Mobilität Ebersberg: Landkreis der Autoteiler

Klaus Breindl, im Landkreis auch als der "Carsharing-Papst" bekannt, hat vor 25 Jahren den ersten Verein zum Autoteilen mitgegründet.

(Foto: Christian Endt)

Nirgendwo sonst in Deutschland ist die Carsharing-Dichte größer. Jetzt gründen Bürger in Forstinning den elften Verein und planen, einen Wagen anzuschaffen.

Von Matthias Reinelt, Ebersberg

Die größte Dichte an Carsharing-Vereinen bundesweit hat der Landkreis Ebersberg. Mit Ausnahme von Steinhöring teilen die Bürger in allen Landkreisgemeinden mit mehr als 3000 Einwohnern ihre Autos. Jetzt wollen sieben Forstinninger in ihrer Kommune den elften Verein für Autoteiler gründen. Bei einem Vorbereitungstreffen an diesem Freitag wollen die Forstinninger eine erste Satzung besprechen. Dabei wolle man sich etwas von den bestehenden Vereinen abschauen, möglicherweise auch eine Satzung übernehmen, sagt Marco Witt, der Sprecher der kleinen Gruppe.

"Wir nutzen jede Unterstützung, damit wir laufen lernen", sagt der Forstinninger. Um die Kosten kleinzuhalten, wollen die Forstinninger zum Start ein Überlassungsfahrzeug zur Verfügung stellen. Doch erst müsse man sehen, wie viele Bürger das Angebot nutzen, schließlich solle das Auto auch genügend ausgelastet sein. Witt hofft, dass es sich noch in diesem Jahr rentiert, ein eigenes Auto für den Verein anzuschaffen.

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Damit sich ein Carsharing-Auto lohnt, müsse es im Jahr etwa 15 000 Kilometer gefahren werden. Wer weniger als 10 000 Kilometer im Jahr mit seinem Auto fährt, spart Geld, wenn er mit einem Carsharing-Auto unterwegs ist. Das zeigen Berechnungen des Bundesverbands Carsharing. Anders als zum Beispiel in Ebersberg (fünf Euro) oder Poing (zehn Euro) sollen die Mitglieder im Forstinninger Verein keinen Monatsbeitrag zahlen. "Man zahlt nur, wenn man das Auto auch wirklich nutzt", erklärt Witt. Das Angebot soll sich an jeden richten, der den ökologischen Gedanken verfolgt, "egal ob 18 oder 80 Jahre alt."

Seit Jahren ist der Forstinninger schon Mitglied bei den Vaterstettener Auto-Teilern und sieht es als "gutes Projekt". In einem Ort wie Forstinning ohne S-Bahn-Anbindung seien die Bürger sehr auf das eigene Auto angewiesen. Daher werde das Carsharing zwar nicht das Erstauto ersetzen, aber das zweite oder dritte Auto, hofft Witt. Man wolle den Leuten das Autofahren nicht verbieten, sie aber dazu bringen, es aus einer "anderen Perspektive zu sehen", sagt er.

Einer, der das genauso sieht, ist Klaus Breindl. Er war Mitbegründer des ältesten und größten Autoteiler-Vereins des Landkreises, der schon seit 27 Jahren besteht. In Vaterstetten können knapp 400 Mitglieder aus einem Fuhrpark von 20 Autos auswählen. Die Vaterstettener haben ein Buchungssystem für Autos entwickelt, das deutschlandweit schon 40 Vereine nutzen.

Der "Carsharing-Papst" Breindl will weg von der autozentrierten Mobilität

Breindl hat zahlreiche Initiativen beratend unterstützt, kürzlich bei den Neugründungen im Februar in Aßling und im November vergangenen Jahres in Anzing.

Jetzt hilft er den Forstinningern. Landrat Robert Niedergesäß bezeichnete ihn des Öfteren als den "Carsharing-Papst". Breindl selbst sieht sich als Motor, will Wissen weitergeben und es anderen leichter machen, sagt er. Man wolle, dass sich etwas in der Mobilität der Leute ändert, "weg von der autozentrierten Mobilität", sagt er. Erfahrungen zeigen: Wer sein Auto teilt, fährt bis zu 50 Prozent weniger als mit dem eigenen PKW, sagt Breindl.

So läuft’s

Die ältesten Autoteiler sind in Vaterstetten (seit 1992) mit 20 Fahrzeugen, Markt Schwaben (1993) mit acht, Grafing (1995) mit 13 und Ebersberg (1997) mit vier Autos. Vor kurzem wurden in Anzing (2018) und Aßling (2019) Vereine gegründet. Viele bieten Quernutzungsvereinbarungen an, sodass man auch Fahrzeuge aus anderen Vereinen buchen kann. Die insgesamt zehn Vereine kommen auf 855 Mitglieder und etwa 1800 Fahrberechtigte, die auf 55 Fahrzeuge zugreifen können. Die Nutzer können Auto und Zeitraum online buchen, pro Kilometer zahlt man dabei 30 bis 40 Cent und pro gefahrener Stunde etwa 50 Cent bis einen Euro. Für eine Einkaufsfahrt mit 20 Kilometer Strecke und einer Stunde Dauer zahlt man also etwa acht Euro. Das Autoteilen im Landkreis funktioniert nicht nach dem "Free-floating-Prinzip". Man kann das Auto nach der Fahrt also nicht irgendwo abstellen, sondern muss das Fahrzeug wieder an seinen festen Standort zurückbringen. mjkr

Zudem sei es wesentlich umweltverträglicher, man reduziere seinen CO₂-Ausstoß und spare die Kosten für Versicherung und Reparaturen. Allerdings hätten die Deutschen ein "spezielles Verhältnis" zum Auto. Es sei schwierig, die Leute zu überzeugen, ihren Wagen abzugeben oder sich keinen anzuschaffen, sagt er. Um eine Carsharing-Initiative voranzubringen, brauche es engagierte Leute, die sich dafür begeistern. Auch sei es wichtig, dass die Gemeinde hinter dem Projekt stehe. Das ist in Forstinning zwar gegeben, und doch gebe es keine Erfolgsgarantie. Es bleibe immer "spannend bis zum Schluss", ob die Leute das Angebot annehmen.

Breindl ist Leiter der Projektgruppe Carsharing des Landkreises. Bis 2030 soll ein wirtschaftlich tragfähiges Carsharing-Angebot aufgebaut werden. Dabei sei man "gut im Rennen", sagt Breindl. Bis auf Steinhöring kann man in allen Gemeinden mit mehr als 3000 Einwohnern Carsharing nutzen. Jedoch soll man bis 2030 in jeder Kommune und jedem Ortsteil, in dem mehr als 1000 Menschen leben, die Möglichkeit haben, ein Auto zu teilen.

Jeder soll auf zwei Fahrzeuge zugreifen können, die weniger als einen Kilometer entfernt sind. Aktuell nutzen 1,5 Prozent der Landkreisbürger das Carsharing. 2012 beschloss der Landkreis ein Mobilitätskonzept: Bis 2030 soll jeder Zehnte Carsharing nutzen. Das sei ein "ehrgeiziges Ziel", sagt Breindl. Es brauche große Anstrengungen, dass sich etwas in den Köpfen der Menschen ändere und trotz der vielen Vereine nutzen noch zu wenige Menschen Carsharing.

Bei den Grafinger Auto-Teilern will man demnächst ein weiteres Fahrzeug für Grafing Bahnhof anschaffen, weil dort die Nachfrage sehr hoch sei. Ottilie Eberl vom Vorstand des Vereins hat seit sieben Jahren kein Auto mehr. Für sie bedeutet das Autoteilen "Sicherheit und Luxus, ohne eigenes Auto mobil zu sein". Manch einer könne sich kein eigenes Auto leisten und sei dann froh über die Möglichkeit des Carsharings.

Rosi Reindl ist Gründungsmitglied bei den Glonner Auto-Teilern und seit mehr als 15 Jahren beim Verein. Viele Fahrzeuge seien eher "Stehzeuge" und würden kaum genutzt werden. Dabei sei Carsharing eine gute Möglichkeit, mobil zu sein, ohne ein Auto vor der Tür stehen zu haben. Sie hofft, dass man auch in Glonn, das derzeit zwei Autos hat, den Fuhrpark ausbauen kann, "weil wir viele Leute für das Angebot begeistern konnten".

Das Vorbereitungstreffen zur Gründung eines Carsharing-Vereins in Forstinning ist an diesem Freitag, 22. März, um 18 Uhr im Gasthof zum Vaas in Schwaberwegen.

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