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Ebersberger Forst:Der Borkenkäfer lässt die Bäume weinen

Borkenkäfer Ebersberger Forst

Harz tropft aus dem Bohrloch eines Buchdrucker-Borkenkäfers in der Rinde einer Fichte im Ebersberger Forst.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Die Fichten im Ebersberger Forst bekämpfen den Schädling mit Harz, doch die Abwehrkraft des Waldes lässt nach. Für die Fällkommandos beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit.

Der Nahkampf beginnt hinter der Borke, wenn der Käfer die Rüstung aus Rinde durchbohrt hat und seinem Ziel nahe ist. Wäre da nicht das Harz, die zweite Abwehrreihe des Baumes, zäh und schwer durchdringbar, quasi sein Kettenhemd. Solange er es trägt, bleibt der Borkenkäfer darin kleben und erstickt, als wäre er in einen Honigtopf gefallen. Doch für die Harzproduktion braucht ein Baum viel Wasser und kühle Temperaturen. An trockenen Tagen wie diesen wird so manches Kettenhemd zu Feinripp. Der Nahkampf gegen den Käfer ist dann kaum mehr zu gewinnen. Die Schlacht beginnt. Der Wald braucht nun Schützenhilfe.

In Bayern hat die intensive Bekämpfung des Borkenkäfers begonnen. Im Ebersberger Forst, einem der größten Wälder im Freistaat ist im bayernweiten Käfermonitoring die "Warnstufe" ausgerufen, also Stufe zwei von vier. Wenige Kilometer weiter östlich, im Nachbarlandkreis Mühldorf, sind hingegen bereits die Gefährdungsstufen drei und vier mit teilweise akutem Befall gemeldet.

Ein Junitag im Forst unweit der Kreisstadt Ebersberg. Die Sonne brennt durch Baumwipfel, eine Motorsäge gibt den Ton an. Revierleiter Daniel Fraunhoffer, 59, ist mit zwei Kollegen unterwegs, einem Harvesterfahrer und dem Beifäller, der mit der Motorsäge dort eingreift, wo das Dickicht für die Harvestermaschine undurchdringbar wird. Die drei sind dafür zuständig, dass der Käfer sich nicht ausbreitet. Präzision ist gefragt, ein genauer Blick - und das Bewusstsein, dass jede Fällaktion für einen selbst die letzte sein könnte.

Der Kampf gegen den Schädling geht jetzt in die zweite Runde

Im Forst streifen in diesen Wochen 15 Käfersucher durch die Reviere und markieren befallene Nadelbäume. Zehn Forstarbeiter räumen dann auf, mit Motorsäge und Helm, vier Harvestern und Zugmaschinen, damit befördern sie befallenes Holz aus dem Wald. Bis vor kurzem beseitigten die Arbeiter im Ebersberger Forst Bäume, die vom Schneebruch zerstört wurden - es war in Oberbayern das große Aufräumen nach einem der härtesten Winter seit langem. In der Hitzewelle geht der Kampf gegen den Schädling in die zweite Runde.

Revierleiter Fraunhoffer steht in einem Areal mit zehn registrierten Käfer-Bäumen. Noch ist es früh in der Käfersaison, so früh, dass erst wenige Bäume befallen sind. "Umso wichtiger, dass wir jetzt schnell handeln", sagt Fraunhoffer. Er tastet den Stamm einer Fichte ab. "Um die 70 Jahre alt", sagt er und zeigt auf ein winziges Loch in der Rinde, aus dem orangenes Harz austritt: Hier hat sich ein Buchdrucker durchgebohrt, mit dieser Borkenkäferart haben sie es fast überall in Bayern zu tun. Erkannt haben die Sucher den Befall an hellbraunem Pulver, das sich im Moos an der Wurzel verfangen hat, unscheinbar, als hätte man einen Teelöffel Kaffeepulver entleert. Für diesen Baum ist der Fund das Todesurteil. Seine Abwehr ist durchdrungen, deswegen die rote Markierung. Der Harvester bringt sich in Stellung.

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Borkenkäfer und ihre Larven ernähren sich vom Zucker, der in Nadelbäumen zwischen Holz und Rinde fließt. Dieser Zucker gibt dem Baum die lebenswichtige Energie - auf die es der Käfer und seine Nachkommen abgesehen haben. Bohrt er sich durch die Rinde, gelangt er zur Zuckerschicht. Bei Normaltemperaturen aber stößt er auch auf Harz, das der Baum an jenen Stellen bildet, wo er verletzt wurde. Der Harz-Kleber tötet den Käfer und verschließt die Wunde in der Rinde. Im Idealfall. An heißen Tagen wie diesen kann der Baum aber immer weniger Harz produzieren. Das Kettenhemd wird dann irgendwann durchdrungen. Deswegen sind Trockenperioden für Wälder so gefährlich - und für die Schädlingsbekämpfer eine intensive Zeit.

Der Harvester rumpelt voran, in der Kabine wackeln die Scheiben. Drin sitzt Sebastian Müller aus Hohenlinden, 28 Jahre alt, und seit drei Jahren Harvesterfahrer. Mit einem Glasstift hat er am Seitenfenster jene Holzlängen notiert, die bei Sägewerken zur Zeit gefragt sind. Per Bordcomputer steuert er den Greifarm, zum Fällen fährt er eine Kralle mit Säge aus und schneidet den Stamm über dem Boden ab. Der Baum fällt zwischen seinen Artgenossen auf den Waldboden. Eine halbe Minute später ist er entastet und in Teile zerschnitten, fünf Meter Bauholz, drei Meter Brennholz, zwei Meter Rohstoff für Papier. Dann geht es weiter, zu den nächsten Käfer-Opfern.

Sebastian Müller wäre beinahe ein Baum auf die Fahrerkabine gekracht

Wo der Harvester nicht weiterkommt, beginnt die Arbeit für Wolfgang Sollinger, 53 Jahre alt und mehr als die Hälfte seines Lebens als Forstwirt im Holz. In diesen Tagen ist sein Beruf mühsamer als sonst. Weil es vor den hitzigen Tagen sehr feucht war, sind im Unterholz Horden von Stechmücken unterwegs. Doppelt praktisch, dass Sollinger den Helm mit dem Gesichtsschutz dabei hat. Unvorteilhaft ist hingegen, dass ein Südostwind eingesetzt hat, er macht das Fällen einer 30-Meter-Fichte nicht gerade leichter. Sollinger klappt das Visier nach unten und startet die Säge. Fallkerb, Bruchleiste, Fällschnitt. Die Fichte kracht zu Boden, doch der Wind beeinflusst den Fallwinkel, deswegen bricht der Giebel an der Spitze ab. Keine wirkliche Gefahr - aber, sagt Sollinger: "Nicht ideal."

Es sind Profis, die hier am Werk sind, doch die Natur ist nie zu hundert Prozent berechenbar - und im Holz können Unfälle dramatische Folgen haben. Ein Unfall? Harvesterfahrer Sebastian Müller zeigt auf zwei Dellen auf seiner Maschine. Bei einer Fällaktion krachte ein morscher Totholzbaum herab, "das Dickicht hat ihn so verdeckt, dass ich ihn nicht sehen konnte", sagt Müller. Der gefällte Baum erwischte den morschen - und dieser fiel auf seinen Harvester. Knapp vorbei an der Fahrerkabine, direkt auf den Motorschutzbügel. Müllers Kabine ist für 40 Tonnen ausgelegt, ein Baum wiegt um die fünf Tonnen. Müller sagt: "Ich bin nicht scharf darauf, dass es mir so einen Baum aufs Dach haut."

Zurück auf dem Waldboden, im Käferareal. Majestätisch steht sie da, 30 Meter hoch, 90 Jahre alt: Eine Fichte wie gemalt. Aber auch bemalt. Die rote Markierung bedeutet: Auch sie ist befallen, auch sie muss nun fallen. Auf den Sträuchern neben dem Stamm ist ein schwarz-gelber Klumpen zu finden - ein Borkenkäfer, der sich wohl noch harzverklebt weggeschleppt hat, aber dann erstickt ist. Diesen einen Nahkampf hat der Baum gewonnen, doch seine Schlacht ist verloren, zu retten ist er nicht mehr. Eine Käferkolonie hat ihn mittlerweile erobert. Bei genauem Hinsehen sind in der Rinde Dutzende Löcher zu erkennen, nur aus wenigen tropft noch Harz. Als würde der Baum weinen.

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