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Bilanz des Bürgermeisters:Gemacht, was machbar war

Reitsberger - Abschied vom Bgm-Amt

Drei Jahrzehnte hat Georg Reitsberger in diesem Saal die Vaterstettener Politik mitgeprägt, 24 Jahre als Gemeinderat und sechs als Bürgermeister. Im Mai wird er sich aus der Gemeindepolitik zurückziehen, das Interesse an der Gemeinde wird ihn wohl aber nicht loslassen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Bürgermeister Georg Reitsberger hört im Mai nach nur einer Amtszeit auf. In seiner Gemeinde wird er aber weiter präsent sein, unter anderem will er sich der Ortsgeschichte widmen

Von Wieland Bögel, Vaterstetten

Die Großgemeinde gilt vielen ihrer Einwohner nicht unbedingt als Ort großer Geschichte, zu schnell ist sie in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen. Dass es bei all den Neubauten und Neubürgern trotzdem viel Geschichte und viele Geschichten aus und über Vaterstetten gibt, haben in den vergangenen sechs Jahren indes wohl einige Bewohner der Gemeinde lernen können. Denn wer seit Amtsantritt von Bürgermeister Georg Reitsberger (FW) einen offiziellen Termin des Rathauschefs besuchte, bekam dort oft mehr als ein paar Häppchen oder ein Glas Sekt. Vielmehr tischte der Gastgeber gerne die eine oder andere historische Anekdote auf.

Besonders gerne zitierte Reitsberger als profunder Kenner der Ortsgeschichte den gut 200 Jahre alten Bericht des Joseph Ritter von Hazzi, der an die Regierung in München eine armselige Gegend zu vermelden wusste, deren Bewohner durch "Stumpfheit und Blödigkeit" auffielen. Was sich natürlich sehr gebessert habe, ließ der Redner danach gerne verlauten. Bessern könnte sich allerdings auch der Umgang mit der Ortsgeschichte, findet der scheidende Bürgermeister: Im Alltag der Vaterstettener könnte sie, wenn es nach Reitsberger geht, ruhig etwas präsenter sein. Etwa bei Straßenbenennungen: Noch aus seiner Zeit als Gemeinderat stammt etwa die Initiative für den Hofkellermeisterweg, der an Ludwig Dorsch erinnert, einen wohlhabenden Münchner, der um 1900 gerne in Vaterstetten Urlaub machte. Aber auch, was neben den Straßen steht, hat oft historischen Wert: "Der Erhalt geschichtsträchtiger Bauten war mir immer ein großes Anliegen."

Ein paar davon konnten in den vergangenen sechs Jahren vor dem Verschwinden bewahrt werden. Die Alte Post in Parsdorf zum Beispiel. Als die Traditionswirtschaft 2014 überraschend schließen musste, sah es für einige Zeit so aus, als ob sie es auch für immer bleibt, sogar ein Abriss des historischen Gebäudes wurde erwogen. Reitsberger setzte sich dafür ein, dass die Gemeinde das Gasthaus zunächst kaufte. Eine Gruppe Parsdorfer Einwohner übernahm 2018 das Gasthaus von der Gemeinde und betreibt es seitdem. Nebenan im alten Parsdorfer Rathaus - auch dieses war vom Abriss bedroht - sollen nun bald neue Wohnungen entstehen, der größte Teil des Hauses aus den 1920er Jahren mit seinem markanten Rundbalkon wird dabei erhalten bleiben.

Auch der Wiederaufbau des alten Straßenmeisterhauses in Neufarn ist im Wesentlichen dem Bürgermeister zu verdanken. Rein baurechtlich dürfte am Neufarner Berg nichts mehr stehen, nachdem der Originalbau 2015 bei einer missglückten Renovierung fast vollständig abgerissen wurde. Reitsberger überzeugte seinen Gemeinderat, sich darüber hinwegzusetzen, letztlich gab sogar der Petitionsausschuss des Landtages eine Empfehlung für einen Wiederaufbau ab. Und so kam es: Das Haus wurde nach Originalplänen wieder aufgebaut. "Solche Gebäude sind wichtige Zeugen einer Gemeindegeschichte, die sich mit bodenständigen Wirtshäusern, Bauernhöfen, Denkmälern und Feldkreuzen ergänzen lässt", sagt Reitsberger, weshalb deren Rettung und Erhalt eine wichtige Angelegenheit in seiner Bürgermeisterzeit war.

Dass diese nun nach nur sechs Jahren zu Ende geht, ist zumindest nicht überraschend. Schließlich war bereits 2013 klar, dass ihm die Altersgrenze nur eine Amtszeit erlauben würde. Was nicht heißt, dass Reitsberger sein Amt nicht schätzen gelernt hätte: "Es war für mich nie einfach ein Job, sondern ein Amt, für das man gelebt hat, ein Amt mit einer Würde, das ich immer gerne ausgefüllt habe." Also doch ein wenig Wehmut, ein bisschen doch der Wunsch, noch etwas weitermachen zu können? "Wenn es möglich gewesen wäre, hätte ich mich nochmal zur Kandidatur gestellt", sagt Reitsberger, "aber ich habe mich darauf einstellen können, dass es bei einer Amtszeit bleibt."

Und auch in einer Amtszeit kann man einiges umsetzen. "Machen, was machbar ist" war im Wahlkampf der Leitsatz von Georg Reitsberger, zu dem er auch zum Ende seiner Amtszeit noch steht: "Viele hochfliegende Planungen mussten reduziert werden, weil Gemeindefinanzen Grenzen setzten." Das gilt insbesondere für die Neugestaltung des Vaterstettener Ortszentrums, dessen erste Planungen bereits in die Amtszeit von Reitsbergers Vorvorgänger Peter Dingler fielen. Reitsberger macht keinen Hehl daraus, dass er speziell diese "Reduzierung" bedauert: "Die Gestaltung eines ansprechenden Ortszentrums von Vaterstetten ist dem scheidenden Bürgermeister in seiner Amtszeit nicht vergönnt gewesen. Diesen Wunsch und diesen Traum legt der langjährige Ehrenvorsitzende des Ortsverschönerungsvereins und mögliche Altbürgermeister nun in die Hände des neuen Gemeinderates."

Aber anderes war wichtiger, wie die Sanierung des Sportstadions und der Bau der neuen Grund- und Mittelschule samt Dreifachturnhalle mit Schwimmbad. Im vergangenen Herbst wurde der 40-Millionen-Euro-Bau den Schülern und Lehrern übergeben, auch wenn das Schwimmbad bis jetzt noch nicht ganz fertig ist. Gegenfinanziert wurde das Projekt mit dem Verkauf gemeindeeigener Flächen im heutigen Wohngebiet Nordwest. Dass es an dem damit einhergehenden Bevölkerungszuwachs - gut 1500 zusätzliche Vaterstettener gibt es dadurch - Kritik gab, ist dem Bürgermeister klar, aber: "Nur so konnte die Finanzierung sichergestellt werden."

Ebenfalls umstritten war das vermutlich größte Gewerbeprojekt in der Vaterstettener Gemeindegeschichte: Parsdorf III. Auf rund 40 Hektar sollen sich in den kommenden vier Jahren der Autobauer BMW mit einem Logistikzentrum und bis 2027 der Maschinenbauer Krauss-Maffei mit seiner Produktionsstätte ansiedeln. "Es wird zwar eine beachtliche Fläche in Anspruch genommen, aber die optimale Lage zur Autobahnausfahrt in Parsdorf und zur S-Bahnanbindung in Grub war ausschlaggebend für die Entscheidung", sagt Reitsberger. Was im Gemeinderat nicht alle so sahen, SPD und Grüne stimmten gegen das Projekt. Das dennoch bitter nötig ist, so Reitsberger, es seien "wesentliche Verbesserungen im Gewerbesteueraufkommen zu erwarten, auf die unsere Gemeinde angewiesen ist, um der Vielzahl der kommunalen Aufgaben gerecht zu werden".

Ob es so kommt, wird sich wohl frühestens Mitte des Jahrzehnts entscheiden. Aber vielleicht wird Reitsberger lange nach Ende seiner Amtszeit als der Bürgermeister gefeiert werden, der Vaterstetten endlich die Gewerbesteuereinnahmen verschafft hat, über deren Fehlen im Gemeinderat seit Jahrzehnten geklagt wird. Sicher ist indes, dass im Gemeinderat Lob oder Klage ohne Reitsberger stattfinden werden, nach sechs Jahren Bürgermeister und davor 24 Jahre Gemeinderatsmitglied wird er sich aus der Vaterstettener Politik zurückziehen und nicht erneut kandidieren. Lediglich für den Kreistag hat er sich noch einmal auf die Wahllisten setzen lassen und ist auch gewählt worden. Er werde sich in den kommenden sechs Jahren eben mehr "dem Landkreis widmen", sagt er.

Und vielleicht auch einem besonderen Projekt: der Gemeindebrauerei, die dem "Seydel Vaterstetter" gewidmet sein sollte. Von dessen Vorfahren leite sich immerhin der Ortsname Vaterstetten ab und er selbst wurde 1363 als erster Münchner Bierbrauer erwähnt. "Das anfängliche Tun und Wirken dieses Vaterstetteners führte nachweislich dazu, dass München zur Bierstadt der Welt geworden ist", sagt Reitsberger - seine Gemeinde und ihre Geschichte werden ihn also auch nach Ende seiner Amtszeit nicht loslassen. Er bleibe auch als Altbürgermeister "ein eifriger Förderer und Unterstützer des gemeindlichen Archivs", kündigt Reitsberger an. Vielleicht werde er ein Buch über Vaterstetten schreiben, besonders die Familien- und Hofgeschichten seien ein ebenso interessantes wie noch weitgehend unerforschtes Feld.

© SZ vom 15.04.2020

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