Die Meldung war unspektakulär, nur ein paar Zeilen lang: Bei einem 54-jährigen Geschäftsmann mit beruflichen Kontakten nach Italien sei am 28. Februar 2020 das Coronavirus nachgewiesen worden, teilte das Landratsamt am 1. März, einem Sonntag, mit. In roter Schrift hob die Behörde eineinhalb Sätze der Pressemitteilung hervor: „ohne dass bei ihm irgendwelche Symptome festzustellen waren. Der Geschäftsmann ließ sich aufgrund seiner beruflichen Kontakte nach Italien prophylaktisch untersuchen.“ Die Botschaft war klar: kein Grund zur Panik.
Corona war im Landkreis Ebersberg angekommen, doch welche Auswirkungen das Virus auf das Leben in der Region, auf das Miteinander, das Gesundheitssystem, die Schulen, die Arbeitswelt – auf einfach alles – haben würde, das war an diesem Sonntag nicht abzusehen. Man hoffte im Landkreis, wie auch im Rest der Welt, dass sich das damals noch als „neuartig“ bezeichnete Virus einfach irgendwann wieder verziehen würde. Eine Weile auf den Handschlag verzichten, zur Begrüßung die Fußknöchel aneinanderschlagen, notfalls etwas Desinfektionsgel verreiben – anfangs bestand jedenfalls noch die Hoffnung, dass das reichen würde. Und Witze über Corona-Bier waren damals tatsächlich noch witzig. Ein bisschen jedenfalls.

Dann kamen die Bilder aus Bergamo, von langen Leichentransporten und Patienten, die in überfüllten Sälen in italienischen Krankenhäusern auf dem Bauch lagen. Brigitte Keller, die den Corona-Krisenstab im Ebersberger Landratsamt geleitet hat, erinnert sich noch genau an den Tag, an dem ihr der Ernst der Lage bewusst wurde: Es war der 12. März, ihr Geburtstag. Sie hatte das Telefon der Landratsamts-Zentrale auf sich umgestellt, „falls was wäre“, sagt sie. Zum Feiern blieb keine Zeit, stattdessen hing das Geburtstagskind am Telefon, am nächsten Morgen waren erst acht Anrufe in der Warteschleife, dann zwölf, dann immer mehr. „Da war mir klar: Das wird was Schwieriges und Großes“, sagt Keller heute. Später saßen bis zu 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Landratsamt am Telefon, um die unzähligen Fragen der Menschen im Landkreis zu beantworten – soweit das überhaupt möglich war.

Denn es gab ja keine Erfahrungen mit einer Pandemie, niemand konnte damals sagen, wie schlimm es im Landkreis werden würde. Die Bilder aus Bergamo veranlassten den Landkreis beispielsweise, im April 2020 eine Hilfsklinik in der Dreifachturnhalle der Realschule einzurichten. 105 Patienten hätten hier behandelt werden können, Kinder verzierten die Wände mit bunten Bildern. Die Klinik wurde glücklicherweise nie gebraucht. Brigitte Keller erzählt von einem Moment in der Pandemie, der ihr immer noch Gänsehaut verursacht, wenn sie daran denkt: Als sie gefragt wurde, wie viele Leichensäcke der Landkreis denn wohl benötigen werde. „Das sind so Sachen, die vergisst man nie“, sagt sie.
Dass es nicht so schlimm wie in Bergamo wurde, heißt freilich nicht, dass die Corona-Jahre nicht eine sehr schlimme Zeit für viele Menschen im Landkreis wurden. Ende März 2020 starb in der Ebersberger Kreisklinik ein 80-jähriger Mann, der an Corona erkrankt war, es war der erste offizielle Corona-Tote. Auch in den Wochen und Monaten darauf mussten viele Familien erleben, dass ihre Lieben am oder mit dem Virus starben – oft ganz allein, ohne eine vertraute Person an ihrer Seite, denn in der Kreisklinik galten wie überall strenge Zutrittsregeln für Besucher. Bis zum 1. Juni 2023 wurden im Landkreis Ebersberg 326 Corona-Tote registriert, danach wurde die Statistik des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) nicht mehr weitergeführt.

Für die Beschäftigten in der Kreisklinik bedeutete Corona mehr als zwei Jahre lang: Arbeit am Anschlag. „Wir sind im roten Drehzahlbereich“, beschrieb es Klinik-Geschäftsführer Stefan Huber Anfang Dezember 2020. „Wir saufen komplett ab“, sagte er fast ein Jahr später, als sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gegen die nächste Winter-Welle stemmten, im ganzen Münchner Umland kein einziges Intensivbett mehr frei war, Patienten nach Ulm verlegt werden mussten und Ebersberg auf dem besten Weg war, ein Hotspot zu werden.

Corona auf der Ebersberger Intensivstation:Im Sturm
An der Ebersberger Kreisklinik muss in diesen Tagen wegen der vielen Corona-Patienten oft improvisiert werden - beim Personal und bei den Räumlichkeiten. Ein Besuch auf der Intensivstation.
Doch auch in den Pflegeheimen im Landkreis litten die Menschen massiv unter der Seuche – in vielerlei Hinsicht. Zum einen hatte das Virus unter alten und vorerkrankten Menschen ein besonders leichtes Spiel – im Awo-Heim in Markt Schwaben etwa starben im Januar 2021 innerhalb von nur gut zwei Wochen 19 Bewohnerinnen und Bewohner, die an Corona erkrankt waren. Doch schlimm war für viele auch die Einsamkeit, die sie während der verschiedenen Lockdowns ertragen mussten. Familie und Freunde durften nicht zu ihnen, vor allem jene Menschen, die an Demenz litten, konnten das selten verstehen. Der frühere Ebersberger Pfarrer Hans Dieter Strack erzählte später davon, wie er mit Babyfon vor dem Fenster seiner demenzkranken Frau stand und versuchte, mit ihr zu kommunizieren.

Während im ersten Jahr Abstand das Einzige war, was vor einer Ansteckung schützte, gab Ende 2020 die Impfung Hoffnung. Im früheren Sparkassengebäude, wo bereits das Testzentrum untergebracht war, nahm am Sonntag nach den Weihnachtsfeiertagen das Impfzentrum seinen Betrieb auf. Zwei ältere Herren waren die Pioniere, einer von ihnen war Konrad Seidl, der viele Jahre lang in Grafing als Hausarzt tätig war und in der Pandemie mit gutem Beispiel vorangehen wollte. „Ich habe überhaupt nicht gezögert. Ich hatte keine Zweifel an der Impfung, auch an dem Tag nicht“, erinnerte er sich später.


An die Impfung zu kommen, das war indes zunächst einmal gar nicht leicht. Ältere und vorerkrankte Menschen hatten Vorrang – wie viele andere verbanden sie mit der Impfung die Hoffnung, dass danach endlich wieder ein normales Leben möglich sein könnte, und zelebrierten den Impf-Tag sogar ein bisschen. Festlich gekleidet in Tracht erschienen etliche, meist waren sie viel zu früh da und nutzten die Gelegenheit dazu, endlich mal wieder mit anderen zu ratschen, das ist eine der Erinnerungen von Liam Klages, der das Impfzentrum leitete, und seiner späteren Nachfolgerin Laura von Winterfeld. Gerade einmal 20 war Klages, als er in Ebersberg startete – eine Tatsache, die bundesweit Aufsehen erregte. Diejenigen, die dachten, er sei zu jung für eine so verantwortungsvolle Aufgabe, wurden eines Besseren belehrt: Am Ende wurde Klages mit viel Lob verabschiedet.
Doch auch die Ärzte im Landkreis und die Blaulichtorganisationen leisteten Großartiges, um die Impfkampagne im Landkreis voranzubringen. Gemeinsam organisierten Marc Block, ärztlicher Koordinator in der Corona-Pandemie, die Mitarbeiter des Corona-Krisenstabs im Landratsamt und Liam Klages im Mai 2021 den ersten und größten Impftag im Landkreis. Sogar in der Tiefgarage des Sparkassenbaus und in der Volksfesthalle waren damals Impfkabinen aufgebaut. Der Zusammenhalt und der Wunsch, diese Herausforderung gemeinsam zu stemmen, sei großartig gewesen, das ist eine der positiven Erinnerungen, die Krisenstab-Leiterin Brigitte Keller aus der Corona-Pandemie mitgenommen hat. „Es war die arbeitsintensivste, aber bisher auch schönste Zeit in meinem Leben“, sagte auch Liam Klages, als das Impfzentrum Ende 2022 geschlossen wurde.


Auch außerhalb der Institutionen halfen die Ebersberger einander und trugen dazu bei, dass das gesellschaftliche Leben nicht ganz zum Erliegen kam: Sie nähten gemeinsam Stoffmasken, als es noch keine anderen gab, organisierten Einkaufsdienste für besonders gefährdete Gruppen, stampften Online-Sport-Angebote aus dem Boden, um wenigstens auf diese Weise zusammen sein zu können. Das Alte Kino machte sein Programm vor Kameras und streamte es in die Ebersberger Haushalte, sogar eine Serie entstand.
Doch es gab auch etliche, die nicht vom Sinn des Impfens und der Corona-Schutzmaßnahmen überzeugt waren. Schon im Mai 2020 fand in Ebersberg die erste Demonstration dagegen statt, später gab es auch im Landkreis die sogenannten „Montagsspaziergänge“. In Grafing verwehrte sich der damalige Pfarrer Anicet Mutonkole-Muyombi schließlich gegen die Versammlungen vor seiner Kirche. Vor allem bei den Demonstrationen in Poing wurden oft Grenzen überschritten: Mal wurde der Hitlergruß gezeigt, mal wurden die Einschränkungen wegen der Pandemie mit der Situation der Juden im Nationalsozialismus gleichgesetzt – ein Weg, der immer öfter auch vor Gericht führte.


Corona hat heute den Schrecken verloren, den das Virus vor fünf Jahren noch hatte, aber diese Entwicklungen, die damals ihren Anfang genommen haben, sind geblieben – und werden, so ist zu befürchten, wohl der Gesellschaft mehr Schaden zufügen als die Krankheit selbst.

