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Kundgebung in Poing:Draußen vor der Tür

In Poing demonstrieren Gegner der Corona-Präventionsmaßnahmen am Sportzentrum. Drinnen tagt der Gemeinderat, der kürzlich ein klares Statement abgegeben hatte

Von Johanna Feckl und Barbara Mooser, Poing

Die Demonstration wird von einem großen Polizeiaufgebot bewacht.

(Foto: Christian Endt)

Bürgermeister Thomas Stark (parteilos) erwähnt das, was draußen vor der Tür passiert, nicht mit einem Wort. Am Anfang der Sitzung im Poinger Sportzentrum überreicht er Gemeinderat Franz Langlechner erst einmal einen Geschenkkorb, nachträglich zum runden Geburtstag. Nur manchmal dringen Wortfetzen aus den Lautsprechern in die Halle, das ist das einzige, was an diesem Donnerstagabend bei der Sitzung des Gemeinderats anders ist als sonst. Doch draußen ist klar, es ist etwas ganz entschieden anders: Verschiedene Gruppen von Corona-Kritikern haben sich vor der Halle versammelt, insgesamt stehen etwa 70 Menschen auf den Parkplätzen, die von den rot-weißen Flatterbändern eingezäunt sind. Ein großes Polizeiaufgebot ist präsent.

Angemeldet hat die Demonstration der in Landshut ansässige Verein "Bayern steht zusammen", einer der Hauptakteure Bernd T. Dreyer stellt sich als Gesundheits- und Ernährungscoach vor, er ist auch als Aktiver bei "Querdenken 871" bekannt. Im Laufe des Abends schließen sich auch die Gegner der Corona-Maßnahmen an, die jeden Donnerstag am Marktplatz ein paar Hundert Meter weiter demonstrieren, an diesem Abend aber ihre eigene Kundgebung nach wenigen Minuten beendet haben.

Auch die Truppe von "Die Partei" ist wieder dabei

Dass die Demonstranten sich vor der Halle versammelt haben, hat einen Grund - und zwar den, dass der Poinger Gemeinderat fraktionsübergreifend verurteilt hat, dass auf einer Demonstration der Querdenker Ende Januar ein Redner gegen Charlotte Knobloch, die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, gepöbelt und die eigene Situation mit der von Juden im Holocaust gleichgesetzt hatte. Mehr als 100 Menschen hatten eine Woche später bei einer Demonstration deutlich gemacht, dass sie antisemitisches Gedankengut ebenso wie solche Vergleiche in Poing nicht dulden werden.

Eine Rednerin, die sich als Kathrin aus Poing vorstellt, hat das geärgert, wie sie am Donnerstagabend sagt. Der Sprecher damals sei weder antisemitisch noch rechtsradikal, auch wenn der Vergleich vielleicht "überspitzt und kritikwürdig" gewesen sei. Dann spulen die Corona-Kritiker ihr übliches Programm ab; von der "mittelschweren Grippe", die Corona sei, ist da die Rede, von der "medialen Hetzjagd" auf Andersdenkende, sogar Karl Hilz, früherer Polizist und heute eine der Galionsfiguren der Querdenker-Bewegung, darf schon wieder auf die Bühne und seine Litanei der Schäden aufzählen, die durchs Maskentragen entstehen. Mundfäule soll eine davon sein.

Das Aktionsbündnis "Respekt@Poing" bezieht mit einem Plakat Stellung.

(Foto: Christian Endt)

Am Rand der Demonstration steht eine Gruppe junger Leute, denen dazu wohl einiges einfallen würde, doch ihr Megafon dürfen sie hier nicht benutzen, das haben sie mit der Polizei abgesprochen, sie sind ganz offiziell nur Veranstaltungsteilnehmer, "mit Plakaten unserer Art", sagt Dimitrios Diamantidis. Auf seinem steht: "Rechte einschränken". Er und seine Mitstreiter vom Erdinger Kreisverband der Satirepartei "Die Partei" haben ebenfalls spontan ihren Standort gewechselt, eigentlich wollten sie auf dem Marktplatz einen Kontrapunkt zur üblichen Querdenker-Demo setzen. Das haben sie in den vergangenen Monaten schon mehrmals gemacht, "Freunde von mir sind angegriffen, beleidigt und angepöbelt worden", erzählt Diamantidis. Auch den Hitlergruß hat einmal einer aus den Reihen der Corona-Kritiker den Gegendemonstranten gezeigt, der Mann wurde vor zwei Wochen zu einer Geldstrafe verurteilt.

Im Laufe des Abends verzieht sich ein Teil der Zuhörer, kurz nach 21 Uhr löst sich die Kundgebung ganz auf. Die Sitzung drinnen in der Halle verläuft ohne Störungen. Auch insgesamt registriert die Polizei keine größeren Vorfälle. Nur ein Anwohner ein paar Straßen weiter beschwert sich - wegen der Lautstärke.

© SZ vom 26.02.2021
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