Busfahrer des Jahres Zufällig zum Traumjob

Fahrgäste der Linie 442 kennen und schätzen ihn: Hans "Keke" Kanter wartet auch mal, wenn die S-Bahn zu spät ankommt.

(Foto: Christian Endt)

Hans Kanter ist Ebersberger Busfahrer des Jahres. Eine Fahrt mit ihm zeigt, dass sein Alltag alles andere als eintönig ist

Von Sara Kreuter, Grafing

"Bitte abfahren" steht auf dem Kontrollbildschirm im Bus. Es ist 14.10 Uhr. Busfahrer Hans "Keke" Kanter rührt sich nicht. Er steht mit seinem Bus der Linie 442 am Bahnhof in Grafing und zuckt mit den Schultern: "Die S-Bahn war noch nicht da", sagt er, als wäre das Erklärung genug. Kurz darauf stolpern einige hektische Fahrgäste in den Bus. Eine rothaarige, junge Dame bekommt ein kumpelhaftes High five angeboten - "Stammkundin" - und Keke manövriert seinen Mercedes Citaro LE mit zwei Minuten Verspätung aus dem Bahnhof. Es ist das siebte von 13 Malen an diesem Tag, dass der 35-Jährige die immer gleiche Strecke zwischen Grafing-Bahnhof und Eglharting zurücklegt.

Keke - seinen Namen hat er von Rennfahrerlegende Keke Rosberg ausgeliehen - ist der neue Busfahrer des Jahres für den Landkreis Ebersberg. Für diesen Titel konnten Fahrgäste in den vergangenen Monaten bereits zum zweiten Mal besonders rücksichtsvolle und kundenfreundliche Fahrer auf allen Linien außerhalb der Stadt München nominieren. Mehr als 1000 Fahrgäste und SZ-Leser haben sich in diesem Jahr beteiligt. Eine Jury aus Vertretern von MVV und SZ bestimmte aus den Vorschlägen die Landkreissieger - wie Keke Kanter aus Eglharting, Busfahrer bei Larcher Touristik. Das Busunternehmen hatte bereits 2015 den ersten Ebersberger Busfahrer des Jahres gestellt.

14.30 Uhr, Marienplatz, Ebersberg. Mittlerweile hat Keke weitere drei Minuten in den Verkehrswirren des Grafinger Marktplatzes verloren. Es herrscht reger Betrieb, Fahrgäste steigen ein und aus. Im vorderen Bereich des Busses hat Keke einen roten Teppich ausgelegt. "Nur das Beste für meine Fahrgäste", reimt er. Keke hat Charisma. Er hat stets einen flotten Spruch parat, lacht viel, ist zielstrebig, selbstsicher, etwas großspurig. Den strengen Eindruck seiner obligatorischen Uniform - samt Krawatte - versucht er mit einer Kappe und einer sportlichen Jacke abzumildern. Er liebt Autos, Motoren - und das Busfahren.

14.43 Uhr, Waldbahn, Kirchseeon. Eine junge Dame steigt aus, verabschiedet sich. Sie werde bald ihre Ausbildung zur Polizistin beginnen, weiß Keke. Der 35-Jährige lebt alleine, seine sozialen Kontakte knüpft er während der Arbeit. Das Schild über seiner Windschutzscheibe "Bitte während der Fahrt nicht mit dem Fahrer sprechen" ignoriert er konsequent. "Auf dem Land gehört das Quatschen dazu", betont Keke, "wenn du keinen Kundenkontakt willst, dann kannst du gleich Lkw fahren."

14.47 Uhr, Rufhaltestelle Buch. Mit nur einer Minute Verspätung parkt Keke seinen Bus an der Endhaltestelle Buch. Zwischen Kirchseeon und Eglharting konnte er etwas schneller fahren, der Verkehr und seine Ortskenntnis haben es zugelassen. Weil er regelmäßig fünf Tage die Woche zwischen sechs und 19 Uhr durch den Landkreis pendelt, kennt Keke jeden Pflasterstein und jedes Stoppschild. "Einige Minuten Verspätung kann man als Busfahrer immer reinholen", sagt er.

15.11 Uhr, Rufhaltestelle Buch. Nach einer 25-minütigen Pause macht sich Keke auf den Rückweg nach Grafing. Seine obligatorischen Pausen nutzt er jeweils voll aus - mit einem Cappuccino oder einem kurzen Spaziergang, mal reinigt er den Bus, mal plant er einen schnellen Besuch beim Zahnarzt ein. In der Ablage oben im Bus hat er ein Kissen verstaut, wenn er am Mittag müde ist, schließt er den Bus von innen ab und hält ein kurzes Nickerchen.

15.32 Uhr, Kreisklinik West, Ebersberg. Es kommt zur ersten kritischen Situation des Tages, als Keke beim Anfahren von einem VW Golf überholt wird. Keke bremst, hupt, schimpft über rücksichtslose Autofahrer - und fährt weiter, als sei nichts geschehen. Autofahrer seien Bussen gegenüber eben häufig rücksichtslos. "Aber was soll man machen, wenn selbst die Polizei ohne Blaulicht mit 50 Stundenkilometern an dir vorbei fährt?", fragt er und schüttelt missbilligend den Kopf. In den ein oder anderen Unfall war Keke selbst schon involviert. "Unfälle passieren nun einmal, wenn man viel Zeit auf der Straße verbringt." Aber er sei ein sehr guter Busfahrer, betont Keke: "Meine Fahrgäste sind bei mir sicher."

15.43 Uhr, Mocca-Eck, Grafing. Es ist die wahrscheinlich engste Passage auf seiner Route - und Keke freut sich jedes Mal: "Je enger, desto schöner", prahlt er, "dann kann ich mir beweisen, dass ich es noch kann." In seiner Karriere als Reise-, Schul- und Linienbusfahrer habe er bereits viele brenzlige Situationen gemeistert. In solchen Situationen weiß er: Er hat den richtigen Beruf gewählt. Dabei ist Keke eigentlich zufällig Busfahrer geworden. Um das Wohnmobil der Eltern fahren zu können, hat er als junger Mann einen Lkw-Schein gemacht, den Bus-Schein nebenher. Das Busfahren habe ihm so viel Spaß gemacht, dass er diese Leidenschaft kurzerhand zum Beruf gemacht habe, so Keke.

15.45 Uhr, Grafing Stadt. Eine ältere Dame mit Hund überreicht Keke eine Plätzchentüte. Auf dem Armaturenbrett vor Kekes Windschutzscheibe liegt ein Schal mit dem Aufdruck "Busfahrer des Jahres", ein Geschenk von einem weiteren Fahrgast. Keke ist beliebt bei seinen Fahrgästen und weiß das auch. Sein schönster Moment als Busfahrer sei jedes Jahr die Rückkehr aus dem Urlaub, behauptet er. Es finde sich immer jemand, der ihn mit den Worten "Gott sei Dank fährst du wieder" begrüße - Worte, die Schmieröl für Kekes Seele sind. Mit dem Titel Busfahrer des Jahres habe er trotzdem nicht gerechnet, betont der 35-Jährige bescheiden. Es gebe schließlich so viele nette Busfahrer...

15.49 Uhr, Grafing-Bahnhof. "Fast pünktlich", kommentiert Keke zufrieden, als er in den Bahnhof einlenkt. Die S-Bahn war diesmal schon da. Keke lässt die Fahrgäste einsteigen, dreht und fährt sofort weiter. Schließlich muss er bis zu seinem Dienstschluss noch fünf weitere Male zwischen Grafing und Eglharting hin und her pendeln.