Kommunalwahl 2026Man braucht Humor – und manchmal ein dickes Fell

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Das können nicht nur Männer: die Pullacher Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund bei der Eröffnung eines Kunstrasenplatzes.
Das können nicht nur Männer: die Pullacher Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund bei der Eröffnung eines Kunstrasenplatzes. Claus Schunk
  • Bürgermeisterinnen sind im Münchner Umland mit einem Frauenanteil von nur 10,3 Prozent in Bayern noch immer die Ausnahme, wobei der Landkreis Dachau gar keine weibliche Rathauschefin hat.
  • Amtsinhaberinnen berichten von unterschiedlichen Erfahrungen wie Mansplaining, der Verwechslung mit Sekretärinnen und der Erwartungshaltung, dass ein Mann das Amt ausübt.
  • Frauen im Bürgermeisteramt beschreiben ihren Führungsstil als dialogorientierter und konstruktiver, betonen aber auch die Notwendigkeit eines dicken Fells gegen Anfeindungen.
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Bürgermeisterinnen sind im Münchner Umland immer noch eher die Ausnahme als die Regel. Das bekommen sie auch immer wieder zu spüren. Ein paar Schlaglichter auf die Erfahrungen von Amtsinhaberinnen.

Protokolle von Barbara Mooser

17 Herren im Sakko und hellen Hemd, mal mit Krawatte, mal ohne: Diese Übersicht, die das Landratsamt Dachau auf seiner Internetseite bereitstellt, zeigt eines: dass der Landkreis Dachau gewaltig Nachholbedarf hat. In keinem einzigen Rathaus sitzt eine Frau im Chefzimmer, somit steht der Landkreis noch schlechter da als Bayern im Durchschnitt, wo der Frauenanteil 10,3 Prozent beträgt, oder auch Oberbayern mit einem Frauenanteil von 9,4 Prozent. Tatsächlich gibt es auch Landkreise im Münchner Umland, wo es etwas besser aussieht – etwa im Landkreis Ebersberg, wo die Quote bei 19 Prozent liegt, gefolgt von den Landkreisen Freising (16 Prozent) und Erding (15 Prozent).

Aber eben auch Landkreise, wo sich nur einzelne Bürgermeisterinnen zwischen vielen männlichen Kollegen finden, etwa in Bad Tölz-Wolfratshausen oder Fürstenfeldbruck. Frauen sind in den Rathäusern immer noch eher die Ausnahme als die Regel – mit entsprechenden Konsequenzen für den Umgang mit ihnen. Humor und ein dickes Fell schaden da nicht, wie Amtsträgerinnen aus der Region berichten.

„Ich fühle mich als Frau in einem Männerberuf“

Nicole Schley ist seit 2014 Rathauschefin, gern möchte sie jetzt noch sechs Jahre weitermachen.
Nicole Schley ist seit 2014 Rathauschefin, gern möchte sie jetzt noch sechs Jahre weitermachen. Renate Schmidt

Nicole Schley, SPD, seit 2014 Bürgermeisterin in Ottenhofen, Landkreis Erding: Die lustigste Geschichte, die ich dazu erzählen kann, ist ein Erlebnis, das ich immer noch fast wöchentlich habe. Bei uns in der Verwaltungsgemeinschaft gibt es zwei Bürgermeisterbüros, mein männlicher Kollege sitzt im Büro genau gegenüber, das Vorzimmer ist im vorderen Teil des Gebäudes. Meine Tür steht generell offen, und wenn Leute hereinkommen, kommt es sehr oft vor, dass sie bei mir reinschauen und nach Herrn Bartl fragen. Sie halten mich für die Sekretärin und kommen gar nicht auf die Idee, dass ich auch Bürgermeisterin sein könnte. Natürlich passiert das nur, wenn man mich nicht kennt.

Ob einen die Leute generell anders behandeln als Frau in dieser Position, das könnte ich gar nicht so genau sagen. Tatsächlich fühle ich mich aber als Frau in einem Männerberuf, es spricht ja schon für sich, dass wir im Landkreis Erding in 26 Gemeinden nur noch vier Bürgermeisterinnen haben. Man braucht einen unheimlich dicken Panzer gegen all die Anfeindungen und gegen unzufriedene Bürger, mit denen man zu tun hat. Wenn man den nicht hat und das nicht abkann, wird es schwierig.

Wir Frauen tendieren auch gern mal dazu, uns sehr viele Gedanken zu machen und alles bis zum Ende durchzudenken, was wir denn noch machen könnten, um eine Situation einzufangen und jemanden zu beruhigen. Männliche Kollegen denken sich da einfach, der wird sich schon wieder einkriegen und haken das ab. Es ist schon ein Unterschied, ob eine Frau oder ein Mann diesen Beruf ausübt, das ist definitiv meine Erfahrung aus den letzten zwölf Jahren.

Ob ich weitermachen will oder nicht, darüber habe ich natürlich schon mal nachgedacht. Aber ich mache den Beruf sehr, sehr gerne, weil man auf dieser lokalen Ebene einfach noch sehr viel gestalten kann. Ich glaube, für so einen kleinen Ort habe ich ziemlich viel bewegt, und das macht mir auch großen Spaß. Deshalb würde ich es sehr gern nochmal sechs Jahre weitermachen.

„Manche denken vielleicht, sie können mich leichter über den Tisch ziehen“

Verena Reithmann ist im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen die einzige Rathauschefin.
Verena Reithmann ist im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen die einzige Rathauschefin. Hartmut Pöstges

Verena Reithmann, Unabhängige Bürgerliste (UBI), seit 2020 Bürgermeisterin in Icking, Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen: Bei Sammelmails im Kreis der Bürgermeister lautet oft die Anrede: „Liebe Verena, liebe Kollegen …“, da fühle ich mich schon ein bisschen besonders (lacht). Dass ich die einzige Bürgermeisterin im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen bin, halte ich aber für Zufall, schließlich gab es bei uns im Landkreis in der Vergangenheit schon einige Bürgermeisterinnen. Insgesamt habe ich generell nicht den Eindruck, dass es bei der Arbeit eine Rolle spielt, dass ich eine Frau bin. Ich werde meistens nicht anders wahrgenommen als ein Mann, das finde ich gut so.

Es kommt allerdings auch sehr selten mal vor, dass ich auf jemanden treffe, der denkt, dass ich bestimmte Themen nicht so gut verstehe, weil ich eine Frau bin. Das ist so wie wenn man als Frau in eine Autowerkstatt kommt, um auf ein seltsames Geräusch am Auto hinzuweisen, und der Mechaniker fragt dann: „Macht's brumm brumm beim Fahren?“ Sowas kann zum Beispiel bei Bauthemen vorkommen, da denken manche vielleicht, sie müssen mit mir anders reden oder können mich sogar leichter über den Tisch ziehen. Ich bereite mich gerade bei solchen Themen deshalb besonders gut vor, um meine Duftmarken setzen zu können.

Ob mit mir anders kommuniziert wird, weil ich eine Frau bin, das könnte ich gar nicht sagen. Ich empfinde den Umgang beispielsweise mit Behörden oder Bürgerinnen und Bürgern meist als sehr angenehm, aber ich schreibe das auch meiner eigenen Art der Kommunikation zu: Ich versuche, immer freundlich zu sein, das wird dann häufig zurückgespiegelt. Ansonsten habe ich den Eindruck, dass mir großes Vertrauen entgegengebracht wird, die Menschen wenden sich an mich bei Themen, die ihre absolut privatesten Bereiche betreffen. Aber auch da weiß ich nicht, ob das allein mit meiner Rolle als Bürgermeisterin zu tun hat oder damit, dass ich eine Frau bin – oder aber ob es einfach daran liegt, dass mich viele Menschen schon sehr lange kennen.

Insgesamt gibt es nach Angaben des Statistischen Landesamts im Freistaat 209 Bürgermeisterinnen und drei Oberbürgermeisterinnen. Bei insgesamt 2054 Mandatsträgerinnen und -trägern entspricht das einem Frauenanteil in Höhe von insgesamt 10,3 Prozent. In Oberbayern sind 47 von 500 Mandatsträgern derzeit Frauen (9,4 Prozent). Fünf der 71 Landkreise haben derzeit keine einzige Bürgermeisterin. Die meisten Bürgermeisterinnen – jeweils acht – entfallen auf die Landkreise Ansbach, Unterallgäu sowie Würzburg.

Betrachtet man nur die Parteien, so entfallen laut Statistischem Landesamt auf die CSU mit 56 Bürgermeisterinnen in kreisangehörigen Gemeinden sowie eine Oberbürgermeisterin in der kreisfreien Stadt Augsburg die meisten Frauen unter den Mandatsträgern. Bei der Interpretation gelte jedoch einschränkend zu beachten, dass hierbei gemeinsame Wahlvorschläge unter Beteiligung der CSU nicht mitgezählt wurden, so die Statistik-Behörde.

Im Münchner Umland hat der Landkreis Ebersberg den höchsten Frauenanteil im Bürgermeisteramt, nämlich 19 Prozent, es folgen die Landkreise Freising (16 Prozent), Erding (15 Prozent), Starnberg (14 Prozent), München (zehn Prozent), Wolfratshausen (fünf Prozent), Fürstenfeldbruck (vier Prozent) und Dachau (keine einzige Frau). Freilich lesen sich die Prozentzahlen oft beeindruckender als die absoluten Zahlen: Beim Spitzenreiter Ebersberg bedeuten sie, dass in vier von 21 Gemeinden Frauen das Rathaus leiten.

„Ich kann inzwischen vielleicht auch manches an mir abprallen lassen“

Inge Heiler hat sich 2020 gegen den Amtsinhaber durchgesetzt und stellt sich jetzt der Wiederwahl.
Inge Heiler hat sich 2020 gegen den Amtsinhaber durchgesetzt und stellt sich jetzt der Wiederwahl. Christian Endt

Inge Heiler, Aktive Bürgerliste Egmating (ABE), seit 2020 Bürgermeisterin in Egmating, Landkreis Ebersberg: Ganz zu Beginn meiner Amtszeit hatte ich mal eine Begegnung mit einem Dienstleister, es ging um Straßenlaternen, und da kam tatsächlich mal eine Bemerkung nach dem Motto, dass der Vorgänger sich da wohl technisch besser ausgekannt hatte. Dem habe ich entgegnet, dass ich nicht als Bauingenieurin gewählt worden bin, sondern als Bürgermeisterin. Es ist im Amt ja so, dass man mit vielen Themen konfrontiert wird, bei denen man nicht unbedingt Expertin ist. Davon lasse ich mich nicht beeindrucken, ich schaue einfach, dass ich mir die nötige Kompetenz bei meinen Verwaltungsmitarbeitern, bei meinem Bauhof-Team oder auch im Gemeinderat hole.

Das Erlebnis war zum Glück eine Ausnahme. Die Menschen, mit denen ich zu tun hatte, habe ich in der Regel als sehr höflich und korrekt im Umgang empfunden, und wir haben uns wirklich auf die Sachthemen konzentrieren können. Es gab natürlich Hürden und Schwierigkeiten in den vergangenen sechs Jahren, aber die waren nie darin begründet, dass ich mich in meiner Person als Frau angegriffen gefühlt habe oder darauf reduziert worden bin. Ich persönlich habe in diesem Sinn keine diskriminierenden Begegnungen gehabt. In diesem Jahr werde ich allerdings auch schon 50, natürlich habe ich im Laufe der Jahre auch viel Erfahrung sammeln können und kann vielleicht auch manches an mir abprallen lassen.

Was den Umgang miteinander betrifft, sollte es meiner Meinung nach keine Rolle spielen, ob man ein Mann oder eine Frau ist. Natürlich versuche ich mich bei Gesprächen auf mein Gegenüber einzulassen und zu berücksichtigen, welchen Hintergrund er oder sie hat, aber das hat nichts mit besonderer weiblicher Empathie zu tun, das macht ein guter männlicher Bürgermeister meiner Meinung nach genauso. Wenn man das nicht macht, ist man vielleicht im Amt auch nicht sonderlich gut aufgehoben.

„Frauen werden immer danach gefragt, wie sie Familie und Mandat zusammenbringen wollen“

Susanna Tausendfreund ist erfahren in der Kommunal- und Landespolitik.
Susanna Tausendfreund ist erfahren in der Kommunal- und Landespolitik. Claus Schunk

Susanna Tausendfreund, Bündnis 90/Die Grünen, seit 2014 Bürgermeisterin in Pullach, Landkreis MünchenDass Männer und Frauen in der Politik unterschiedlich behandelt werden, ist ganz offensichtlich. Das merkt man schon bei der Kandidatur: Frauen werden immer danach gefragt, wie sie Familie und Mandat zusammenbringen wollen, bei männlichen Kollegen passiert das nie. Unterschiede zeigen sich auch in der politischen Praxis. Mein Verhandlungsstil ist eher dialogorientiert und mit Gruppendynamiken versuche ich, sensibel umzugehen. Das könnte man als eine eher weibliche Herangehensweise beschreiben, die meiner Meinung nach bei manchen Themen sehr hilfreich ist.

Das Gefühl, dass ich nicht ganz so ernst genommen werde, weil ich eine Frau bin, hatte ich schon lang nicht mehr. Das war vielleicht in meiner Anfangszeit in der Politik so. Das hat sich aber schnell gegeben. Einerseits, weil ich als Rechtsanwältin einen bodenständigen Beruf mitbringe, und andererseits, weil ich in vielen Funktionen Erfahrungen gesammelt habe. Nach zwei Legislaturperioden im Bayerischen Landtag, zwei Amtsperioden als stellvertretende Landrätin, vielen Jahrzehnten im Kreistag und Gemeinderat und zwei Amtsperioden als Bürgermeisterin wird meine Qualifikation nicht mehr infrage gestellt.

Jungen Frauen würde ich auf alle Fälle empfehlen, in die Kommunalpolitik zu gehen. Von Argumenten wie „du bist zu jung“ oder „du kennst dich nicht aus“ sollten sie sich auf keinen Fall abschrecken lassen. Überall wird nur mit Wasser gekocht, und gerade in der Kommunalpolitik kann man so viel von den eigenen Erfahrungen einbringen. Die Entscheidungen im kommunalen Bereich sind ganz unmittelbar an der Lebenswirklichkeit dran, wirken ganz direkt auf das alltägliche Leben der Menschen in den Gemeinden. Das ist einfach eine spannende, sehr vielfältige Tätigkeit. Wenn man mich jetzt fragt, ob ich lieber Rechtsanwältin, Abgeordnete im Bayerischen Landtag oder Erste Bürgermeisterin bei mir in der Gemeinde wäre, sage ich mit voller Überzeugung, dass die Aufgabe als Bürgermeisterin die erfüllendste von allen dreien ist.

„Wir Frauen bringen unglaubliche Resilienz mit“

Susanne Hoyer ist schon lange Rathauschefin in Langenbach und hat sich jetzt etwas Neues vorgenommen.
Susanne Hoyer ist schon lange Rathauschefin in Langenbach und hat sich jetzt etwas Neues vorgenommen. Marco Einfeldt

Susanne Hoyer, CSU, seit 2014 Bürgermeisterin von Langenbach, jetzt Landratskandidatin im Landkreis Freising: Klar machen Bürgermeisterinnen andere Erfahrungen als ihre männlichen Kollegen. Wir werden anders behandelt, aber das ist nicht nur negativ gemeint: Gerade im sozialen Bereich haben wir einen sehr guten Zugang zu den Menschen. Manchen Bürgerinnen und Bürgern fällt es leichter, auf eine Frau zuzugehen, umgekehrt ist es natürlich genauso. Was uns auszeichnet als Frauen: dass wir ruhiger bleiben, sehr konstruktiv und demokratisch unterwegs sind und es oft schaffen, widerstreitende Interessen auszugleichen.

Mir wurde schon oft berichtet, dass über die Jahre hinweg dann ein anderes Klima im Gemeinderat eingezogen ist, auch viele Männer haben mir das bestätigt. Wir Frauen bringen außerdem unglaubliche Resilienz mit. Wir schaffen auch noch die Care-Arbeit daheim und machen vieles gleichzeitig, haben dabei aber immer den Anspruch, das Amt nicht hinten zu lassen. Das habe ich auch in all den Jahren nie gehört: dass ich irgendwas vernachlässigt hätte.

Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass man sich gerade am Anfang doch oftmals durchsetzen muss. Es ist immer noch so, dass viele in diesem Amt einen Mann erwarten. Ein lustiges Beispiel: Wir haben einen Betriebsausflug mit Stadtführung gemacht, letztendlich ging da aber nichts voran und plötzlich sagt dann der Stadtführer: Ja, wann kommt denn euer Bürgermeister? Also die Erwartungshaltung in einer oberbayerischen Gemeinde ist offenbar noch eine andere. Und eine ganz alltägliche Erfahrung: Ich sage etwas – gehört wird es aber erst, wenn es auch ein Mann nochmal gesagt hat.

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