Bunter Abend in Markt Schwaben Wortakrobaten unter sich

In teils atemberaubender Geschwindigkeit rasen die "Slammer" durch ihre Texte. Eine zufällig ausgewählte Jury aus dem Publikum bewertet anschließend die Auftritte. Bert Uschner schneidet mit seinem Werk über einen Feuerwehrschlauch besonders gut ab.

(Foto: Christian Endt)

Der "MS City Poetry Slam" verbucht in seiner fünften Auflage einen neuen Zuschauerrekord. Während einige Texte für Lacher sorgen, wirken andere fast schon verstörend

Von Michaela Pelz, Markt Schwaben

Es ist kurz vor acht und das Markt Schwabener Theater am Burgerfeld platzt aus allen Nähten. Alle Tische im Saal sind besetzt, doch am Eingang stehen noch immer Leute. Organisator Thomas Steinbrunner vom Theaterverein Markt Schwaben wundert das nicht. "Poetry Slam ist ein Selbstläufer. Nicht nur in München, sondern auch in Ebersberg, Erding oder Grafing. Und bei uns."

Während auf einer Staffelei am linken Bühnenrand Goethe milde von einem Bild auf das Geschehen blickt, legt "Dein Ernst" mit dem ersten von sieben über den Abend verteilten Songs los. In braunen Kutten präsentiert die Band ihren herausragenden "Hop Rock-Crossover aus Rock, Pop & Rap mit deutschen Texten", wie die fünf Jungs ihre Musik selbst bezeichnen.

Auftritt Moderator Steinbrunner in Fliege und schwarzem Jackett, der die Regeln erklärt: Die acht Vortragenden des Abends sind in zwei Gruppen eingeteilt. Aus jeder kürt eine zufällig aus dem Publikum ausgewählte Jury einen Finalisten. In der Pause wird unter den restlichen mittels Strichliste ein "Publikumsliebling" ermittelt. Den Anfang macht Bert Uschner, der bereits beim ersten Markt Schwabener Poetry Slam dabei war. Dem Bartträger ist anzumerken, dass er sowohl weiß als auch genießt, was er da tut. Atemberaubend schnell rast er durch sein Wortketten-Werk rund um den Begriff "Feuerwehrschlauch", der von den Zuschauern etwa 20 bis 30 Mal als Reim skandiert werden muss. Schon dabei kassiert der Mann mit dem grauen Zopf zahlreiche Lacher, die sich noch um ein Vielfaches steigern, als im nächsten Text ein Vater vor seiner zunehmend aufgelösten Vierjährigen die Verbindung zwischen Tieren und Tod herstellt. Damit sichert er sich den Sieg in der ersten Gruppe - knapp vor Victor Stöckelmaier, dessen aufrüttelnder Text zum Klimaschutz ("Mama") über das, was Mutter Erde angetan wird, nicht nur bei der Jury einen Nerv trifft.

Da haben die beiden anderen aus der Gruppe einen schweren Stand. Dennoch erhält die zum ersten Mal antretende Jasmin Alletter viel Applaus für ihren Appell, Individualität zur Normalität werden zu lassen, während J-MAN mit einer gereimten Story über einen betrunkenen Heimkehrer erheitert.

In der zweiten Gruppe begeistert die 17-jährige Simone Olbrich mit "Extreme polar", der Beschreibung des Werbespots für ein Deo, das den Eisbär im Mann weckt, nicht nur ihre offenbar zahlreich angereisten Fans. Sie siegt vor Christian Schmitz-Linnartz, der aber dank eines fantastischen Beitrags über die Tücken einer ADS-Erkrankung, die von Hölzchen auf Stöckchen führt, als Publikumsliebling ebenfalls das Finale erreicht. Einen Achtungserfolg erzielt Markus Berg, dessen Protagonist mit einem Rasierapparat Amok läuft.

Und dann ist da noch Davud Pivac, der mit "Wie ich sexuell missbraucht wurde" polarisiert. Offenbar ist der Text mit dunkelschwarzem Humor als ironische Brechung gedacht, stellt er doch die "Vorteile" im Nachgang einer Schändung (Geschenke, schulfrei und Besuch von Olli Kahn) heraus. Doch viele sind vor allem peinlich berührt. Eine 18-Jährige bringt es am Ende auf den Punkt: "An manchen Stellen hätte man vielleicht sogar gerne gelacht, traute sich aber nicht. Unterm Strich fehlte etwas, das die Sache wirklich absurd gemacht hätte." Auch das ist Poetry Slam - Texte, die verstören und spalten.

Im Finale zieht Deutsch- und Mathelehrer Uschner noch einmal alle Register: In Anlehnung an die Schiller-Ballade "Der Handschuh" lässt er seine "Planschkuh" Elsa zur Friedensstifterin unter Raubkatzen werden. Schülerin Simone Olbrich hingegen schildert ihr Dilemma bei der Entscheidung für "Semmeln im Supermarkt". Gewinner des Abends und damit des von einem Sponsor gestifteten Präsentkorbs wird Christian Schmitz-Linnart, der ausdrücklich betont, sowohl Polizisten als auch Sachsen sehr zu schätzen, bevor er beide Personengruppen sehr amüsant und lautmalerisch präzise mit einer Drogenrazzia am Münchner Hauptbahnhof in Verbindung bringt.

Das altersmäßig durchaus gemischte, aber doch überwiegend junge Publikum, ist hochzufrieden mit den Auftritten der "Slammer". Das gilt auch für Organisator Thomas Steinbrunner. Der freut sich bereits auf den nächsten Termin, angedacht für den 16. November. Und wer weiß, vielleicht wird der aktuelle Zuschauerrekord von am Ende etwa 180 Personen dann ja sogar noch getoppt.