Wohlige Wärme umfängt die Besucherin, als sie die Räume im Erdgeschoss des Unterbräu, mitten in Markt Schwaben betritt. Das liegt sicher am Unterschied zur eisigen Außentemperatur, aber ebenso am herzlichen Empfang durch den Hausherrn. So kennt man ihn, diesen Bernhard Winter: zugewandt, freundlich, interessiert.
Ohne diese Eigenschaften wäre es dem Psychotherapeuten, Lyriker und früheren Bürgermeister von Markt Schwaben wohl nicht gelungen, 34 Jahre lang ehrenamtlich eine Veranstaltungsreihe am Leben zu halten, deren Bedeutung weit über die Grenzen des Landkreises Ebersberg hinaus reicht. Als „125. Sonntagsbegegnung“ findet die Dialogreihe mit namhaften Persönlichkeiten aus den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen am 1. Februar ihren Abschluss: „Weil alles mal ein Ende hat“, bringt es der 72-Jährige auf den Punkt.
„Da, wo Sie jetzt sitzen, hat sich schon Gregor Gysi vor seinem Einsatz gesammelt“, sagt Winter mit seinem charakteristischen Lächeln. Und bald ist von weiteren Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kirche, Unterhaltung und Sport die Rede. Claus Hipp, Reinhard Marx, Johannes Rau, Cem Özdemir, Sandra Maischberger, Bruno Jonas, Paul Maar, Alois Glück, Thomas Hitzlsperger – alle waren sie da. „Ich weiß noch, wie Cem Özdemir mit seinem Sohn die Stühle aufräumte“, erinnert sich Winter.
Die Freude über ein solches Netzwerk ist nicht zu überhören – und dieses hat, ebenso wie die vielen Dankesschreiben, für Winter wesentlich mehr Wert als die ebenfalls erhaltenen diversen Auszeichnungen. Zweifellos eine beachtliche Leistung: Denn was 1992 mit der damaligen Bundestagsvizepräsidentin Renate Schmidt als Dialog zwischen Referentin und Publikum begann, endet nun, so Winter, als „Gesellenstück der besseren Art“ mit einem bunten Strauß an Kontakten, wie man sie sonst nur in TV-Talkshow-Redaktionen findet.
Doch im Unterschied zu diesen Formaten brachte Winter zwar stets die Teilnehmenden zusammen, deren Austausch an den Stehpulten erfolgte aber unmoderiert. Der Gastgeber übernahm nur die Begrüßung, die Leitung der Fragerunde am Schluss und achtete auf das Einhalten der Zeit. „In der Regel eineinviertel Stunden.“ So vielfältig wie die Gästeliste der 257 Dialogpartner war auch das Publikum. „Da saß die Professorin neben dem Bauhofmitarbeiter, der Bierbrauer neben der Pädagogikstudentin, die Enkelin neben dem Opa.“

Garant für das Gelingen der Veranstaltungen war in erster Linie die Auswahl der Persönlichkeiten. „Ich wollte keine Schwafler, sondern glaubwürdige Menschen mit Konturen, die wirklich etwas zu sagen haben und sich zuhören“, betont der Mann, der sich zurecht als „Brückenbauer“ sieht. Manch „namhafte Person“ wäre gern dabeigewesen, wurde aber nicht eingeladen: Nein, Namen nenne er nicht. Und dass Campino, der Sänger der „Toten Hosen“, von dem es schon eine feste Zusage gab, am Ende nicht gekommen war, kann er verschmerzen. „Auch Scheitern gehört dazu.“
Alleine, und das ist Winter ein wichtiges Anliegen, hätte er seine Sonntagsbegegnungen niemals stemmen können: „Anfangs war es die Markt Schwabener SPD, während meiner Bürgermeisterzeit das Rathaus-Team und nun stehen mir rund 14 Freunde auf unterschiedliche Weise zur Seite.“ Musiker aus der Region haben ihn oft bei der Gestaltung des Programms unterstützt – und immer wieder wirkten Schülerinnen und Schüler mit. Von Anfang an prägten auch Anliegen der jungen Generation die Gespräche. „Mir ist die Zukunft wichtig und die geht nur mit Kindern!“, unterstreicht der dreifache Vater und sechsfache Großvater.
Wie aber kam der Mann, der 1991 mit seiner Familie nach Markt Schwaben kam, schon ein Jahr später auf den Gedanken, nicht bloß einen Vortrag zu halten, sondern eine ganze siebenteilige Reihe zu beginnen, und zwar gleich noch mit einer bekannten Politikerin wie Renate Schmidt? Die Gründe lägen in der Vergangenheit, erklärt Winter. Mit 17 Jahren sei er sozusagen aufgewacht. „Vorher war ich brav und unauffällig.“ Dann sei ihm klar geworden, „dass ich etwas tun und bewegen kann und will“. Er wurde Klassensprecher, begann mit Yoga, das er heute noch jeden Tag praktiziert, und trampte nach Syrien, Irland und Marokko. „Alle Reisen fast ohne Geld“, erzählt der gebürtige Augsburger.
1982 trat Winter in die SPD ein – „aus Trotz gegen Helmut Kohl“. Auf sein Psychologiestudium folgte die Ausbildung zum Psychotherapeuten und eine Tätigkeit bei der katholischen Jugendfürsorge. Dort leitete er zahlreiche Fortbildungen und organisierte größere Veranstaltungen, etwa mit der damaligen Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth. „Ich merkte, dass mir das liegt. Also lud ich Renate Schmidt ein, mit der ich bei einer Tagung in Wildbad Kreuth ins Gespräch gekommen war“, erzählt Winter.


Die fünfte Veranstaltung mit Hans-Jochen Vogel brachte dann den Erfolg. Der ehemalige Bundesjustizminister wurde zur „Schlüsselfigur, zum Mentor, Schirmherr und Freund.“ Oft hatte Winter ihn privat besucht, so manche Tür – „auch zu Altkanzler Helmut Schmidt“ – habe sich auf diesem Weg für ihn geöffnet. Auf andere Wunschgäste, ohne Ansehen eines Parteibuchs oder einer Ideologie, ging Winter selbst zu. „Immer freundlich, aber auch hartnäckig; lieber persönlich als per Post.“ Sein Ziel war dabei: „Die gemeinsame Suche nach der Wahrheit. Sie sollten sich zuhören, ohne sich übertrumpfen zu wollen. Wie bei Sokrates.“
Die große Besonderheit bei den Sonntagsbegegnungen: Alle, „auch Leute wie Harald Lesch, Gerhard Polt, Dieter Hildebrandt“, verzichteten auf ein Honorar. Was nach Abzug der organisatorischen Ausgaben übrigblieb, wurde gespendet: „Mehr als 40 000 Euro flossen nach Tschernobyl, Indien, Sri Lanka, aber auch für einen Spielplatz in Markt Schwaben, den Münchner Blaulicht-Verein oder ein Behindertenprojekt von Regine Hildebrandt.“ Zudem seien immer wieder Projekte und Kooperationen zwischen den Personen der Begegnungen entstanden.
Einige Zeit hatten diese unter dem Namen „Ebersberger Sommerbegegnungen“ sogar internationale Prägung. Es kamen unter anderem: die türkische Familienministerin, ein Politiker aus Papua-Neuguinea, ein ägyptischer Gelehrter und der polnische Ministerpräsident a.D., Tadeusz Mazowiecki. Dessen Gespräch mit Hans-Jochen Vogel trug den Titel: „Was bringt die Welt zusammen?“
Vogel, der wohl treueste Weggefährte – 15 Mal als „offizieller“ Dialogpartner und zehnmal im Publikum – wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Auch deswegen ist ihm die letzte Sonntagsbegegnung gewidmet, die nach erfolgreichen Gastspielen in Aschau, Erding, Berlin oder Bielefeld ins heimische Markt Schwaben zurückkehrt.
Doch was kommt, wenn der letzte Schlussapplaus im Unterbräu verklungen ist? Langweilig werde ihm bestimmt nicht, sagt Winter. „Ich bleibe wach!“ Neun Jahre lang war er Bürgermeister in Markt Schwaben, 2025 hatte er sich als parteiloser Einzelbewerber den Einzug in den Bundestag zum Ziel gesetzt. Ohne Erfolg. „Trotzdem habe ich viel Zuspruch erfahren.“ Aktuell steht er bei der freien Wählergruppe „Zukunft Markt Schwaben“ für den Gemeinderat auf der Liste.
Dem quirligen Allrounder wird es sicher nicht langweilig werden. Sonntags könnte er beim Dauerlauf – nicht beim Joggen, darauf legt er Wert – im Markt Schwabener Moos Gedichte auswendig lernen. Eine seiner Kraftquellen ist das Musizieren auf der Flöte. Das könnte er perfektionieren oder Lyrik verfassen, Leseprojekte mit Kindern weiterführen, Literaturreisen und Gesprächsrunden organisieren. Wie den von ihm gegründete Unternehmerstammtisch „Schweiger Tafelrunde“. Das alles miteinander zu verquicken, sollte ihm nicht schwerfallen. Denn wie er zum Abschied zeigt, beherrscht er das Jonglieren mittlerweile einwandfrei. Und diverse Zaubertricks ebenfalls.


