SZ-Adventskalender:"Mit 25 stirbt man nicht an Covid"

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SZ-Adventskalender: Burnout, Depression, Angststörungen und andere psychische Erkrankungen sind mittlerweile die häufigste Ursache für Berufsunfähigkeit in Deutschland.

Burnout, Depression, Angststörungen und andere psychische Erkrankungen sind mittlerweile die häufigste Ursache für Berufsunfähigkeit in Deutschland.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Als eine der Ersten in Deutschland bekam Maria D. Corona - und kaum Hilfe. Nicht nur dieses Erlebnis löste in der 28-Jährigen eine schlimme Angststörung aus.

Von Franziska Langhammer

Angst kann verschiedene Gesichter haben, manchmal kündigt sie sich nicht einmal an. Wie ein plötzlicher Schüttelfrost überkommt es Maria D. (Name geändert), wenn sie wieder eine Panikattacke hat. Sie hyperventiliert, zittert, mit einem Schlag ist ihr eiskalt. "Ich kann mich nicht mehr bewegen, nicht mehr atmen", erzählt die 28-Jährige. "Es ist wie eine Todesstarre." Verschiedene Trigger können diesen Angstzustand auslösen, der Grund liegt unter anderem in den Geschehnissen der vergangenen drei Jahre.

Als die Welt noch nicht wusste, dass eine Pandemie ungeahnten Ausmaßes auf sie zurollen würde, war Maria D. eine der ersten, die schlimme Symptome aufwiesen. Angesteckt hat sich die alleinerziehende Mutter zweier Kinder vermutlich an ihrem Ausbildungsplatz in der Pflege. Unbeschreibliche Gliederschmerzen plagten sie mehr als drei Wochen und ein Gefühl wie Sodbrennen, nur aus der Luftröhre. Zu dieser Zeit, erzählt D., gab es noch keine Schnelltests, und erst nach Abklingen der Symptome bekam sie das Ergebnis: corona-positiv. Die Ärzte waren überfordert, sie schickten sie weiter oder speisten sie ab mit Erklärungen wie: "Sie sind doch erst 25, da stirbt man nicht an Corona."

"Ich habe einen Abschiedsbrief an meine Kinder geschrieben"

Eines Abends fiel ihr das Atmen so schwer, dass sie dachte, sie müsse ersticken. D. rief beim ärztlichen Bereitschaftsdienst an, bat um Notfallhilfe. "Bis heute ist niemand aufgetaucht", sagt die junge Frau lakonisch. Dann sagt sie einen Satz, der ihre gesamte Verzweiflung von damals auf den Punkt bringt: "In der Nacht, in der ich dachte, ich sterbe, habe ich einen Abschiedsbrief an meine Kinder geschrieben und eine Handvoll Beruhigungstabletten eingeworfen." Maria D. stirbt in dieser Nacht nicht, sie schläft zwei Tage und wacht dann wieder auf, endlich auf dem Weg der Genesung.

Das Gefühl der Ohnmacht, der Hilflosigkeit jedoch verfolgt sie bis heute und äußert sich in einer massiven Angststörung. Mittlerweile hat Maria D. ein Notfallpaket, das ihr bei einer Panikattacke hilft. In einem kleinen rosa Geldbeutel, den sie am Schlüsselbund trägt, hat sie eine Ammoniak-Ampulle, Herzmedikamente und Fotos von ihren Liebsten. Das Ammoniak hilft, die Atmung zu stabilisieren, wenn sie hyperventiliert. Zum Termin mit der SZ hat sie eine Jacke ihrer verstorbenen, geliebten Großmutter angezogen. Sie riecht immer noch nach ihr, sagt D.: "Das ist wie eine Umarmung von ihr."

Nun ist sie auf Dauer krankgeschrieben, wegen Depressionen und posttraumatischer Belastungsstörung

Die junge Frau versucht nach jenen traumatischen Erlebnissen immer wieder, ihre Ausbildung abzuschließen. Eine Herzerkrankung jedoch ist Grund dafür, dass sie wiederholt ohnmächtig wird beim Arbeiten. Nicht nur einmal kommt sie mit einem blauen Gesicht nach Hause. Nun ist sie auf Dauer krankgeschrieben wegen diagnostizierter Depressionen und posttraumatischer Belastungsstörung.

Das Jahr 2020 war jedoch nicht nur aufgrund ihrer Covid-Erkrankung ein schwieriges. Ihr damaliger Partner verließ sie. Sie waren ein halbes Jahr getrennt, da wollte Maria D. ihre Sachen bei ihm abholen. "Und dann hat er mich angegriffen", erzählt sie. Prellungen, Wunden, einen gebrochenen Fuß trägt sie aus der Begegnung davon. Trotz einer Anzeige wegen häuslicher Gewalt bei der Polizei stellt ihr Ex-Partner ihr noch Monate nach, taucht plötzlich im Hof auf, fährt ihr mit dem Auto hinterher. Seit August nun hat sie Ruhe, zumindest von ihm.

Ihre sechsjährige Tochter kommt jede Nacht ans Bett und vergewissert sich, dass die Mutter noch da ist

Mit dem Krankenstand beginnen auch die finanziellen Sorgen. Der Vater ihres siebenjährigen Sohnes will keinen Unterhalt mehr zahlen. Es dauert Monate, bis die Krankenkasse das Krankengeld bewilligt; zwischendrin kann Maria D. die Miete nicht zahlen. Ihre Kinder, sagt sie, hätten in ihrem jungen Leben schon so viel mitmachen müssen. Ihr Sohn etwa hat sie einmal nach einem Ohnmachtsanfall im Badezimmer gefunden und die Oma informiert, die sofort den Rettungsdienst rief. Ihre sechsjährige Tochter steht jede Nacht auf, kommt zur Mutter ans Bett und vergewissert sich: "Bist du noch da?"

Ihre Kinder, das merkt man, wenn D. erzählt, sind das Glück in ihrem Leben. Sie lenken sie ab, wenn sie sich wieder überrollt fühlt von den Briefen unterschiedlicher Versicherungen, die immer wieder eintrudeln und Druck machen. Am schlimmsten ist derzeit die Drohung einer Versicherung, ihr Auto zu pfänden. "Ich wohne auf dem Land, ohne Auto komme ich nirgendwo hin", sagt Maria D., die in einem Dorf im südlichen Landkreis wohnt. Wie sie sonst ihre Kinder in die Betreuung bringen oder zu ihren Facharztterminen kommen soll, das weiß sie nicht. Mindestens 500 Euro braucht D., um den Forderungen des Versicherers nachzukommen. "Das geht schon in die Existenzangst." Wenn zumindest diese Sache geklärt wäre, würde ihr ein sehr schwerer Stein vom Herzen fallen.

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