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Besondere Schule in Vaterstetten:Kleinrussland in Baldham

Anna Kiseljowa unterrichtet Kinder russischsprachiger Zuwanderer. Sie lernen bei ihr korrektes Russisch, aber auch Literatur und Kultur. Damit fängt sie auf, was bilinguale Eltern im Alltag nicht leisten können

Wie war das noch gleich? Steht der russische Buchstabe "iy" nun für ein deutsches "i" oder ist er doch das Jot? "Joghurt zum Beispiel", sagt Anna Kiseljowa auf Russisch, "denkt an Joghurt, das schreiben wir mit ,iy' - aber Justus mit ,ju'.' "Ju", wieder so ein Buchstabe, wie es ihn im Deutschen gar nicht gibt. Vier Jungen und ein Mädchen schauen Anna Kiseljowa etwas irritiert an und nicken dann langsam.

Die Kinder sitzen in einem kleinen Unterrichtsraum in Baldham an einem Holztisch, ihre Rucksäcke haben sie über ihre Stuhllehnen gehängt, so wie sie es bei ihrer Lehrerin gelernt haben. Vor ihnen Hefter und Buntstifte, es ist Mittwochnachmittag, und in der Vorschulklasse Russisch bei Anna Kiseljowa ist heute der elfte Buchstabe dran.

Kiseljowa geht jetzt mit den Fünfjährigen Übungsaufgaben durch. Aber nicht nur Vorschulkindern bringt sie hier das russische Alphabet bei, bevor diese in eine deutsche Schule gehen, sie unterrichtet auch ältere Kinder, die zweisprachig mit Deutsch und Russisch aufwachsen. Vielen Eltern fehlt im Alltag die Zeit, ihnen die Sprache von Grund auf beizubringen, das fängt Kiseljowa auf, bis auf sonntags täglich, meist am Nachmittag. Außerdem im Angebot: Literatur und Kultur. Kinder rezitieren mit ihr Puschkin, spielen russische Märchen oder lernen Details über Bräuche wie das Butterfest kurz vor der Fastenzeit oder das russische Silvester Nowij God. Kulturgut, das in der russischen Schulausbildung traditionell als prestigeträchtig gilt, will Kiseljowa, selbst gebürtige St. Petersburgerin, auch an ihrer privaten Nachmittagsschule vermitteln.

Warum sie das hier macht, ist schnell erklärt. Sie breitet dann die Arme aus und strahlt: "Einfach, weil ich eine Patriotin aus Russland bin." Heimat, sagt sie "bleibt für immer, egal, wo du wohnst". Indem sie ihre Sprache vermittelt, hält sie diese Verbindung aufrecht. Und für die ganz Kleinen sei es praktisch: "Wenn sie in Bayern eingeschult werden, kennen sie schon die Methodik, das System Unterricht, wie das ist, Hausaufgaben zu bekommen und, dass man der Lehrerin zuhört."

Russische Schule Gramotey

Schülerinnen und Schüler lernen bei Anna Kiseljowa außer Russisch auch viel über die Kultur der Russischen Föderation und anderer Post-Sowjetstaaten. Zu der St. Petersburgerin kommen aber auch Erwachsene, die ihr DDR-Russisch auffrischen wollen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Kiseljowa orientiert sich an anderen Auslandsschulen. So wie es deutsche Schulen in Russland gebe, unterrichte sie Russisch in Deutschland. Dabei hält sie sich streng an den staatlichen russischen Lehrplan. Das komme vor allem Kindern zugute, die nach ein paar Jahren mit ihren Eltern wieder zurückkehren und in Russland zur Schule gehen.

Ihr Akzent ist unüberhörbar, Kiseljowa trägt ihn mit stolz wie das geblümte Wolltuch über ihren Schultern, das in Russland zur Standardausstattung fast jeder Frau gehört. Sie selbst ist 2005 aus Russland nach Baldham und später nach Grasbrunn gezogen. Ihren Mann hatte sie auf einer seiner Geschäftsreisen in St. Petersburg kennengelernt. Mindestens zwei, drei Mal im Jahr fliege sie in die Heimat, das müsse sein, sagt sie. Und ihre Tochter Mascha, sagt sie und lacht, müsse immer mit. Die spreche natürlich fließend Russisch, vielleicht sogar fast ein bisschen besser als Deutsch.

Es ist nicht so, dass man ihre Schule auf Anhieb findet. "Gramotey" (Gelehrter) steht auf einem laminierten Zettel an der Holztür einer großen Werkhalle im Ortskern, und wenn man nicht weiß, dass es die Schule hier gibt, man würde wohl eher wegen der Sonnenschutzsysteme kommen, die ihr Mann nebenan verkauft. Und das hat auch einen Grund. Kiseljowa, eigentlich promovierte Ökonomin, braucht nicht viel Werbung, ihre Schüler kommen auch so, etwa 50 unterrichten sie und eine Kollegin jährlich. 2018 war besonders gut, da waren es 65. Vor fünf Jahren hat sie mal eine Annonce in einer Lokalzeitung geschaltet, eine Internetseite gestaltet, aber dann kamen die Schüler immer von selbst, inzwischen unterrichtet sie noch in Räumen der Arbeiterwohlfahrt in Vaterstetten, wenige Minuten entfernt.

In Baldham hat sie sich umgeben von Landkarten, Tier- und kyrillischen Alphabettafeln und akkuraten Stuhlreihen ihr eigenes kleines Russland eingerichtet. Wenn die Eltern ihre Kinder auf dem Vorplatz vorfahren, steht sie schon in der Tür. Viele Schüler gehören zu den 235 Russen, die derzeit im Landkreis Ebersberg leben oder sind Zuwanderer aus den Ex-Sowjetstaaten, Ukrainer zum Beispiel, Weißrussen, Kasachen, Litauer. Sie eint, dass sie oder ihre Eltern mit Russisch groß geworden sind, der Lingua Franca der UdSSR.

Russische Schule Gramotey

Grammatik will gelernt sein: Anna Kiseljowa richtet sich streng nach dem russischen staatlichen Lehrplan.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die Sorge vieler Eltern ist, dass die Kinder ihre Muttersprache verlernen oder nur oberflächlich beherrschen. Besonders im Vergleich zum Schuldeutsch, für das Kinder früh Fachbegriffe und Grammatik lernen. Viele zugezogene Paare pflegen das "One-Parent-One-Language-Modell". Ein Elternteil spricht Russisch mit dem Kind, das andere Deutsch. Viele Kinder verstehen Russisch und können es sprechen; lesen und schreiben aber ist schwierig. Kiseljowas Mission ist es, wie sie sagt, die Bilinguität der Kinder auf hohem Niveau zu halten. Manchmal kommen auch Erwachsene zu ihr. Sie lernen die Sprache ihrem Partner zuliebe, wollen Dostojewski im Original lesen oder ihr DDR-Russisch auffrischen.

Dass zwei Russinnen im südlichen Landkreis überlegen, auch eine Schule nach ähnlichem Prinzip aufzumachen, beunruhigt Kiseljowa nicht. Sie bietet kleine Klassen an mit maximal sieben Schülern, während anderswo, in München etwa, 20 Kinder in einem Kurs sitzen. Sie hat 30 Jahre Unterrichtserfahrung, erst in ökonomischer Theorie an der Uni in Petersburg, dann in Russisch. "Ich kann mit allen russischen Privatschulen konkurrieren." Ihr kleines Russland in Baldham, da ist sie sicher, wird so schnell nicht ins Wanken geraten.