Süddeutsche Zeitung

Bürger auf Patrouille:Casting für die Sicherheitswacht

In Poing werden vermutlich vom Frühjahr 2019 an Privatleute die Polizei bei ihrer Arbeit unterstützen. Nicht allen in der Gemeinde gefällt die Idee, aber schon jetzt gibt es mehr Bewerber als Stellen

Im Sommer ist es die Gruppe lärmender Jugendlicher im Bergfeldpark, im Winter die Angst vor Einbrechern. Selbst an beschaulichen Orten wie Poing ist das subjektive Sicherheitsgefühl mancher Bürger gesunken. Aus diesem Grund wurde Anfang Juni die Einführung einer sogenannten Sicherheitswacht beschlossen, die in festgelegten Einsatzgebieten patrouillieren soll. Das Interesse an den privaten Streifengängen ist nun schon so groß, dass Helmut Hintereder, Leiter der Polizeiinspektion Poing, ein Luxusproblem hat: Für die vier Sollstellen, die das bayerische Innenministerium genehmigt hat, sind schon neun vielversprechende, "gehaltvolle" Bewerbungen eingegangen. Deswegen muss die Polizeiinspektion Poing Ende August wohl eine Art Casting abhalten, um die "besten" Kandidaten zu finden.

Vielversprechend seien die Anwärter unter anderem, weil sie bereits Erfahrung im sozialen Bereich mitbringen oder selbst schon ältere Kinder haben, erläutert Hintereder. Auf die erfolgreichen Kandidaten wartet dann eine vierzigstündige Ausbildung, die ihnen rechtliche und psychologische Grundlagen, sowie den Umgang mit dem Handfunkgerät beibringt. Da das Innenministerium aber keinen genauen Lehrplan zur Verfügung stellt, hat das Polizeipräsidium Oberbayern Nord die einzelnen Dienstellen dazu aufgerufen, sich untereinander abzusprechen. Dafür haben Ebersberg, Erding und Freising nun eine gemeinsame Arbeitsgruppe eingerichtet, um von Herbst an eine einheitliche Ausbildung anbieten zu können. In Poing könnten dann im Frühjahr 2019 die ersten Patrouillengänge starten.

Dies sehen nicht alle positiv. Gemeinderat Bernhard Slawik (FWG) äußerte sich bei der Abstimmung im Juni kritisch: "Ich bin kein Fan davon, Amateure einzusetzen", sagte er. Dem subjektiven Sicherheitsgefühl der einen stellte er das subjektive Freiheitsgefühl derer gegenüber, die sich durch die privaten Rundgänge unnötig überwacht oder verdächtigt fühlen könnten. Dem hält Helmut Hintereder entgegen, dass es vor allem darum gehe, das Gespräch mit bestimmten Gruppen zu suchen, die zum Beispiel durch ihre Lautstärke andere belästigen. Klappt das nicht, kann die Sicherheitswacht auch Platzverweise ausstellen oder Personalien aufnehmen. Festhalten dürfen die Privatleute aber nur Personen, die sie bei einer Straftat erwischen - hier geht ihr Recht nicht über das eines normalen Bürgers hinaus.

Hintereder betont außerdem, dass die Sicherheitswacht nicht nur wegen pöbelnder Jugendlicher eingeführt wird. So soll sie auch der gestiegenen Zahl an Fahrraddiebstählen entgegenwirken, indem verstärkt an den Bahnhöfen patrouilliert wird. Im Winter sei auch ein Einsatz in besonders einbruchsgefährdeten Wohngegenden, beispielsweise Randviertel mit schwer einsehbaren Gärten, denkbar.

Allerdings ist die Zahl der Einsätze bei einer nur vier Personen starken Gruppe von vornherein limitiert. Auch mehrere Personen gleichzeitig auf Patrouille zu schicken ist bei nur vier verfügbaren Streifengängern eine Herausforderung. Hintereder erwägt deswegen, die Wächter auch einzeln loszuschicken. Nur nachts oder in der dunklen Jahreszeit sollen die Freiwilligen auf jeden Fall mindestens zu zweit unterwegs sein.

Bei der Einbruchsprävention sieht Hintereder auch die Bürger in der Pflicht. "Eine gut funktionierende Nachbarschaft ist die beste Prävention", unterstreicht er und ermutigt, besser aufeinander zu achten. Wer gerade überlegt, die Fenster auszutauschen, kann sich außerdem kostenlos durch einen Kriminologen der Kriminalpolizeiinspektion Erding beraten lassen.

Trotz der geringen Mannstärke ist er zuversichtlich, dass die neuen Sicherheitswächter einen Effekt haben werden. Während an der Ausbildung noch gefeilt wird, steht die Ausrüstung schon fest. Die blau gekleideten Hobbywächter werden mit Mehrzweckjacke, Einsatzgürtel, Kurzarmhemd, Taschenlampe, Digitalfunkgerät, Reizstoffspray und einem Erste-Hilfe-Set losziehen. Bewerben kann Mann und Frau sich erst einmal noch bis Ende August, dann wird eine engere Auswahl getroffen.

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Quelle:
SZ vom 21.08.2018
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