Markt Schwaben:Bernhard Winter tritt nach 39 Jahren aus der SPD aus

Bernhard Winter liest Gedichte.

Bernhard Winter bei einer Lesung 2019 in Markt Schwaben.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Der frühere Markt Schwabener Bürgermeister und Initiator der "Sonntagsbegegnungen" erklärt seinen Rückzug aus der Partei.

Von Korbinian Eisenberger, Markt Schwaben

Der frühere Markt Schwabener Bürgermeister Bernhard Winter hat nach 39 Jahren Parteizugehörigkeit seinen Austritt aus der SPD erklärt. "Bernhard Winter 1982 und SPD 1982 konnten mehr miteinander anfangen als SPD 2021 und Bernhard Winter 2021", ließ Winter auf Nachfrage in einer schriftlichen Erklärung wissen. Seine Selbstwahrnehmung sei, "dass Freiheit von Partei-Ideologie und Partei-Grenzen inzwischen noch wichtiger ist für mich als sie es immer schon war".

Bernhard Winter ist über die Ebersberger Kreisgrenzen hinaus durch seine Markt Schwabener "Sonntagsbegegnungen" bekannt geworden. Seit 1992 sind in 104 Auflagen mehr als 200 nicht selten hochkarätige Gesprächspartner auf seine Einladung aus der ganzen Republik nach Markt Schwaben gekommen, um sich vor restlos besetztem Saal gesetzten Themen zu stellen: Günther Beckstein, Sten Nadolny, Rita Süßmuth, Paul Breitner, Manuela Schwesig, Gerhard Polt und zuletzt Cem Özdemir. Wie holt man so viel Prominenz an einen Ort, wo weder Fernsehkameras, Geld noch Ruhm locken? Gastfreundschaft, hat Winter einmal gesagt, darauf komme es an.

Fast könnte man darüber vergessen, dass der mittlerweile 67 Jahre alte Winter neun Jahre lang Bürgermeister der Gemeinde Markt Schwaben war. Von 2002 bis 2011 führte der gebürtige Augsburger samt SPD-Parteibuch die politischen Geschicke im Ort. Wobei er zuletzt häufiger hatte anklingen lassen, dass ihm die Parteizugehörigkeit seinerzeit zunehmend unwichtiger wurde - und er beide Wahlkämpfe ohne Plakate bestritt. In einem SZ-Interview im Januar 2020 hatte Winter sich so ausgedrückt: "Die Parteizugehörigkeit war mir immer vollkommen egal."

Eineinhalb Jahre später nun der nächste Schritt. "Ich bin zur SPD gegangen, weil dort Menschen waren, mit denen ich mich verbunden gefühlt habe", so Winter in seiner Erklärung. Seine Vorbilder bei der SPD von damals: Herbert Wehner, Hans-Jochen Vogel, später Regine Hildebrandt. Nicht zu vergessen Helmut Schmidt, der am 1. Oktober 1982 gestürzt wurde. "Ein paar Tage danach bin ich als 28-jähriger Student zur SPD gegangen, aus Sympathie für ihn und aus Trotz gegen Helmut Kohl", so Winter. Er habe mit politischem Engagement dazu beitragen wollen, "dass es in unserem Land gerecht zugeht: dass die kleinen Leute es nicht schlechter haben als die Mächtigen".

In seiner politischen Anfangszeit in München klebte Winter Plakate und sammelte Erfahrung. Als er 1991 mit seiner Familie nach Markt Schwaben gezogen war, erschien es ihm sinnvoll, "zusammen mit politischen Freunden aus der SPD für frischen Wind in unserem Ort zu sorgen", so Winter. Es folgte die Einführung der damaligen "Sonntagsgespräche", ein "Aktionsherbst", 50 Werkstattgespräche, in denen es um die Zustände im Ort ging, und regelmäßige Stammtische. Einiges Bleibende wie die Wiederbelebung von Spielplätzen, Verkehrsberuhigung für Kinder oder das spätere Jugendzentrum hat Winter auf den Weg gebracht, andere Dinge wie etwa den Neubau einer Grund- und Mittelschule mit Platz für alle Markt Schwabener Schüler überließ er seinen Nachfolgern.

Längst haben in der SPD andere die Verantwortung in Gemeinde, Land und Bund. In Gruppen, bei denen er mitwirke, so Winter, brauche er "Menschen, zu denen ich Nähe spüre". Offenbar ist ihm diese Nähe abhanden gekommen. Und wie so oft bei einer Trennung, gehören auch in diesem Fall zwei oder gar mehr dazu.

"Für mein Leben sind in den letzten Jahren über meinen zeitintensiven Beruf als Psychotherapeut und die Bereicherung durch Enkelinnen und Enkel (...) hinaus neue öffentliche Wirkfelder wichtig geworden", wie Winter erklärt. Lesereisen durch Deutschland, Mitgliedschaften in neuen Vereinen, Vorträge, sein wiedererstarktes "Ja. Bündnis für Zusammenhalt", mit dem er gerade eine Integrationsreise nach Bielefeld und Bethel hinter sich hat. "Ich erlebe, dass meine Ideen und meine Kraft hier mehr Früchte tragen als es in den letzten Jahren in der SPD möglich war."

Seine Abschiedsworte im Geleit der Austrittsankündigung zum 1. Oktober an Markt Schwabens SPD-Ortsverein fielen knapp aus. "Gern denke ich an das, was in den Jahren meiner Mitgliedschaft durch unser Zusammenwirken für Markt Schwaben entstanden ist. Mit guten Wünschen, Bernhard Winter". Die Sonntagsbegegnungen hingegen bleiben erhalten. Die Ausgabe am 7. November bereitet Winter derzeit vor.

© SZ vom 28.07.2021
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