Es kann nur eine geben: Darüber waren sich lange große Teile des Ebersberger Kreistags und auch viele andere Politiker im Landkreis recht einig. Nämlich eine weitere Gleistrasse Richtung Brenner, die sich eng an der bestehenden Bahnstrecke durch den Landkreis orientiert. Beim Auswahlverfahren der Bahn ist diese – im Kartenmaterial türkis eingezeichnete – Trasse jedoch längst durchgefallen: zu gravierende Auswirkungen auf zu viele Menschen, das war der Hauptgrund dafür.
Dennoch stellte sich die Politik lange relativ klar auf die Seite der Türkis-Befürworter, denn der Protest aus den Dörfern entlang der ausgewählten Trasse „Limone“, die durch bisher noch recht unberührtes Bauernland führt, war laut und heftig. Langsam freilich dreht sich die Stimmung. Denn die Menschen im Hauptort Aßling, die massiv von der Trasse „Türkis“ betroffen wären, stellen der Politik zunehmend nachdrücklich die Frage: Warum, bitte, interessiert sich keiner für uns?
Es könnte vielleicht an der Macht der Bilder liegen: Mit Traktordemos und Mahnfeuern entlang der Hügelketten machten die betroffenen Landwirte immer wieder massiv und eindringlich deutlich, was sie von einem neuen Gleispaar halten, das ihre Felder durchschneiden und nahe an den Dörfern vorbeiführen würde – schon vor der Trassenauswahl und danach umso heftiger. Auch Politiker gesellten sich stets zu den Demonstrierenden, stellten sich auf landwirtschaftliche Schlepper und versicherten ihre Unterstützung.



Eine Bahntrasse nahe am Bestand hatte die Bahn zunächst gar nicht auf dem Plan. Die Variante Türkis, die der Aßlinger Ingenieur Andreas Brandmaier konzipiert hatte, wurde erst später in die Variantenprüfung aufgenommen und galt fortan für den Großteil der Politiker in der Region als Ideallösung. „Fassungslos“, „entsetzt“, „sprachlos“ – das waren entsprechend einige der Politikerreaktionen, als die Bahn vor ziemlich genau drei Jahren bekanntgab, dass die Wahl dennoch auf „Limone“ gefallen war.
Abfinden wollten sich viele in der Region damit nicht, auch der Kreistag hat immer wieder seinem Wunsch nach einer „bestandsnahen Neubaustrecke“ Ausdruck verliehen, die „vorzugswürdige Alternative“ sei die Variante „Türkis“, so ist es immer wieder in den Unterlagen zu lesen. Auf Initiative des Ebersberger Abgeordneten Thomas Huber (CSU) hat im Januar sogar der Landtag sich dieser Forderung angeschlossen. Dies ist ein nicht ganz unwesentliches Signal, schließlich wird möglicherweise noch in diesem Jahr der Verkehrsausschuss des Bundestags eine endgültige Trassenentscheidung fällen.
„Seit Jahren ignoriert und totgeschwiegen“
Doch inzwischen wird der Protest aus einer anderen Ecke des Landkreises immer lauter: Die Menschen, die im Hauptort Aßling wohnen, fürchten beim Bau der Trasse Türkis eine „jahrelange Megabaustelle mit Lärm, Staub, Erschütterungen, Straßensperrungen und Baustellenverkehr genau dort, wo die meisten Aßlinger Bürger und Bürgerinnen leben“.
So haben sie es auch in einer Petition beschrieben, die mittlerweile nach Angaben der Bürgerinitiative „Schützt Aßling und das Atteltal“ an die 1700 Unterstützerunterschriften hat. Sie ärgern sich darüber, dass die türkise Trasse landläufig als „Bürgertrasse“ bekannt geworden ist – dabei handle es sich eben nur um den Vorschlag eines Bürgers, es werde aber suggeriert, dass alle oder jedenfalls ein Großteil der Bürger dahinterstünden.
Die BI-Vertreter fordern nun, dass sich die Politik erklärt. „Wir sind hier, weil unsere Anliegen seit Jahren ignoriert und totgeschwiegen werden“, unterstrich Stefan Karg, einer der Sprecher, am Donnerstag im Umweltausschuss des Kreistags. Die vom Kreistag favorisierte Trasse „Türkis“ sei bei der Abwägung in allen Bereichen durchgefallen – was die Belastung der Menschen betreffe, aber auch bei anderen Faktoren wie „Verkehr und Technik“, „Raum und Umwelt“ und auch bei „Kosten und Risiko“.
Zudem habe sich kürzlich sogar Ministerpräsident Markus Söder (CSU) für einen schnellen Bau des Brennerzulaufs mit möglichst hohem Tunnelanteil ausgesprochen, auch das würde für die ausgewählte Trasse „Limone“ sprechen, die auf 3,7 Kilometern unterirdisch in einem Tunnel verlaufen soll, während bei „Türkis“ keine Tunnel, dafür einige hohe Brückenbauwerke geplant seien.
Der CSU-Landtagsabgeordnete Thomas Huber soll sich erklären
Landrat Robert Niedergesäß (CSU) versprach der BI eine baldige schriftliche Rückmeldung, er räumte zudem ein, dass es in der Vergangenheit „schon eine gewisse Priorisierung für Türkis“ gegeben habe. Nun sollen aber – das war der ausdrückliche Wunsch mehrerer Kreistagsmitglieder – die Aßlinger Belange stärker berücksichtigt werden, auch bei weiteren Stellungnahmen im Zuge des Scoping-Verfahrens, einem vorbereitenden Schritt im Rahmen der Umweltverträglichkeitsprüfung.
Für die Vertreter der Bürgerinitiative eine gute Nachricht: Er sei etwas positiver gestimmt, sagte Stefan Karg nach der Sitzung: „Sie waren gesprächsbereit in unsere Richtung, das ist wirklich neu.“ Immerhin seien nun beide Trassen „auf eine Ebene gehoben“ worden. Die Bürgerinitiative will aber auch, dass sich der Grafinger Landtagsabgeordnete Thomas Huber (CSU) erklärt. In einem offenen Brief an Huber wird der Frust und die Wut der Aßlinger sehr deutlich, der Fragenkatalog an Huber umfasst mehrere Seiten, unter anderem folgende: „Welche Belange erscheinen Ihnen wichtiger als Gesundheit und Wohlbefinden von Tausenden unmittelbar betroffenen Menschen vor Ort?“

SZ Good News:Gute Nachrichten aus München – jetzt auf Whatsapp abonnieren
Mehr positive Neuigkeiten im Alltag: Die Süddeutsche Zeitung verbreitet jeden Tag auf Whatsapp ausschließlich schöne und heitere Nachrichten aus München und der Region. So können Sie ihn abonnieren.
Freilich gibt es auch noch die „Bürgerinitiative Brennernordzulauf Landkreis Ebersberg“, die nur darauf wartet, dass eine Trassenentscheidung fällt und – sollte es bei „Limone“ bleiben – höchstwahrscheinlich vor Gericht ziehen wird. Laut Bahn würde aber auch eine Klage den Zeitplan nicht gravierend durcheinander bringen. Sollte der Bundestag noch in diesem Jahr eine Entscheidung treffen, wäre ein Baubeginn Anfang der 2030er-Jahre und eine Betriebsaufnahme knapp zehn Jahre später realistisch. Der Brenner-Basistunnel selbst hingegen wird nach derzeitiger Planung schon 2032 in Betrieb gehen.

