Süddeutsche Zeitung

Corona im Landkreis Ebersberg:"Ich würde mir wünschen, dass es mal eine feste Linie gibt, die wir entlanggehen können"

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Die Pandemie ist mit voller Kraft zurück. Auch zu Beginn dieses Winters schießen die Corona-Zahlen bundesweit in die Höhe. Wie gehen die Bürgerinnen und Bürger im Landkreis Ebersberg damit um? Ein Stimmungsbild aus verschiedenen Lebensbereichen

Von Anja Blum, Andreas Junkmann, Marie Schmidt, Michaela Pelz, Thorsten Rienth und Barbara Mooser

Man hat das Gefühl, man befindet sich in einer Zeitschleife der besonders üblen Art: Die Zahl der Coronainfektionen erreicht nie gekannte Dimensionen, Veranstaltungen werden abgesagt, das öffentliche Leben kommt langsam wieder zum Stillstand. Kurz: Der zweite Corona-Winter scheint wieder düster zu werden. Wie erleben das die Menschen im Landkreis? Die SZ Ebersberg hat einige von ihnen gefragt.

Angst vor der Lücke

Helen Hamburger, Vorsitzende der Grafinger Jugendinitiative Jig: In einem Jugendtreff nicht an der Theke herumsitzen zu können, das hat über die Monate schon ziemlich auf die Motivation der Aktiven gedrückt. Und fehlende Motivation ist in einem selbstverwalteten Jugendzentrum ein wirkliches Problem. Wir haben vor einer ganzen Weile schon 3Gplus eingeführt dann vor ungefähr vier Wochen 2G. Damit konnten wir den Thekenraum wieder öffnen. Das hat allen unglaublich gut getan! Unsere Sorge ist, dass auf die steigenden Hospitalisierungsraten wieder Einschränkungen folgen müssen. Die haben dazu geführt, dass über eineinhalb Jahre kaum neue Leute zu uns gekommen sind. Diese Lücke ist echt ein schwieriger Punkt für uns: Der harte Kern der Aktiven ist vielleicht drei, vier, fünf Jahre bei uns. Dann geht die Ausbildung oder die Uni los und die Freizeit wird kürzer. Je länger bei uns kein "Nachwuchs" reinwächst, desto schwieriger wird es also perspektivisch für unsere Einrichtung.

Immer abwägen

Jan Paeplow, Bürgermeister von Kirchseeon: Wir wollten in diesem Jahr eine neue Art der Bürgerversammlung ausprobieren. Geplant war ein Format, das noch näher an den Menschen sein sollte mit Info-Ständen der einzelnen Abteilungen im Rathaus. Es sollte ein direkter Austausch zwischen Verwaltung und den Bürgern stattfinden. An dem Konzept arbeiten wir schon seit Sommer. Leider mussten wir die Veranstaltungen in Kirchseeon und Eglharting nun absagen. Das ist bedauerlich, weil wir uns schon sehr darauf gefreut haben. Aber in der jetzigen Situation ein Format umzusetzen, das vor allem vom direkten Austausch lebt, ist völlig unmöglich. Auch was die Sitzungen des Gemeinderates angeht, müssen wir jetzt abwägen. Einerseits sollen die Hürden für die Teilnahme so gering wie möglich sein, andererseits müssen alle, die dort hinkommen, auch gut geschützt sein. Es ist eine schwere Situation, die wir jetzt leider schon seit zwei Jahren kennen. Aber man muss auch sagen, dass wir inzwischen schon Erfahrungswerte gesammelt haben, wie man damit umgeht.

Kollegen bekommen einiges ab

Ulrich Milius, Leiter der Polizeiinspektion in Ebersberg: Die vierte Welle bedeutet vor allem, dass zusätzliche Aufgaben auf uns zukommen. Wie die Politik verlautbaren hat lassen, sind zusätzliche Kontrollen durchzuführen. Das ist auch notwendig, muss aber natürlich zusätzlich zu unserem Tagesgeschäft gemacht werden. Wir stellen fest, dass nach fast zwei Jahren Pandemie viele Bürger verzweifelt oder frustriert sind, das kriegen unsere Kolleginnen und Kollegen oft auch ab. Wir verstehen die Bürgerinnen und Bürger ja auch in gewisser Weise, uns geht es im Privaten ja nicht anders: Irgendwann hat man einfach die Nase voll. Dennoch ist es nun einmal so, dass diese Maßnahmen notwendig sind, um die Pandemie endlich zu beenden.

Schweren Herzens abgesagt

Matthias Gerstner, Kantor, Musiker und Leiter der Reihe "Bach & more": Eigentlich hatte ich gehofft, in diesem Herbst und Winter viele schöne Konzerte anbieten zu können - aber nun ist es doch wieder schwierig. Zwar sind kulturelle Veranstaltungen derzeit nicht verboten, aber bei den aktuellen Inzidenzwerten ist das Risiko, sich zu infizieren, schon hoch. Am Sonntag war eigentlich ein großes, wunderschönes Chor- und Orchesterkonzert in Baldham geplant, aber das habe ich jetzt schweren Herzens abgesagt. Zwar sind meine Sängerinnen und Sänger alle durchgeimpft, aber die Solisten und Instrumentalisten leider nur teilweise. Und auch wenn die 2-G-Regelung gilt, gibt es immer wieder Impfdurchbrüche, und bei so einer Vielzahl von Mitwirkenden, die ohne Maske und Abstand singen und musizieren, ist das auch keine Garantie. Beim nächsten Konzert am Sonntag, 21. November, in der Petrikirche aber sind wir nur zu zweit: Sebastian Krause spielt Horn und Alphorn, ich selbst sitze an der Orgel. Das möchte ich nicht absagen, genauso wie die weiteren Termine mit kleineren Besetzungen. Mal sehen, wie sich die Lage weiter entwickelt.

Fast keine Einnahmen mehr

Marco Reischl, seit Juli 2021 Vorsitzender des TSV Poing: Andere Sportvereine berichten ja, dass sie in der Pandemie Mitglieder verloren haben. Das ist bei uns komplett anders, wir haben einen unglaublichen Zulauf. Der Bereich Fußball hat um 26,2 Prozent zugelegt, bei der Kindersportschule beträgt das Plus sogar 50 Prozent. Unsere Mitgliederzahl ist von 1400 auf 1700 gestiegen. Aber die Pandemie trifft uns dennoch stark, es gibt nämlich so gut wie keine Veranstaltung mehr, mit der man Einnahmen generieren kann. Am Donnerstagabend haben wir ein hochkarätiges Hallen Masters Turnier abgesagt, auch die Hallenturniere unserer Fußballmannschaften, die normalerweise von Mitte Dezember bis März stattfinden, finden nicht statt. Für die Auflagen habe ich im Prinzip Verständnis, ich würde mir nur einfach wünschen, dass es mal eine feste Linie gibt, die wir entlanggehen können. Momentan komme fast nicht zum Arbeiten, weil sich ununterbrochen was ändert. Das ist fast wie beim Aktienmarkt - man muss ständig alles im Blick haben, damit man keine Fehler macht.

Immer mehr Krankheitsfälle

Eva Guerin, Anni-Pickert-Grund- und Mittelschule in Poing: Die Schüler sind schon an die Masken gewohnt, die nehmen das gerne so hin. Die meisten sind einfach nur froh, dass noch Präsenzunterricht ist. Aber den Wunsch, dass Corona ein schnelles Ende findet, haben wir alle. Wir hatten gestern den ersten positiven Pooltest in der Grundschule und mehr und mehr Schüler und Lehrkräfte erkranken. Wir merken das hier ganz deutlich. Doch immer mehr Schüler ab zwölf Jahren lassen sich jetzt auch impfen, wir haben das große Glück, dass wir nächste Woche den Impfbus mit einem Impfteam bei uns haben. Da kann man das Gesundheitsamt Ebersberg wirklich nur loben. Wir haben am Montag angerufen und am Dienstag direkt die Zusage und den Termin für den Bus bekommen. Dazu haben wir auch die anderen Schulen in Poing eingeladen. Je niederschwelliger das Impfangebot ist, desto mehr bisher nicht Geimpfte kriegt man noch ins Boot.

Einige sind uneinsichtig

Annabelle Imhoff, Bestattungen Imhoff, Grafing: Aktuell machen uns die fehlenden Hinweise an den Friedhöfen am meisten Probleme. Mancherorts steht da nicht mal "Maskenpflicht". Bei der Anzahl der erlaubten Trauergäste ist es überall unterschiedlich: Manche Gemeinden haben für den Außenbereich Vorgaben, andere lassen unbegrenzt Leute zu. Im Innenbereich ist es sowieso überall anders, weil die Gebäude nicht gleich groß sind. Weil niemand uns offiziell benachrichtigt, müsste ich eigentlich jeden Tag jedes Friedhofsamt abtelefonieren. So bleibt mir nur das Internet. Aber das ist immer nur der momentane Stand, ich weiß nie, ob die Auskunft von heute bei der Urnenbeisetzung nächste Woche immer noch gilt. Was sicher ist: Bei den Feiern in unserem Trauerhaus haben wir für 72 Leute Platz - 52 in der Halle und je zehn in den Nebenräumen. Wichtig ist, dass da halt auch die Regeln gelten und Maske getragen werden muss. Da sind leider immer wieder welche uneinsichtig. Trotzdem: Auch diese vierte Welle werden wir gut meistern.

Die Vernetzung fehlt

Sonja Badura, Allgemeinmediziner und Hausärztin, Ebersberg: Wir versuchen, alles aufzufangen, zu schützen und zu beraten. Ich habe vorher schon vielen Hochrisikopatienten die Antikörpertiterbestimmung angeboten. Aber weil man es selbst zahlen muss, übrigens auch das Personal, konnten oder wollten es sich viele nicht leisten. Und in manchen Fällen waren wir nicht schnell genug, da gab es schon vorher Impfdurchbrüche. Rückmeldung darüber bekomme ich übrigens eher über mein Personal und Patienten als von offizieller Seite. Aber trotz personeller Überlastung, schlechter Bezahlung, wahnsinniger Bürokratie und teils negativen Erfahrungen werde ich auch mitimpfen. Als am Anfang alle drankommen wollten, haben wir Listen gemacht, sie bis zur Erschöpfung abgearbeitet. Und dann? Haben viele nicht mal abgesagt, wenn sie woanders früher drankamen. Dabei müssen wir ja immer mehrere Patienten für eine Impfdosis einbestellen. Mir fehlt die Vernetzung, eine klare Linie von Seiten der Fachgesellschaften wie Robert-Koch-Institut und Stiko sowie der Politik - und endlich Einzelimpfstoffe.

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Quelle:
SZ vom 13.11.2021
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