Die Entscheidung fällt dem drahtigen Herrn in Radlerkluft sichtlich schwer. „Ist das Käsesahne?“, fragt er und deutet in die Vitrine. „Ja, aber mit Mango. Auch sehr gut“, verspricht der junge Mann hinterm Tresen. Wenig später arrangiert er Currywurst und Pommes auf einem Tablett, zapft ein kaltes Helles dazu. Langsam läuft der Nachmittagsbetrieb im Biergarten St. Hubertus im Ebersberger Forst an. Lässig und routiniert arbeitet Alex Graßl die Bestellungen ab, begrüßt die Gäste mit einem freundlichen Lächeln, spricht sich mit seinem Team in Küche und Schenke ab.
Viele Gäste wissen wahrscheinlich nicht, dass sie hier gerade vom Chef bedient werden – das ist der 20-Jährige seit dem Frühjahr aber. Um den großen Waldbiergarten im Forst zu übernehmen, hat er kurz vor dem Abitur die Schule geschmissen – und es bisher nicht ein einziges Mal bereut, wie er sagt.
Ob Graßl der jüngste Biergartenwirt in Bayern ist, das lässt sich schwer sagen, der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband führt hierzu keine Statistiken. Wichtiger als die Tatsache, dass er sehr jung ist, ist wahrscheinlich ohnehin die, dass er trotzdem schon einige Gastro-Erfahrung hat: Vier Jahre war der Ottenhofener Mitarbeiter des früheren Biergartenwirts, hat so manches stressige Sommerwochenende miterlebt, die Herausforderungen des Wirteberufs kennengelernt. Als er davon erfuhr, dass sein Chef den Biergarten aufgeben wollte, musste er daher nicht lang überlegen, bevor er sich bewarb.
Denn obwohl er zwischenzeitlich die Idee hatte, Lehrer zu werden, hatte sich schon als Kind ein großes Faible für die Gastronomie abgezeichnet. „Ich habe schon, als ich klein war, Bier für meinen Papa ausgeschenkt und bei Geburtstagen die Gäste bedient“, erzählt er und lacht. Seine Eltern erhoben daher auch keinen Einspruch, als Alex Graßl, der das Fachabitur bereits in der Tasche hat, vom eingeschlagenen Berufsweg abwich und die Fachoberschule verließ.

Im Gegenteil: „Uns war wichtig, dass er etwas macht, das ihm Spaß macht – und als diese Gelegenheit kam, durfte er sie auch nutzen“, sagt Mutter Melanie, die gemeinsam mit ihrem Mann Martin den Sohn tatkräftig in Küche und Ausschank unterstützt. „Stressig, aber schön“, sei es, sagt der Vater, der früher als Fahrlehrer gearbeitet hat, und zeigt sich durchaus ein bisschen stolz: „Alex behält den Überblick.“
Die Personalsuche gestaltete sich erst mal schwierig
Trotz der familiären Verstärkung – das Sagen hat ganz klar der 20-Jährige, und einige Änderungen hat der junge Wirt bereits eingeführt. Unter anderem ist es ihm ein Anliegen, dass sich auch für Veganer der Ausflug in den Forst lohnt. „Ich selbst lebe mehr oder weniger vegan und habe festgestellt, dass es in Bayern auf dem Land manchmal schwierig ist“, sagt er. „Deshalb wollte ich, dass Veganer hier nicht unbedingt nur auf Pommes angewiesen sind.“
An diesem Tag haben diejenigen, die keine tierischen Produkte essen, sogar die Qual der Wahl: Bunter Salatteller mit Falafel, veganer Hubertusburger, vegane Currywurst oder – das ist vielleicht eher für den Nachwuchs – vegane Dino-Nuggets stehen zusätzlich zu deftigen Fleischgerichten auf der Karte. Zum Kaffee ist eine vegane Donauwelle im Angebot, die Melanie Graßl selbst gemacht hat. Die Reaktionen auf das Speisenangebot seien sehr positiv, sagt Alex Graßl, sogar Nicht-Veganer probierten gern die fleischlosen Varianten und seien meist ganz angenehm überrascht.

Auch sonst dominierten bisher die angenehmen Erlebnisse im Biergarten, es sei mehr los als gedacht, erzählt Graßl, vor allem an Sonn- und Feiertagen zieht es die Menschen in der Region in Scharen in den idyllischen Biergarten mitten im Forst. 350 Gäste können hier im Schatten der Bäume oder in der Sonne auf der kleinen Lichtung Bier und Speisen genießen, mittlerweile kein Problem für Graßl und sein zwölfköpfiges Team. „Die Leute, die ich habe, sind wirklich spitze“, erzählt der Wirt, auch wenn es nicht ganz einfach war, genügend Fachpersonal zu finden: „Am Anfang dachte ich, das ist ein aussichtsloser Kampf.“ Inzwischen freilich schaut es ganz gut aus, was nicht heißt, dass es nicht dennoch manchmal Lücken gibt.
Wie zum Beispiel am Muttertag: Der Besucherandrang war riesig, die Personaldecke von Anfang an knapp – und dann fielen auch noch drei weitere Mitarbeiter kurzfristig aus. „Das war ein Tag, der war brutal“, sagt der 20-Jährige. Glücklicherweise gibt es auch andere, und an denen ist Alex Graßl wieder sehr gern Wirt. „Manchmal ist der Biergarten total voll, trotzdem sind wir so eingespielt, dass es eigentlich nie Stress gibt, das ist dann sehr schön“, sagt er. Oder wenn sein Musikprogramm gut ankommt, neulich etwa, als Bud’n’Cellar auf der Bühne stand. Die Band war selbst auf Graßl und seinen Biergarten-Neustart im Forst gestoßen und hatte sich angeboten, mit Erfolg: „Die dürfen wiederkommen.“ Auch viele andere sind neugierig auf den neuen Wirt im Forsthaus, sogar aus Nordrhein-Westfalen und Dresden seien Gäste gekommen, die sich das mal anschauen wollten, erzählt Graßl.

Die weniger angenehmen Tätigkeiten in der Gastronomie – von Buchführung bis Personalbuchhaltung – stemmt der 20-Jährige nach eigenen Angaben mithilfe von KI, viel Internetrecherche und dem Steuerberater. Und nachdem es jetzt im Biergarten läuft, schmiedet er schon wieder neue Pläne: Denn auch das gemütliche Restaurant, das zum Biergarten gehört, soll nach einer Renovierung wieder geöffnet werden.
Der Biergarten ist derzeit freitags, samstags sowie an Sonn- und Feiertagen jeweils von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

