Classic Rock Grafinger Band "Dominoe" veröffentlicht siebte Dominoe-Scheibe

30 Jahre nach ihrem großen Hit "Here I am" präsentiert die Rockgruppe um Robert Papst alte Songs in frischem Sound. Alles das Ergebnis eines Zufalls.

Von Anja Blum, Grafing

I need one more sugar": Wes Geistes Kind diese Scheibe ist, wird schon beim ersten Titel klar. Hier geht es um nichts Geringeres als das erhebende Lebensgefühl des Rock 'n' Roll, der immer noch durch ihre Venen pulsiert: Die Gründerväter der Band Dominoe haben ein neues, ihr siebtes Album herausgebracht - und bleiben sich damit absolut treu: "The Lost Radioshow" präsentiert zum Jubiläum alte Songs in frischem, druckvollem Sound. Ungewöhnlich jedoch ist die Entstehungsgeschichte des Albums.

Seit 30 Jahren machen der Grafinger Gitarrist Robert Papst und der Sänger Jörg Sieber aus München zusammen Musik. Neben vielen anderen Projekten sind sie die Masterminds hinter Dominoe - einer Band mit tragischer Geschichte: An ihrem Anfang 1988 stand ein phänomenaler Hit, "Here I Am", dessen Refrain praktisch jeder über 30 mitsingen kann. Ein Autobauer nutzte den Ohrwurm damals für einen Werbespot - und katapultierte die bislang unbekannte oberbayerische Band so in die Charts. Der große Konkurrent dieser Tage: "Say You Will" von Foreigner.

Auf einem Bauernhof in Grafing-Bahnhof ist "Here I Am" entstanden, Papst und seine Freunde hatten ihren Übungsraum dort nämlich in ein modernes Studio verwandelt. "Da gab es einen gefährlichen Hund, aber auch Maroni vom Holzofen und haufenweise Überraschungseier", erzählt er, "es war eine wunderschöne Zeit". Sogar im ZDF-Fersehgarten und in der Bravo fanden sich Papst und Co. damals wieder. Ihren Namen verdankt die Band übrigens einem Genesis-Konzert, Papst war nämlich sehr angetan davon, wie Phil Collins "Domino" aussprach.

Mit Harmonie und Erfolg war es schnell wieder vorbei

Doch mit Harmonie und Erfolg war es leider schnell wieder vorbei: Die zweite Single "Let's Talk About Life" konnte nicht mehr an den Erfolg von "Here I Am" anknüpfen, und die Manager nahmen ungeniert Einfluss auf die Band. "Das war zumindest für mich psychisch bald nicht mehr machbar", sagt Papst. Bereits 1990 löste sich Dominoe vorübergehend auf, weiter ging es erst zehn Jahre später.

Das neue Album, 30 Jahre nach "Here I Am", ermöglicht nun eine musikalische Zeitreise zurück in die Jahre 1988 bis 2008. Es versammelt 15 Songs von fünf verschiedenen Dominoe-Scheiben - und bietet so eine Stunde ehrlichen Pop-Rocks. Der Albumtitel "The lost Radioshow" ist dabei wörtlich zu nehmen: Im Jahr 2008 sollten Dominoe einige ihrer Nummern bei einer Livesession im Studio neu einspielen, und zwar für einen britischen Radiosender.

Doch es kam zu einer Panne, "eine Festplatte rauchte ab", das Material ging größtenteils verloren. Der Plan, die Aufnahmen zu komplettieren, scheiterte aus Termingründen, die Bandmitglieder schafften es nicht mehr zeitnah zusammen ins Studio. Die Radiosendung kam nie zustande, die unvollständigen Tapes verschwanden in der Schublade.

Bis 2018. Da entdeckte Papst per Zufall das alte Material - und beschloss zusammen mit Sieber, das Zeitdokument zu restaurieren, dem technischen Fortschritt sei Dank. Und wo es nötig war, wurden die Originale um neue Aufnahmen ergänzt. Den beiden Musikern bot die Entdeckung nämlich eine Art "magischen Zeitsprung":

"Aus der Distanz sieht und hört man manchmal einfach besser, man bekommt einen ganz neuen Zugang. Manchmal gelingen die Dinge dann so, wie sie Jahre früher eigentlich gedacht waren", versucht Papst die Situation zu beschreiben. Jedenfalls seien er und Sieber sofort begeistert gewesen von der Qualität des Klangs und der fantastischen Stimmung der damaligen Session: "Man macht beim Hören die Augen zu und sieht die Band vor sich!"

Also griffen Papst und Sieber zum Telefon und akquirierten ehemalige Bandmitglieder und andere langjährige Weggefährten, um gemeinsam die "Lost Radioshow" auferstehen zu lassen. Aus Grafing sind neben Papst der Gitarrist Günter Skitschak und die Sängerin Janina Dietz dabei.

Diese Scheibe sollte man nicht im Auto hören, wegen dem Einfluss aufs Gaspedal

Hinzu kommen Christian Birawsky (Drums, Backing Vocals), Henner Malecha (Bass), Eddie Daum (Keyboards), Ed Straker (Keyboards), Gracia Satler, Jane Bogaert und Timo Kresslein (alle Backing Vocals). Drums, Gitarre und Leadgesang waren größtenteils vorhanden, der Rest wurde wieder in einer Livesession in Papsts Grafinger Studio eingespielt. So gelang es, auf dem neuen Album die Atmosphäre der Originalaufnahmen authentisch einzufangen.

Klar ist: Überraschungen bietet "The Lost Radio Show" kaum, vieles klingt, als hätte man es schon einmal irgendwo gehört. Aber: Diese Musik macht enorm Spaß. Das ist eine Scheibe, die man lieber nicht im Auto hören sollte, weil sie unvermittelt Einfluss nimmt aufs Gaspedal. Viel besser ist es, sie mit Bewegungsfreiheit zu genießen, fliegende Haare und Luftgitarre inklusive. Und auch so manchen romantischen Schieber hält Dominoe bereit.

Der Vorteil dieses risikolosen Durchschreitens des Rockgenres mittels eingängiger Melodien und altbewährter Harmonien ist, dass das Album für eine ganze Generation so eine Art Soundtrack ihrer Jugend sein kann. Selbst wer die Band - jenseits ihres Hits - nicht kennt, aber mit Jon Bon Jovi, Brian Adams und Co. aufgewachsen ist, wird seine helle Freude an "The Lost Radioshow" haben. Dass das Programm ist, zeigt auch das grandiose Cover mit Kassette und Bleistift. "Diese Kombi löst natürlich bei jedem sofort Erinnerungen aus", sagt Papst und lacht.

Schon die ersten Takte der "Lost Radioshow" bieten ein Gitarrenbrett, das sich gewaschen hat, später setzt die Hammond ein, dann geht es ab. "One More Sugar" eben. Und bei "Here I Am" gibt es sowieso kein Halten mehr. Doch Dominoe kann auch sanft, hat hymnische Balladen wie "Irresistible", die Liebeserklärung "Senses" oder "Coming home" im Repertoire - schließlich brauchen selbst die wildesten Rocker Wurzeln, das wurde ja oft genug besungen. Und am Ende heißt es: Feuerzeuge raus, "Keep The Fire Burning"!

Von Rosenheim über Italien bis nach Brasilien und Amerika

Diese Musiker sind "Dark Dogs", die, wie im gleichnamigen Lied versprochen, mitnichten beißen, sondern dafür sorgen, dass man sich einfach wohlfühlt mit ihren Songs. Das Handwerk, das es dafür braucht, haben Papst und Co. ohnehin nie verlernt. Das Album ist bestens produziert, hält mit ruhiger Hand die Waage zwischen Professionalität und Authentizität, und die Musiker lassen technisch nichts zu wünschen übrig.

Jörg Siebers markante, sicher geführte Stimme weist genau die richtige Dosis Reibeisen auf, Günter Skitschak glänzt mit erstklassigen Gitarrensoli und Janina Dietz adelt so manchen Refrain durch eine kraftvolle zweite Stimme. Dazu gibt es einen geschmeidigen, teils bombastischen und stets harmonisch ausgefeilten Chorus. Alles vom Feinsten, klassisches Kino der Marke Rock 'n' Roll.

Die Fangemeinde der Band ist laut Papst nicht groß, aber international. Von Rosenheim über Italien bis nach Brasilien und Amerika - überall gebe es Menschen, denen der Sound von Dominoe gefalle, "und die uns auch ab und zu in den Hintern treten". Darüber freuen sich Papst und Sieber freilich, aber zu neuen Taten drängen lassen wollen sie sich nicht: Sie greifen nur "bei Lust und Laune" wieder zu Mikro und Gitarre. Oder wenn auf einmal alte Aufnahmen auftauchen, die sie selbst einfach vom Hocker reißen. Also: "Time will tell", wie man so schön sagt.