Auf einmal sind sie da. Überall weiße Pferde. Sie treten aus dem Dunkel eines Waldwegs, überqueren, von ihren Reitern lässig mit einer Hand gelenkt, den Parkplatz, grasen am Wegesrand, dösen im Halbschatten, wirbeln auf dem Reitviereck mit ihren breiten, harten Hufen Staub auf. Eine hellgraue Wolke bleibt über dem Gelände hängen und schimmert in der glühenden Nachmittagssonne. Von den Braunen, Rappen oder Füchsen des Reit- und Fahrvereins Kreis Ebersberg ist auf dem Turnierplatz an diesem Wochenende nichts zu sehen. Das Gelände gehört ganz den Schimmeln.


Aus ganz Deutschland und Österreich sind sie angereist zum Grafinger Festival du Cheval: 72 Pferde und ihre Menschen. „So etwas hat es noch nicht gegeben“, schwärmen einige der Reiter, die mit ihren Tieren unter einem hohen Baum Schutz vor der Hitze gesucht haben, die Hüte neben sich auf eine Bank gelegt. „Sonst sind es nie mehr als 15 Camargue-Pferde bei einer Veranstaltung“, jedenfalls wohl nicht in Deutschland. In ihrer Heimat sieht das freilich anders aus. Dort gehören die robusten, kleinen Pferde mit dem großen Herzen zum Landschaftsbild.
Zwischen 10 000 und 15 000 Tiere leben in den Sumpfgebieten des Rhône-Deltas. Beim Camagri, einer Veranstaltung mit Wettbewerben und Vorführungen, die jedes Jahr im Frühling die Züchter der traditionellen Pferderasse nach Saintes-Maries-de-la-Mer lockt, werden die Tiere drei Tage lang in verschiedenen Disziplinen vorgestellt. Am Ende wird ein Champion gekürt, der, so meint man, als Franzose ohnehin nur ein Ziel haben kann: Paris. Der Gesamtsieger reist als Vertreter seiner Rasse, des schon von Napoleon geschätzten Crin blanc, zum alljährlichen Salon d’Agriculture in die französische Hauptstadt.
Nicht nur südfranzösisches, auch ein bisschen Pariser Flair weht also an diesem Nachmittag durch den Burggraben zwischen dem oberbayerischen Grafing und dem nicht weniger oberbayerischen Elkofen, als Lugar du Claud das Reitviereck betritt. Unter Liebhabern der Camargue-Pferde ist der Hengst berühmt, ein echter Champion.

Und einer, der als Showpferd und Vererber längst legendär ist. Mit 27 Jahren gibt er an diesem Nachmittag unter dem Sattel seines, in Menschenjahren gerechnet, kaum weniger betagten Besitzers Jean Pierre Godest seine Abschiedsvorstellung. Er darf jetzt in Ruhestand gehen. Zuvor galoppiert er mit seinem Reiter noch ein letztes Mal über den Platz. Godest gilt vielen als eine Art Guru der Camargue-Szene. In Grafing nennen ihn alle nur Jean Pierre.
Uta Markgraf, die das Festival organisiert hat, steht am Rand und beobachtet das Paar mit leuchtenden Augen, bevor sie selbst in die Mitte gebeten und mit einem riesigen Blumenstrauß für all ihre Mühe belohnt wird.

Über Mundpropaganda habe sich die Kunde von ihrer Einladung nach Grafing verbreitet, erzählt sie. Man spürt ihre Freude über das große Teilnehmerfeld, und auch darüber, wie viele Helfer sie unterstützt haben. Dabei hat das Festival sie zeitweise durchaus an ihre Grenzen gebracht „Wahrscheinlich haben wir jetzt für 3000 Euro Gulasch im Kühlschrank“, flachst sie, und auf die Frage einer Freundin, ob sie so etwas nochmal machen wolle, hebt sie halb im Ernst die Schultern. „Frag mich mal später wieder!“
Es ist das erste Mal, dass die Züchterin, die einen Bruder des Championatshengstes Lugar als Vater ihrer Fohlen in ihrem Stall stehen hat, eine solche Veranstaltung auf die Beine stellt. Etwa 20 bis 30 Züchter des Crin blanc gibt es in Deutschland. Ihre Stuten mit Fohlen hält Markgraf auf einem Hof in Maitenbeth, im Nachbarlandkreis Mühldorf, die Jungpferde und Wallache in der Grafinger Reitanlage Rue du Moulins. Dort, direkt an der Attel, sind auch die vielen Gastpferde und ihre Reiter untergebracht – eine organisatorische Herausforderung, und eine, die Fragen wie diese aufwirft: „Wie viele Rollen Klopapier brauchst du für so ein Ereignis?“
Im Mittelpunkt stehen jedoch die Camargue-Pferde, die traditionell mit den markanten Hochsätteln der französischen Gardians geritten werden.



Getragen werden in der Regel Hut und enge Hosen, aber keine hohen Stiefel wie bei der englischen Reiterei. Überhaupt, mit einem klassischen Dressur- oder Springturnier hat das Geschehen in Grafing wenig zu tun. „Es geht viel mehr um die Gemeinsamkeit, darum, zusammen Spaß zu haben“, sagt Markgraf. Working Equitation nennt sich diese Art des Wettbewerbs, orientiert sich an der Arbeit der Stierhüter in Frankreich, Spanien, Portugal oder Italien und ähnelt dem Westernreiten, das seinen Ursprung in der europäischen Rinderarbeit mit Pferden hat. Auf dem Platz müssen keine hohen Steilsprünge überwunden, sondern Brücken überquert, Tore geöffnet, Hindernisse geschickt umgangen werden, ganz wie es ein Rinderhirte in der Camargue auch tun müsste.

Rinder und Sümpfe kann Uta Markgraf zwar nicht bieten, und den Stier ersetzt eine Attrappe. Dafür ist es ähnlich heiß wie im Sommer an der französischen Mittelmeerküste. Als die Reiter sich für die Maniabilité á Chrono, auch Speedtrail genannt, eine Art Geschicklichkeitsprüfung auf Zeit, im Parcours noch einmal die Strecke einprägen, flimmert die Luft über dem Sand. Einen der für den Nachmittag geplanten Wettkämpfe haben Markgraf und ihr Team schon auf den frühen Sonntagmorgen verschoben. Zwar sind die Schimmel robust, ihre Gene lassen sie sowohl brütende Hitze als auch die beißende Kälte aushalten, die der Mistral im Winter durchs Rhône-Delta fegt, aber ausreizen müsse man die Strapazen ja nicht unbedingt, sagt die Organisatorin. „Einige haben ja auch 800 Kilometer Anreise auf dem Buckel.“ Was man den Pferden auf dem Platz aber nicht anmerkt.


„Camarguepferde stellen sich ihren Aufgaben“, sagt Anja Thomas, die ihren Mann mit dessen jungen Wallach Mars de Nadel unterstützt. Das Paar ist aus Rheinland-Pfalz angereist, beide sind Bereiter. Dem Crin blanc haben sie sich jedoch erst vor wenigen Jahren verschrieben. „Sie lernen schnell – Gutes wie Schlechtes –, und ich kenne keine Rasse, die so trittsicher im Gelände ist“, erklärt Anja Thomas. Wenn sie in der Camargue sei, staune sie immer wieder, wie genau die Pferde selbst im Sumpf wüssten, wo es ungefährlich ist und wo nicht.
Nicht weniger herausragend, aber auch herausfordernd sei der Mut der Schimmel. „Die können sich groß machen vor einem Rind, wo andere Pferde weglaufen“, schwärmt Thomas. „Mitten in eine Rinderherde hineinreiten, ist überhaupt kein Problem“, bestätigt auch Rosalie Gerum aus Oberammergau, die ihrer Stute Daisy von Schnee nach dem Wettbewerb eine Schattenpause gönnt. „Eigentlich wollte ich nie eine Stute und nie einen Schimmel“, sagt sie lachend und klopft ihrem Pferd anerkennend den Hals. „Bis ich sie gesehen habe. Aber du musst ihnen zuhören, sonst geht es nicht.“ Druck funktioniere nicht bei den sensiblen Camargue-Pferden, in deren Ahnenreihe immer wieder temperamentvolle iberische Pferde eingekreuzt worden sind. Eher müsse man versuchen, Ruhe reinzubringen, sagt Bereiterin Anja Thomas. „Sie wollen arbeiten, aber sie brauchen die Arbeit auch.“ Dafür seien sie gezüchtet. „Wenn ich gemütlich in den Wald reiten will, tut’s ein Haflinger auch.“


Wie gern die Schimmel zeigen, was in ihnen steckt, und wie zuverlässig sie sind, wenn sie gut geritten und ausgebildet sind, zeigen sie am Abend des Samstags in Einzelauftritten ebenso wie in einer eindrucksvollen Quadrille. Die Choreografie war vorab elektronisch verschickt worden, die Reiter konnten sie zu Hause einstudieren. „Ein einziges Mal haben sie heute alle zusammen geübt“, erzählt Markgraf und ist sichtlich stolz auf ihre Mitstreiter. 16 weiße Pferde, von denen sich die meisten noch nie begegnet sind – darunter auch Hengste – ziehen ohne großes Gehabe ihre Figuren über den Platz. Davon wäre vermutlich selbst Napoleon begeistert gewesen.



