bedeckt München

Coronavirus im Landkreis:Jetzt doch dunkelrot

Auch im Landkreis Ebersberg wird die nächste Corona-Warnstufe überschritten. Für Bürger, Gastwirte und Veranstalter gelten bald weitere Einschränkungen - die ersten Reaktionen sind kritisch

Von Anja Blum und Barbara Mooser, Ebersberg

Die Entwicklung hatte sich schon seit ein paar Tagen abgezeichnet: Auch im Landkreis Ebersberg steht die Corona-Warnampel nun auf Dunkelrot. Die Sieben-Tage-Inzidenz ist über die kritische Marke von 100 gestiegen und beträgt nun 106,33, weshalb auf Bürger, Veranstalter und Gastronomen neue Beschränkungen zukommen. Unter anderem müssen Gaststätten schon um 21 Uhr schließen, dann gilt auch ein Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen und ein Verkaufsverbot von Alkohol an Tankstellen. Veranstaltungen sind nur noch mit maximal 50 Besuchern erlaubt, ausgenommen sind Gottesdienste, Demonstrationen und Hochschulveranstaltungen. Laut Landratsamt gelten die neuen Regeln frühestens von Donnerstag an; die zeitliche Verzögerung hängt mit Meldeabläufen zusammen.

Stand Dienstag waren im Landkreis 172 Infizierte gemeldet, 1223 Landkreisbewohner sind als Kontaktpersonen in Quarantäne. Das Diagnostikzentrum im Kreissparkassengebäude hat seine Kapazitäten massiv ausgeweitet, allein am Montag kamen 620 Menschen hierher, um einen Abstrich machen zu lassen. Das Landratsamt weist darauf hin, dass wegen der hohen Anzahl an Untersuchungen sich die Benachrichtigung durch das Gesundheitsamt zeitlich verzögern kann. Man arbeite hier aktuell an einer Portallösung, über die sich die Getesteten selbständig informieren können, teilt die Behörde mit. Zudem soll die Teststrategie für Kontaktpersonen der Kategorie 1 geändert werden, die keine Symptome haben. Sie sollen künftig standardmäßig nur noch einmal getestet werden, ein zweites Mal nur, wenn sie Krankheitsanzeichen entwickeln.

Die Betroffenen im Landkreis reagieren auf die neue Situation mit heftiger Kritik. Ohnehin schon lange schwer gezeichnet von den Corona-Auflagen sind die zahllosen Veranstalter in der Region. Seien sie ehrenamtlich oder kommerziell, groß oder klein: Ohne Hygienekonzept geht nichts mehr. Obendrein übt sich das Publikum seit Monaten in Zurückhaltung, sodass es immer schwieriger wird, Kultur zumindest kostenneutral zu gestalten. Nun, da Ebersberg in die dunkelrote Ampelphase eingetreten ist, dürfen nur mehr 50 Menschen an Veranstaltungen teilnehmen - egal, wie viel Platz wäre. Dies betrifft freilich vor allem größere Säle wie die Grafinger Stadthalle oder den Alten Speicher in Ebersberg, in dem bislang 200 Gäste erlaubt waren. Dessen Manager Markus Bachmeier ist die monatelange Hängepartie deutlich anzumerken. "Nur noch 50?", sagt er, "darauf lasse ich mich gar nicht ein, das macht keinen Sinn, denn es ist ja schon von einem Lockdown light die Rede. Wir denken hier von Tag zu Tag, ja - aber stundenweise? Nein." Der Bühnenchef geht davon aus, dass ohnehin bald wieder Schluss sein wird mit Veranstaltungen, sodass dann nur noch Livestreams infrage kämen. Wie gut, dass das Ebersberger Team diese schon jetzt zusätzlich anbietet.

Aber auch kleinere Bühnen, die ohnehin nie mehr als 50 Gäste haben, werden unter der neuen Warnstufe leiden, da sie die Unsicherheit verschärft und erneut viele Details hinterfragt werden müssen. Zum Beispiel Thema Sperrstunde: "Muss nun der Veranstaltungsbeginn vorverlegt werden?", fragt sich Hanno Größl von der Schrottgalerie in Glonn und klagt: "Es wird langsam echt mühsam!" Später stellt sich heraus: Konzerte müssen nicht um 21 Uhr enden, denn der Zapfenstreich gilt nur für den Alkoholausschank. Auch beim Jazz in der Grafinger Stadthalle am Donnerstagabend gelten strenge Regeln, zum Beispiel darf die Theke nur zu Beginn geöffnet werden. Und doch sei man froh, sagt Frank Haschler vom Verein Jazz Grafing, dass die Session überhaupt stattfinden könne. "Die Leute dürsten nach Live-Kultur!"

"Es ist eine totale Katastrophe", sagt auch Franz Schwaiger, Kreisvorsitzender der Hotel- und Gaststättenverbands. Für ihn sei nicht nachvollziehbar, warum ausgerechnet die Gastronomie so stark eingeschränkt werde, wenn zum einen die Zahl der Infektionen in diesem Rahmen nachgewiesenermaßen extrem niedrig sei, und außerdem die Wirte aus Eigeninteresse sehr darauf achteten, dass Abstände eingehalten und Hygieneregeln beachtet würden - wie dies eben im privaten Rahmen niemals möglich sei.

Leidtragende seien nun außer den Wirten selbst auch wieder die Beschäftigten, die statt acht Stunden nun eben nur drei oder vier arbeiten könnten. Er überlege sogar, sagt Schwaiger, ob er angesichts der drohenden neuen Einschränkungen die Abendgastronomie ganz schließe. Normalerweise ist bei ihm unter der Woche bis etwa halb elf oder elf Uhr abends Betrieb. Viele Menschen hätten eben nicht schon um 18 Uhr Zeit, sich zu treffen, so Schwaiger. Auch für diejenigen, die nach einer Vereinsveranstaltung oder Chorprobe gern noch ins Gasthaus gingen, wird die Zeit jetzt zu knapp. Er kenne inzwischen einige Kollegen, die erwägten, gegen die immer stärkeren Einschränkungen der Gastronomie vor Gericht zu ziehen, sagt der Dehoga-Kreischef.

Beim Landratsamt weist man aber auf Versäumnisse etlicher Gastwirte hin: Bei einer Beratungsaktion seien in den vergangenen zehn Tagen sechzig Betriebe besucht worden, informiert die Behörde in einer Pressemitteilung. Nur sieben von ihnen hätten ein Schutz- und Hygienekonzept, das den Anforderungen entsprochen habe. Vierzehn hatten Maßnahmen getroffen, aber kein Konzept dazu. "Beim Rest besteht ein erhöhter Beratungsbedarf", so das Urteil des Landratsamts.

© SZ vom 28.10.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite