der Nahrungskette, jede habe ihre Funktion. „Ohne Honigbienen könnten wir nicht überleben, weil sie für das Bestäuben von 80 Prozent unserer Nahrungsmittel zuständig sind. Und ohne Wildbienen gibt es keine Vögel.“

