Projekt im Kreis Ebersberg:Wenn Landwirte und Naturschützer zusammenarbeiten

Projekt im Kreis Ebersberg: Im 19. Jahrhundert war das Kerngebiet des Brucker Hochmoors auf gerade einmal sechs Hektar zusammengeschrumpft. Durch Beackerung, Nutzungsintensivierung und Entwässerung wurde der charakteristische Lebensraum für Tier- und Pflanzenarten immer weniger. Mittlerweile ist zu sehen, dass dort ein Umdenken stattgefunden hat.

Im 19. Jahrhundert war das Kerngebiet des Brucker Hochmoors auf gerade einmal sechs Hektar zusammengeschrumpft. Durch Beackerung, Nutzungsintensivierung und Entwässerung wurde der charakteristische Lebensraum für Tier- und Pflanzenarten immer weniger. Mittlerweile ist zu sehen, dass dort ein Umdenken stattgefunden hat.

(Foto: Christian Endt)

Das Brucker Moos ist heute eines der wertvollsten Feuchtgebiete Bayerns. Der Weg dahin war lang und ungewöhnlich.

Von Karin Pill, Bruck

"Ich darf Sie an einem der schönsten Plätze in Alxing begrüßen." So lauteten die ersten Worte des Brucker Bürgermeisters Josef Schwäbl (CSU) zu Beginn der feierlichen Vergabe des Staatspreises für Land- und Dorfentwicklung. Wer schon einmal im Brucker Ortsteil Alxing unterhalb der Kirche am Infostadl des Brucker Mooses stand, weiß, wovon Schwäbl schwärmt: der weite Blick, die grünen Wiesen, das Moor.

Hier haben sich am Mittwochmorgen ein Dutzend Gäste für die Vergabe des Staatspreises versammelt. Bereits im Jahr 2020 wurden die Teilnehmergemeinschaft Brucker Moos sowie die Gemeinden Bruck, Aßling und Baiern für die Auszeichnung ausgewählt. Den Preis erhalten sie für die Flurneuordnung des Brucker Mooses und das damit verbundene "hervorragende Bodenmanagement für Artenvielfalt und Klimaschutz". Corona-bedingt fiel die feierliche Übergabe im vergangenen Jahr zwar aus, dafür zeigte sich die Sonne über dem Brucker Moos bei der diesjährigen Feier von ihrer besten Seite.

Im 19. Jahrhundert war das Moor in einem schlechten Zustand

Das Brucker Moos zählt heute mit seinen rund 400 Hektar zu einem der bedeutendsten und wertvollsten Feuchtgebiete Bayerns. Doch das war nicht immer so. Im 19. Jahrhundert war das Kerngebiet des Brucker Hochmoors auf gerade einmal sechs Hektar zusammengeschrumpft. Durch Beackerung, Nutzungsintensivierung und Entwässerung wurde der charakteristische Lebensraum für Tier- und Pflanzenarten immer weniger. Solange, bis Pflanzen, Vögel und andere Lebewesen fast gänzlich verschwanden. Wie beim Menschen, erklärt Max Finster von der Unteren Naturschutzbehörde im Kreis Ebersberg am Telefon sinnbildlich. "Wenn man bei dem das Blut auslässt, dann fehlt ihm auch die Kraft." So sei es beim Brucker Moos gewesen, als man es entwässerte.

In den Neunzigerjahren dann das Umdenken: Bayerns Moore sollten erhalten und renaturiert werden. Der Startschuss für das Pilotprojekt "Ökologische Flurneuordnung Brucker Moos" fiel. Möglich war die gesamte Umsetzung des Projektes nur, indem viele Parteien mitarbeiteten, erklärt Finster. "Das ist das Besondere an der Flurneuordnung des Brucker Mooses", so Finster: Dass Landwirte gefragt wurden, ob sie Eigentumsflächen aus dem Moor gegen andere, besser bewirtschaftbare Flächen außerhalb des Brucker Moores tauschen wollen. Nur so konnte das Ziel erreicht werden, einen Großteil des Moores in einen möglichst zusammenhängenden Flächenverband zu bringen, erklärt Finster.

Der Bürgermeister ist selbst Landwirt, das war hilfreich bei den Verhandlungen

Das Flusstalmoor geht von Bruck bis nach Pausmühle und ist ein etwa sechs Kilometer langes und ein Kilometer breites Areal. "Vom 220 Hektar großen Kernbereich stehen heute etwa 120 Hektar zu unserer Verfügung, allerdings nicht in einem zusammenhängenden Verbund", so Finster. Möglich gemacht wurde dies hauptsächlich durch die Kooperation der Landwirte. Doch das war nicht so einfach. "Nur wenn es für den Landwirt interessant ist, tauscht er seine Fläche im Brucker Moos gegen eine andere. Aber dafür braucht es die besseren Flächen - und die muss man erst mal sammeln und vorweg zahlen."

Zu Beginn seien viele ortsansässige Landwirte gar nicht von der Idee begeistert gewesen, Flächen zu tauschen, so Schwäbl in seiner Rede. "Es war nicht einfach, ihnen zu vermitteln, dass sie Flächen für den Artenschutz geben sollten. Doch Schwäbl, der selbst Landwirt ist und Flächen im Brucker Moos besaß, war von Anfang an vom Projekt überzeugt. Er betonte, wie wichtig sein eigenes landwirtschaftliches Fachwissen gerade in der Anfangszeit war. So habe er sich stets dafür einsetzen können, dass "bei allem Naturschutz nicht die Bauern vergessen werden".

Projekt im Kreis Ebersberg: Georg Huber (von links), Josef Schwäbl, Robert Niedergesäß, Ursula Mesch, Josef Holzmann und Hans Fent nehmen ihre Urkunden für den Staatspreis entgegen.

Georg Huber (von links), Josef Schwäbl, Robert Niedergesäß, Ursula Mesch, Josef Holzmann und Hans Fent nehmen ihre Urkunden für den Staatspreis entgegen.

(Foto: Christian Endt)

Auch Landrat Robert Niedergesäß (CSU) lobte diesen besonderen Tag. Besonders deshalb, bekräftigte Niedergesäß, weil der Schutz des Biotops und des Artenschutzes "nur gemeinsam mit der Landwirtschaft" machbar sei. Das Brucker Moos sei über die Landkreisgrenzen hinaus ein Paradebeispiel für Renaturierung von Mooren - und der Staatspreis "ist die Krönung des Projekts".

Während bereits Schwäbls Ansprache zugunsten der Landwirtschaft authentisch und inbrünstig war, fielen die Worte des Naturschützers Max Finster nicht weniger enthusiastisch aus - wenn auch seine Begeisterung dem Arten- und Biotopschutz gilt. Vierzig Jahre sei er nun schon im Amt, dreißig davon kümmere er sich um das Projekt rund um das Brucker Moos. "Umgerechnet 1,5 Millionen Euro wurden einst für die Flurbereinigung bereitgestellt, damals eine unglaubliche Summe", so Finster. Das Ziel der Flurneuordnung - kein Ausbringen mehr von Gülle oder Chemie, späterer Schnittzeitpunkt auf den Feldern und nur zwei Mahden im Jahr - sieht Finster erfüllt. "Auf diesen Flächen kann man wirklich Klimaschutzmaßnahmen realisieren", sagte Finster.

Ein Moor bindet viel CO₂

Zu Beginn des Projektes sei dieser Aspekt noch nicht so wichtig gewesen. Inzwischen wisse man, "dass ein intaktes Moor bis zu 1,5 Tonnen CO₂ pro Hektar und Jahr binden kann", so Finster. "Das ist sechs mal so viel wie ein intakter Wald bindet." Insgesamt biete der Landkreis Ebersberg Potenzial für über 4000 Hektar Moor-Renaturierung. Ein schlagkräftiges Argument für den Schutz der Moore und ihrer Wiederbewässerung, wenn man an die aktuelle Klimaschutzdebatte denkt.

Viel gelobt wurde auch die Arbeit von Ursula Mesch, Projektleiterin am Amt für Ländliche Entwicklung Oberbayern, die im Laufe des Projekts die Gespräche mit den Landwirten führte und viele von ihnen für einen Flächentausch gewinnen konnte.

So ist das Brucker Moos nicht nur ein Lehrstück für Moor-Renaturierung, sondern auch für die Kooperation zwischen Landwirten und Umweltschützern.

© SZ vom 02.09.2021/moo
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