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Ebersberg:Corona und die Sorge des Chef-Pflegers um seine Kollegen

Peter Bögl, Stationsleiter Pflege Akutgeriatrie

Peter Bögl leitet den Pflegebereich einer Station in Ebersberg.

(Foto: Kreisklinik)

Schaffst du das noch? Niemand habe mit einem "Nein" geantwortet, sagt der Leiter Pflege der Ebersberger Akutgeriatrie Peter Bögl.

Von Johanna Feckl, Ebersberg

Wenn Peter Bögl in die Zukunft blickt, dann bereitet ihm eine Sache große Sorgen: Die Gesundheit von Pflegekräften. Der Leiter im Bereich Pflege der Akutgeriatrie an der Ebersberger Kreisklinik spricht von posttraumatischen Belastungsstörungen - eine psychische Erkrankung, ausgelöst durch eine traumatische Erfahrung. Typische Symptome wie Schlaflosigkeit, Albträume, Angstgefühle, schmerzhafte Erinnerungen oder Erinnerungslücken treten, gemäß dem Namen, erst im Nachhinein an die erlebte Extremsituation auf. "Wir müssen schauen, ob oder wie viele Scherben wir dann aufräumen müssen", sagt Bögl. "Ich habe berechtigte Angst, dass das bei meinem Team und bei allen Menschen, die im Pflegebereich arbeiten, eintreten wird."

Peter Bögl lebt im Landkreis Ebersberg und ist Anfang 50. Seit Abschluss seiner Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger vor 22 Jahren arbeitet er in diesem Beruf. In all den Jahren hat er auch noch eine Zusatzausbildung im Palliativ-Bereich absolviert, also in der Versorgung von unheilbar kranken Menschen. Auf der Akutgeriatrie - die Geriatrie beschäftigt sich mit Krankheiten älterer Menschen - ist er der Leiter von 17 Pflegekräften.

Mehr als einen Monat hat sein Team nicht mehr in der gewohnten Konstellation gearbeitet: Um Kapazitäten für die Behandlung von Corona-Patienten zu bündeln, wurde die Akutgeriatrie geschlossen, das Personal auf vier verschiedene Stationen aufgeteilt, wie Bögl erzählt. Sich um ein Team kümmern, das verstreut arbeitet? Fast unmöglich. Er selbst war auf der Intensivstation eingeteilt, wo in dieser Woche allein an einem Tag zehn Menschen an oder mit Corona gestorben sind.

Seit etwas mehr als einer Woche hat die Akutgeriatrie wieder geöffnet, zumindest die Räume. Denn dort werden nun Verdachtsfälle behandelt, und zwar durch das Team der Akutgeriatrie. Bögl hatte zwei Tage Zeit für die Planung. "Wir sind von jetzt auf gleich zurück auf unsere Station, und es musste sofort alles funktionieren", sagt er. "Schließlich sind ja auch sofort Patienten zu versorgen gewesen." Die Situation fordere von allen maximale Flexibilität. Aber wenigstens sei das Team nun wieder beisammen.

Bögl erzählt von den Sommermonaten, in denen die Akutgeriatrie mit ihrem eigentlichen Zweck, nämlich kranke ältere Menschen zu behandeln, geöffnet war und somit er und sein Team weitestgehend wie gewohnt arbeiten konnten. Der Stationsleiter bewertet das als Vorteil, denn so sei die Belastung nicht übermäßig von der üblichen abgewichen. Mittlerweile zeichnet sich jedoch ein anderes Bild. Vor allem in den vergangenen Wochen sei es einige Male passiert, dass Bögl manchen seiner Pflegekräfte die Erschöpfung angesehen hat. "Ich halte nichts davon, dann zu sagen 'das wird schon wieder'." Er bevorzuge ein "schaffst du das noch?". Niemand habe daraufhin mit einem "Nein" geantwortet, sagt Bögl. Er ergänzt: "Noch nicht."

© SZ vom 19.12.2020/koei
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