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Corona im Landkreis:"Wir fühlen uns gerüstet für eine zweite Welle"

Die Kreisklinik Ebersberg hat aus den ersten Monaten mit Corona ihre Lehren gezogen. Eine Herausforderung ist die Krankheit aber nicht nur aus fachlicher Sicht - auch finanziell wird sie sich negativ auswirken

Interview von Barbara Mooser

Das Corona-Jahr 2020 fordert auch die Kliniken. Nicht nur in fachlicher Hinsicht, auch finanziell kann es für sie sehr schwierig werden. Das zeigt die vor Kurzem erschienene "Krankenhausstudie 2020" der Unternehmensberatung Roland Berger. 57 Prozent der Geschäftsführer der 600 größten deutschen Kliniken rechnen in diesem Jahr mit einem Defizit, unter anderem deshalb, weil in den Intensivstationen Betten für Corona-Patienten freigehalten werden mussten. Doch auch kleinere Häuser müssen durchaus kämpfen, wie Stefan Huber, Geschäftsführer der Ebersberger Kreisklinik, im Interview erläutert.

SZ: Wie war denn bei Ihnen die Auslastung der Intensivstation in der Corona-Zeit?

Stefan Huber: Die Definition der "Corona-Zeit" ist erforderlich, um die Frage konkret beantworten zu können. Denn Corona-Zeit ist für uns grundsätzlich noch immer, und die Zeit wird uns wohl noch länger erhalten bleiben. Wenn Sie den Zeitraum meinen, in dem wir keine planbaren Operationen und dergleichen durchführen durften, dann betrifft das hauptsächlich die Monate März bis Mai. Die Auslastung der Intensivstation zu dieser Zeit war sehr unterschiedlich. Sie lag zwischen 30 und 90 Prozent unserer 16 Planbetten. Wir haben aber zur Hochphase der Coronainfektionen zehn weitere Beatmungsplätze eingerichtet und zur Verfügung gestellt. Diese mussten zum Glück nicht betrieben werden.

Reicht die Kompensation, die Sie für frei gehaltene Intensivbetten erhalten haben?

Wie viel Kompensation wir für ein freigehaltenes Intensivbett erhalten, ist nicht komplett zu beantworten, denn die Berechnung der Ausgleichszahlung ist nicht auf diese Betten allein ausgelegt, sondern richtet sich nach der Gesamtzahl der freien Betten im Verhältnis zur durchschnittlichen Bettenauslastung des gesamten Vorjahres. Wir hatten im Jahr 2019 etwa 253 Betten durchschnittlich über 365 Tage belegt. Wir erhalten noch bis Ende September 2020 für jeden Tag für jedes unterdurchschnittlich belegtes Bett eine Pauschalvergütung von 560 Euro vom Bund. Egal, ob es ein Intensivbett ist oder ein normales Pflegebett auf einer Pflegestation. Als Beispiel: Haben wir heute 260 Patienten in der Klinik, dann erhalten wir null Euro Ausgleichszahlung für heute. Hätten wir heute 210 Patienten in der Klinik, dann würden wir heute eine pauschale Ausgleichszahlung von 24 080 Euro erhalten. Unser durchschnittlicher Tageserlös in normalen Zeiten beträgt 660 Euro. Also 100 Euro mehr als die Ausgleichszahlung. Klar verbrauchen wir bei einem nicht belegtem Bett auch weniger Ressourcen - Material, Verpflegung und dergleichen -, aber der Hauptkostenanteil Personal reduziert sich durch eine geringere Belegung nicht. Wir mussten ja alle Kapazitäten vorhalten und gerade auf der Intensivstation und der Corona-Station mehr Personal einsetzen und auch einweisen. Die Kompensation wird also leider nicht komplett ausreichen. Wir erhalten dankenswerterweise auch noch vom Freistaat Bayern Unterstützungsleistungen. Aktuell gehen wir aber davon aus, dass uns schon ein wirtschaftlicher Schaden durch Corona entsteht.

Gut vorbereitet auf den Herbst: Ärztlicher Direktor Peter Kreissl (links) und Ingrid Schwarz, Bereichsleiterin der Inneren Medizin, zeigen Landrat Robert Niedergesäß den Bestand an Infektionsschutzausrüstungen.

(Foto: Kreisklinik/oh)

Wie haben sich die Patientenzahlen in diesem Jahr im Vergleich zum Vorjahr entwickelt? Sind sie inzwischen wieder auf normalem Niveau?

Wir hatten im Verhältnis zu den umliegenden Kliniken einen höheren Zuspruch von Notfallpatienten, was sicherlich auch dran liegt, dass wir eine hochwertige erweiterte Notfallversorgung bieten können. Trotzdem sind in den Monaten März bis Mai die Patientenzahlen im Verhältnis zum Vorjahr um etwa 30 Prozent zurückgegangen. Andere Kliniken hatten 50 bis sogar 100 Prozent Rückgang! Wir sind aktuell fast wieder ganz auf normalem Niveau. Das ist insbesondere deswegen erstaunlich, weil umliegende Kliniken noch immer eine sehr geringe Belegung haben.

Mit welchen Defizit rechnen Sie in diesem Jahr, und wie wäre es ohne Corona ausgefallen?

Diese Frage kann man aktuell nicht seriös beantworten. Wir hatten letztes Jahr ein sehr erfolgreiches Jahr für die Klinik. Zehn Prozent Umsatz- und Leistungssteigerung. Operativ haben wir einen Gewinn von etwa 650 000 Euro erzielt. Das war außergewöhnlich gut in einer Phase, in der um uns herum Kliniken erhebliche Probleme hatten. Dieses Jahr haben wir ein Defizit geplant, aber es sind momentan zu viele Einwirkungsfaktoren, welche uns eine Prognose fast unmöglich machen. Wir haben im Oktober Budgetverhandlungen mit den Krankenkassen. Viel wird vom Ergebnis dieser Verhandlungen abhängen. Aber auch die Frage, ob wir die Förderkriterien für die Geburtshilfeabteilung erfüllen, wird das Ergebnis erheblich beeinflussen. Da sind Einflussfaktoren im Rahmen von einer bis drei Millionen Euro im Spiel.

Gibt es Konsequenzen, die Sie aus der Corona-Krise ziehen wollen, beispielsweise noch mehr Kooperationen mit anderen Krankenhäusern oder mehr digitale Angebote?

Ja, einige. Wir haben erheblich Home- Office-Arbeitsplatzmöglichkeiten geschaffen. Die Digitalisierung hat auch bei uns einen großen Schritt erlebt. Wir haben Videokonferenzen, der Start der komplett digitalen Patientendatendokumentation beginnt noch dieses Jahr, es wird eine Onlineterminierung geben und vieles mehr. Zudem konnten wir auch dank der Unterstützung des Freistaates Bayern unsere Intensivbeatmungskapazitäten aktuell um fünf Plätze erweitern. Wir haben inzwischen mehrere Isolationskonzepte, welche wir dem jeweiligen aktuellen Infektionsgeschehen flexibel anpassen können. Was die Kooperationen betrifft, haben wir in der Krise gesehen, dass wir für umliegende Kliniken unter anderem ein wichtiger Notfallversorger sind. Sei es in der Notaufnahme oder in der Kardiologie - wir waren stets versorgungs- und aufnahmebereit.

Stefan Huber, GF Kreisklinik Ebersberg

Seit Februar 2009 ist Stefan Huber Geschäftsführer der Kreisklinik Ebersberg. Zuvor war der Verwaltungsfachwirt und Diplombetriebswirt aus Vaterstetten Verwaltungsleiter einer Privatklinik am Starnberger See.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Fühlen Sie sich gerüstet, sollte eine zweite Welle kommen?

Ja, wir fühlen uns grundsätzlich für eine zweite Welle gerüstet. Wobei wir weiterhin Pflegestellen frei haben und zusätzliche personelle Unterstützung im Bereich der Pflege gerne annehmen. Wir sind in der Lage, bis zu 100 zusätzliche Betten mit Sauerstoffanschlüssen bereitzustellen. Das können wir dank unseres Pfarrer-Guggetzer-Hauses, das der Landkreis glücklicherweise vor ein paar Jahren als Ersatzbau für die inzwischen abgeschlossene Neubaumaßnahme zur Verfügung gestellt hat. Ich persönlich bin der Ansicht, dass es nicht zu einer nicht beherrschbaren zweiten Welle kommen wird. Die aktuellen Zahlen bayernweit zeigen deutlich, dass Corona in der stationären Versorgung keine große Rolle spielt. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass die ältere Bevölkerung sich entsprechend zu schützen weiß und dass die Neuinfektionen offensichtlich die jüngere Generation stärker treffen. Diese jungen Leute sind allerdings seltener so krank durch Corona, dass sie stationär behandelt werden müssten. Ich denke also, die zweite Welle wird - sollte sie kommen - anders ausschauen als die erste. In der Bevölkerung nimmt die Zahl der Fälle durch die Urlaubs- und Reiserückkehrer zu - aber diese Entwicklung ist bisher nicht in den Kliniken angekommen.

Welche Lehren ziehen Sie aus der ersten Welle?

Als man noch weniger von dieser Krankheit wusste, war viel die Rede davon, ob die Bettenkapazitäten wohl ausreichen. Uns ist in der ersten Welle aber klargeworden, dass die Bettenkapazität nicht wirklich entscheidend ist. Das Problem ist die begrenzte Anzahl invasiver Beatmungsplätze. Denn Covid-19-Patienten liegen zwischen 15 und 20 Tage auf der Intensivstation und müssen beatmet werden, das ist sehr viel länger als bei den meisten anderen Infektionskrankheiten. Hier können also am ehesten Engpässe entstehen. Wir hatten bisher zehn Beatmungsmöglichkeiten, inzwischen sind es bis zu 30 Beatmungsplätze, wenn wir unsere Kapazitäten voll auslasten. Wir sind also gut gerüstet. In der ersten Welle hatten wir maximal fünf Patienten gleichzeitig an der Beatmung.

© SZ vom 19.08.2020
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