Seit 30 Jahren mitreißend:"Leb'n wia i mog"

Die inklusive Band "Rotes Motorrad" aus Steinhöring wird mit dem Kulturpreis "Grüner Wanninger" ausgezeichnet.

Von Alexandra Leuthner

Im Kellerraum steht die Luft. Er liegt unter dem Wohnbereich I des Steinhöringer Einrichtungsverbunds. Er ist klein, niedrig, vielleicht 15 Quadratmeter groß - aber voller Musik. Gitarren hängen an den Wänden, ein Keyboard steht an der Wand, und sämtliche Bandmitglieder sind da. Das Rote Motorrad ist vollzählig versammelt, unterstützt durch Gastmusiker Kerstin und Robin, sowie einen Groupie, und wartet voller Anspannung auf seinen Auftritt.

Der findet heute nur für die Presse statt, eine Art öffentliches Training also, zu dem sich die Musiker zusammengefunden haben. Alle, bis auf Franz Wallner, den Bandleader und Betreuer, wohnen im Einrichtungsverbund Steinhöring. Ein paar von ihnen schon seit Jahrzehnten, so wie Alfred Mertins, der vor 30 Jahren die Band mitbegründet - und sich auch den Namen ausgedacht hat. Heute hat er seinen Bass über die Schulter gehängt, an einem Notenständer klemmt noch eine Trompete, demnächst will er sich ein Flügelhorn kaufen, erzählt er mit gewissem Nachdruck und lässt seinen Gesprächspartner dabei nicht aus den Augen.

Von seinem feinen musikalischen Gehör hat Grünen-Bezirksrätin Ottilie Eberl in ihrer Laudatio geschrieben, anlässlich der Preisverleihung des "Grünen Wanningers" an die Steinhöringer Band im September in Mühldorf. Und seine Musikalität stellt Alfred Mertins an diesem Nachmittag gleich mehrfach unter Beweis. Die zweite Stimme, die er zur Unterstützung von Sänger Tobias Kudler intoniert, kann sich hören lassen und treibt Wallner, der nicht nur mit seiner E-Gitarre, sondern auch mit seiner unangefochtenen Autorität den Ton angibt, den Stolz ins Gesicht.

Als Sozialpädagoge und langjähriger Bandmusiker hat er die Combo seit ihrer Gründung begleitet, kennt jeden seiner Musiker genauestens, weiß, was er zu wem sagen oder nicht sagen darf, aber auch, wie er jeden von ihnen musikalisch einsetzen kann. "Wenn mal was harmonisch anders läuft und einer anderswo unterwegs ist, dann machen wir es halt einfach anders", erklärt er. Es komme schon mal vor, dass dann einer nur einen Ton spiele, Hauptsache, jeder seiner Schützlinge erzeuge diesen Ton selbst. Es geht ums Dabeisein, ums Mitmachen, auch ums Auf-der-Bühne-Stehen, nicht darum, dass jeder Griff hundertprozentig sitzt. Hauptsache, es reißt mit, so wie das Solo, das die junge Schlagzeugerin Caro Dichtl, die einzige Frau im Team, zum Filmsong "Hey Wickie" auf ihrer Conga trommelt. Sänger Tobi Kudler gibt ihr den Einsatz, indem er sich punktgenau um Notenständer und Mikrofonhalter herum schlängelt und der jungen Kollegin sein Mikro unter die Nase hält.

Kudler ist Sänger, Frontmann, spielt die Panflöte, wie jetzt zur Einleitung des Schlagerklassikers "Sierra Madre", er kann auch Keyboard und Akkordeon. Aber nicht nur das, er scheint die Band mit seinem Humor und seinen Späßen zu tragen. "Leb'n wia i mog", singt er, frei nach Peter Maffay, und scherzt "heut' darf ich das noch, morgen muss ich zum Zahnarzt".

Das Rote Motorrad sei keine typische inklusive Band, sagt Bezirksrätin Eberl, die selbst 1977 als Erzieherin im Einrichtungsverbund angefangen hat. Menschen mit kognitiven Einschränkungen dürften hier nicht nur mitspielen, vielmehr machten sie die Band aus. Die "Alpenrocker" aus Steinhöring - wie sie sich selbst nennen - brauchen zwar ihren Betreuer Franz Wallner als Unterstützer und Koordinator, doch sind sie tatsächlich nicht nur Mitspieler, sondern tragende Säulen der Band, die ihre Musik und ihr Konzept mit spürbarem Stolz und Selbstbewusstsein leben. Georg Pichmoser etwa, der "Kümmerer" in der Gruppe, der immer wieder anschiebt, wenn es darum geht, zu proben und gemeinsam zu musizieren. Mundharmonika spielt er, Percussion und Gitarre. "Ich hab schon Blues geschrieben vor 30 Jahren", erzählt er und lässt nicht locker, bis ihm die Besucher zu seinem Platz an der hinteren Wand des Übungsraums folgen, wo er seine Instrumente stehen hat. Als es dann an sein Solo geht, "und jetzt der Schorsch mit seiner Gitarre", ruft Wallner, legt er los wie die Feuerwehr. Dass bei ihm nie ein Solo wie das andere klingt, stört niemanden, "meine Gitarre muss man nie stimmen", jubelt er, als er fertig ist.

Inzwischen spielen die Musiker, zu denen auch die beiden Schlagzeuger Reinhard Barta und Heinz Bonath gehören, nicht mehr nur Coversongs, sondern haben zwei eigene Lieder im Repertoire. Die sie vielleicht bei ihrem nächsten Auftritt am Donnerstag, 28. Oktober, zur Eröffnung der Woche der Toleranz im Ebersberger Alten Speicher zum Besten geben werden. Und dann gehe es ja schon in den Fasching hinein, der in diesem Jahr unter besseren Vorzeichen zu stehen scheint als im vergangenen, der Faschingsball im Einrichtungsverbund gehört seit jeher zu den Auftrittsmöglichkeiten für das Rote Motorrad. "Ihr mögt's ja Party machen", ruft Wallner und erntet begeisterten Beifall.

Mit dem "Grünen Wanninger", den die Grünen-Fraktion im Bezirkstag seit 1988 verleiht, rückt das Rote Motorrad auf eine Stufe mit einigen Ensembles und Musikern, die über die Jahre überregionale Bekanntheit erlangt haben. So gehören der Zither-Manä, die Fraunhofer Saitenmusik, der Bairisch-Diatonische Jodelwahnsinn oder die Biermösl-Blosn ebenso zu den Ausgezeichneten wie die "Klinik-Clowns", die Umweltinitiative "Pfaffenwinkl" oder die Grafinger Musikerin Nirit Sommerfeld. Angelehnt an die Mühen der Karl-Valentin-Figur des Buchbinders Wanninger, der auf der vergeblichen Suche nach einer einfachen Auskunft in den Mühlen einer Behörde versandet, sollte der Kulturpreis von Anbeginn an Menschen im sozialen oder kulturellen Bereich dazu ermutigen, nicht aufzugeben. Doch daran denkt beim Roten Motorrad ohnehin niemand.

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