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Beruf und Karriere:Grafing soll Gründer-Co-Working-Zentrum bekommen

Die Nachbarinnen Gabi Köhler (links) und Lisa Lohoff planen Arbeitsplätze für Leute, die sonst einzeln von Zuhause arbeiten.

(Foto: Christian Endt)

In der Stadt laufen die Planungen für ein Gründerzentrum mit Co-Working-Spaces. Ziel soll es sein, sich gegenseitig zu unterstützen.

Von Thorsten Rienth, Grafing

Irgendwann im Frühjahrs-Lockdown stehen zwei Grafingerinnen einander am Gartenzaun gegenüber. Es geht um die anfänglichen Vorzüge des Home-Offices und darum, wie der Charme nach ein paar Wochen nachlässt. Weil die Couch nach einigen Stunden unbequem ist. Oder zu Hause einfach keine Arbeitsatmosphäre aufkommen mag. Jetzt irgendwo einen Schreibtisch, das wär' doch was! Ein halbes Jahr später schicken sich die Nachbarinnen Lisa Lohoff und Gaby Köhler an, in Grafing ein Gründer-Co-Working-Zentrum aufzubauen. Es wäre das erste im Landkreis.

Was ein Gründerzentrum ist, dürfte selbsterklärend sein. Der Begriff Co-Working-Space dagegen ist jenseits von Freiberuflern, Selbständigen und digitalen Nomaden wenig bekannt. Frei übersetzt bedeutet er nichts weiter als "zusammen arbeiten" - und damit ist das Konzept dahinter eigentlich schon erklärt: Arbeitsplätze für Leute, die sonst einzeln von zu Hause arbeiten. Und wo zum Beispiel Programmierer, Übersetzer, Architekten, Journalisten oder Marketing-Experten nebeneinander arbeiten, springen schnell auch gegenseitige Aufträge heraus.

Die Attraktivität von Co-Working-Spaces entsteht daraus, dass von allem etwas dabei ist. Hier ein Besprechungsraum, dort eine Bar oder Lounge für spontanen Kontakt und weiter hinten vielleicht eine Ruhezone. Zwischendrin stehen Schreibtische, Sofas und Sessel. Manche sind abgeschirmt in kleinen Glasbüros und fest vermietet. Andere, die "Hotdesks", sind frei zugänglich - wenn sie denn frei sind. Strom, Drucker, Beamer, Internet und Hausmeister sind in der Tages-, Wochen- oder Monatsmiete inklusive. Die Hausnummer auf der Kostenseite: rund 300 Euro pro Monat.

Die Idee ist vor 15, 20 Jahren an der US-Westküste entstanden. Längst sind die Spaces in Deutschlands Großstädten angekommen. "Warum sollte das Konzept nicht auch in einer Kleinstadt funktionieren?", fragt Lohoff. Und warum nicht gerade jetzt? "Durch die Pandemie ist eine Art zusätzlicher Arbeitsplatz zu Hause Realität, hoffähig, ja sogar in vielen Unternehmen Standard geworden."

Lohoff, die als Projektmanagerin in einem Telekommunikationsunternehmen arbeitet und Köhler, selbständige Unternehmensberaterin im Bereich Innovationsmanagement, kennen einen entscheidenden Nachteil also aus eigener Betroffenheit: "Die Grenze zwischen Berufs- und Privatleben weicht auf." Co-Working-Spaces und Gründerzentren sollen sie wieder schließen - auch in Grafing. "Eigentlich muss man dazu nur auf die Landkarte schauen", sagt Köhler. "Die nächsten Co-Working-Spaces sind in München oder Rosenheim. Das ist viel zu weit weg. Wir liegen genau dazwischen."

Lisa Lohoff:

"Durch die Pandemie ist eine Art zusätzlicher Arbeitsplatz zu Hause Realität, hoffähig, ja sogar in vielen Unternehmen Standard geworden."

Womöglich könnte das "Zam working", wie Köhler und Lohoff das Grafinger Gründerzentrum nennen wollen, auch noch einen weiteren Interessentenkreis erschließen: Unternehmen könnten Platzkontingente für ihre Angestellten in Form von Satellitenbüros anmieten. Sozusagen als ausgelagerter Home-Office-Platz in Wohnortnähe. Eine größere Grafinger Firma habe bereits Interesse gezeigt.

Gleiches gilt auch für die Stadt Grafing selbst. Als "richtig gut" bezeichnet Bürgermeister Christian Bauer (CSU) die Idee. "So ein Gründerzentrum macht die Stadt ganz grundsätzlich attraktiver." Aber natürlich geht es auch ums Geld. "Start-ups, die erfolgreich sind, zahlen ja auch Gewerbesteuer." Eine Umfrage (https://de.surveymonkey.com/r/grafing2020) soll gerade den Bedarf klären.

Geht es nach Köhler und Lohoff, könnte das Grafinger "Zam working" schon im Laufe des nächsten Jahres starten. Fürs Management schwebt ihnen eine Betreiber-GmbH vor. Die Stadt Grafing und der Landkreis Ebersberg könnten sich ebenso beteiligen wie örtliche Banken und Firmen.

Knackpunkt ist, wie so oft, die Platzfrage. Zentral müsse ein Gründerzentrum natürlich liegen, sagt Wirtschaftsförderer Tim Grebner. "Das können wir nicht hinten im Gewerbegebiet hinstellen. Die Leute, die Co-Working interessant finden, sind nicht unbedingt welche, die besonderen Wert auf ein Auto legen." Schnelles Internet sei auch ein Muss. Was den Rest angeht, seien Gründerzentren extrem unkompliziert. Gerade in Großstädten sind sie oft dort zu finden, wo sonst keiner hinwill. In alte, aber schick hergerichtete Fabrikgebäude etwa.

© SZ vom 14.11.2020/aju
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