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Besonderer Begleiter:Dem Leben zugewandt

Die Moosacherin Gudrun Probul hat mit "Immer, wenn wir uns begegnen" für das Jahr 2020 wieder einen poetischen Kalender geschaffen, illustriert mit Fotos von Johannes Schmieg aus Grafing

Für die Allermeisten ist die Vorweihnachtszeit mit jeder Menge Hektik und Stress verbunden - da noch ein Geschenk besorgen, dort noch Plätzchen zur Weihnachtsfeier mitbringen. Doch dann gibt es diese Menschen, die so eine freundliche Gelassenheit ausstrahlen, dass man sich in ihrer Gegenwart selbst ganz tiefenentspannt fühlt. Gudrun Probul ist so eine Person. Weil diese Ruhe bereits einkehrt, bevor man ein einziges Wort mit ihr gewechselt hat, wundert man sich dann auch gar nicht mehr über die vielfältigen Begabungen der Moosacherin, die nicht nur für ihre lyrischen Texte bekannt ist, von denen später noch ausführlich die Rede sein wird, sondern auch für ihr Engagement in der Kirche sowie für ihre Tätigkeit als Doula.

Dieser in anderen Ländern durchaus bekannte und anerkannte Beruf der "Geburtsbegleiterin" (die aber nicht medizinisch tätig wird) - beispielsweise in der Schweiz, wo Probul vor fast 20 Jahren ihre Ausbildung machte - bildet dann auch gleich den Gesprächsauftakt. Wie kam sie dazu? "Ich bin halt geburtsaffin," lacht die sechsfache Mutter, deren Kinder, nun alle auch schon junge Erwachsene, im Abstand von acht Jahren zur Welt kamen. "Bei mir lief glücklicherweise alles immer gut, aber bei ganz vielen Frauen ist das anders. Darum wollte ich Sorge tragen, dass die Eltern, die ich begleite, ein positives Geburtserlebnis haben." Bei rund 15 Familien war sie dabei, als ein Kind zur Welt kam - einmal war es sogar bereits acht Minuten vor Ankunft der Hebamme da.

Mit Lyrik von Gudrun Probul aus Moosach und dazu passenden Fotos von Johannes Schmieg aus Grafing geleitet ein Kalender durch das Jahr 2020.

(Foto: Christian Endt)

Mittlerweile hat die gelernte Bankkauffrau ihre Hauptbeschäftigung aber in einen anderen Bereich verlagert - sie ist Springerin in der Mittagsbetreuung an der Grundschule Moosach. "Mein ursprünglicher Beruf war nie Berufung. Was für ein Glück! Sonst hätte ich nie sechs Kinder gehabt", erklärt die 53-Jährige. "Ich wäre schon als junges Mädchen viel lieber Hebamme, Religions- oder Sozialpädagogin geworden. Jetzt macht Letzteres meine Tochter." Probul spricht häufig von Entwicklungen in ihrem Leben, die "ein Geschenk" gewesen seien, davon, dass sie dieses oder jenes habe "erleben dürfen" - und vermittelt dabei eine durch und durch authentische Freude und Dankbarkeit.

Vielleicht hat das auch mit dem Glauben der bekennenden Christin zu tun: Seit 26 Jahren wirkt die gebürtige Kirchseeonerin im Kirchenvorstand der evangelischen Gemeinde in Grafing. Vor zwölf Jahren kam dann der Sprung in die Dekanatssynode (vergleichbar mit dem Kreistag), 2019 wurde sie dort ins Präsidium gewählt. Obwohl dieses Ehrenamt mit einer mehrstündigen Sitzung pro Monat sehr zeitaufwendig ist, schätzt Probul die Vernetzung mit den politischen Gemeinden, etwa im Bereich der Notfallseelsorge oder dort, wo es um Flüchtlinge geht. Außerdem macht sie diese, wie sie findet, sinnstiftende Tätigkeit auch aus dem Gefühl heraus, "dass man in der heutigen Welt ein Gegengewicht braucht. Der Mensch besteht nicht nur aus Körper und Gehirn".

Kalender von Gudrun Probul aus Moosach (Texte) und Johannes Schmieg aus Grafing (Fotos)

Die lyrischen Zeilen fallen der Moosacherin oft spontan ein.

(Foto: Johannes Schmieg/oh)

Diese dem Leben in all seinen Herausforderungen vor allem positiv zugewandte Haltung ist auch in Gudrun Probuls Texten zu spüren. Mal kurz, mal länger setzt sie sich dabei mit den unterschiedlichsten Themen auseinander: Kinder, Freundschaften und Beziehungen mit Menschen, Natur (die Hundebesitzerin macht täglich lange Spaziergänge rund um Altenburg, wo sie lebt, und war noch bis vor kurzem jeden Tag entweder im Steinsee oder in der Moosach schwimmen), Partnerschaft, aber auch Tod und Verlust.

Probul schreibt mit Bleistift, davon hat sie immer ein bis drei Stück im Rucksack. Denn sie nimmt sich nicht vor, etwas zu Papier zu bringen - "es kommt einfach, dann brauche ich schnell einen Zettel" -, deswegen nutzt sie auch schon mal die Rückseite einer Einkaufsliste. Was in der Autorin "etwas zum Schwingen bringt", wird genau so notiert, sie korrigiert es auch nicht. Etwa zwei Tage später überträgt sie das Geschriebene in ein mittlerweile circa 200 Seiten langes, fortlaufendes Dokument. "Dabei wundere ich mich manchmal, wo das herkommt, denn ich habe nicht das Gefühl, es bewusst zu gestalten, eher, als ob etwas durch mich hindurchfließt." Das kann beim Kartoffelschälen sein, beim Spaziergang oder beim Warten an der S-Bahn. Den Bleistift braucht sie erst, wenn jedes Wort im Kopf seinen richtigen Platz hat. "Dann geht es zack, zack. Es läuft aufs Papier und so bleibt es auch. Fertig, wie ausgebacken." Danach ist die 53-Jährige frei für neue Themen.

Kalender von Gudrun Probul aus Moosach (Texte) und Johannes Schmieg aus Grafing (Fotos)

Der Kalender trägt den Titel "Immer, wenn wir uns begegenen".

(Foto: Johannes Schmieg/oh)

Probul bevorzugt auf jeden Fall die kurze Form, will sie aber in ihrem Fall lieber Lyrik als "Gedichte" nennen, der fehlenden Reime wegen. Aber sie liebt die Gestaltungsmöglichkeit von kurzen Zeilen. "Sie teilen die Gedanken in überschaubare, kurze und prägnante Abschnitte. Es ist immer spannend, wie sich die Gewichtung mit einer Veränderung der äußeren Form wandelt. So bekommt jeder Text auch ein ganz individuelles Gesicht."

Doch nicht alles von dem, was die Autorin seit mehr als 30 Jahren verfasst hat, ist für die Allgemeinheit bestimmt. "Ich bin ganz gut im Kondolenzbriefe schreiben", erklärt sie. "Selbst wenn ich mich an den Schreibtisch nötigen muss, ist es mir wichtig, weil es so wichtig für die Angehörigen ist. Man kann ihnen nichts abnehmen, aber vermitteln, dass man in ihrem Leid bei ihnen ist." Dass ihr das auch in ihren veröffentlichten Texten gelingt, beweisen die Anfragen von Menschen, die Auszüge für eine Trauerkarte oder einen Grabstein verwenden wollten, was ihnen gern gestattet wurde.

Nun hat Probul schon zum sechsten Mal gemeinsam mit dem Grafinger Fotograf Johannes Schmieg einen Kalender gestaltet. "Seine Bilder machen aus den Texten etwas Besonderes", sagt sie - während er die "tiefe Emotionalität" einer zuweilen auf den ersten Blick sachlichen Sprache schätzt. Um dann zu ergänzen: "Andererseits gibt es Texte, in denen mit knapper poetischer Sprache ein Stimmungsbild entworfen wird, in das man sich sofort hineingezogen fühlt."

Gudrun Probul nennt sich einen glücklichen Menschen: "Ich bin so reich beschenkt und unglaublich dankbar dafür." Das spürt man auch beim Lesen.

Gudrun Probul (Text), Johannes Schmieg (Fotos): "Immer, wenn wir uns begegnen", Kalender 2020, erhältlich in der Grafinger Buchhandlung Slawik.