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Beim Ebersberger Kunstverein:Panoramen aus Zeit

Unter dem Titel "Remix" zeigt der Münchner Fotograf Georg Küttinger Landschaften und Abstraktes. Im Zentrum seines bemerkenswerten Schaffens steht, die menschliche Wahrnehmung zu imitieren

Von Anja Blum

Georg Küttinger ist ein Besessener. Im besten Sinne des Wortes. Denn er lotet die Grenzen seines Mediums immer wieder aus - mit unerhörter Akribie und selten anzutreffendem Tiefgang. Ja, es sind Fotografien, die er nun beim Ebersberger Kunstverein ausstellt, aber was für welche! Denn Küttinger lichtet nicht nur ab, er komponiert. Jede Arbeit besteht aus tausenden einzelnen Aufnahmen, die er zusammenfügt zu einer neuen Möglichkeit des Seins. Wie anders der Münchner vorgeht als die meisten seiner Kollegen, zeigt schon die Gewichtung der einzelnen Arbeitsschritte: "Ein Drittel Planung, zwei Drittel Nachbearbeitung", erklärt er. Das Fotografieren an sich? Das sei zeitlich praktisch irrelevant.

Die Ausstellung in der Alten Brennerei im Ebersberger Klosterbauhof, die am Freitag, 19. Juni, eröffnet wird, steht unter dem Titel "Remix" und vereint zwei Serien Küttingers: "Landscapes remixed" und "Interferenzen - Räumliche Partituren". Ganz grob gesagt, handelt es sich dabei um Landschaften einerseits und völlig abstrakte, geometrisch anmutende Kompositionen andererseits. Die Kombination dieser beider Schaffenssphären in Ebersberg ist eine Premiere, der auch der Künstler, geboren 1972 und studierter Architekt, gespannt entgegenblickte. Nun kann man sagen: Sie ist gelungen. Trotz aller Unterschiede ergeben die zwei Serien ein stimmiges, das Auge und den Geist anregendes Ganzes, tief verknüpft im gekonnten Spiel mit der menschlichen Wahrnehmung.

Holzpfähle, Berge, Wasserfälle: Dem Fotografen Georg Küttinger gelingt es, aus Tausenden Splittern der Wirklichkeit spannende neue Bildweltenim Großformat zu kreieren.

(Foto: Christian Endt)

Diese nämlich ist es, um die Georg Küttingers Arbeiten kreisen. Wie viele andere Fotografen variiert er bei seinen Aufnahmen Standort und Zeitpunkt, allerdings auf extreme Weise. Auf tausendfache Weise nämlich. Mit der Kamera hält er zahllose Ausschnitte aus einer realen Landschaft fest und verdichtet diese dann in der Fokussierung auf bestimmte Rhythmen, Abfolgen und Darstellungsaspekte zu einem einzigen, großformatigen Bild. So entsteht jeweils eine neue, konstruierte Landschaft.

Stets gibt es dabei von Anfang an ein Konzept, eine künstlerische Idee, die Küttinger sorgsam ausarbeitet. Das reicht vom Auskundschaften des fraglichen Ortes bis hin zu vorbereitenden Skizzen. "Laguna" zum Beispiel: In Italien hat der Künstler Holzpfähle im Wasser fotografiert, samt ihrer Spiegelungen, und dieses Motiv dann vielfach multipliziert. Das Ergebnis ist eine flirrende, kühl-ästhetische Bildwelt, die in ihrem rhythmisierten Aufbau an eine Soundwave oder einen Barcode erinnert.

Zu sehen sind Küttingers Aufnahmen nun beim Ebersberger Kunstverein. Repro: Christian Endt

Weltweit ist Küttinger unterwegs, um sein Material zu sammeln: an den Niagarafällen, bei Austernfeldern in der Bretagne, in den Wüsten der USA, auf einem Gletscher in der Schweiz, inmitten der Berge auf Kreta, bei Weinfeldern am Genfer See. Dort überall findet er den Rohstoff, aus dem er seine Panoramen kreiert, die stets einem besonderen Aspekt gewidmet sind. Unter dem vielsagenden Titel "Salinas - seasonal sequence" etwa zeigt Küttinger eine Landschaft aus Zeit: Unzählige Becken einer Salzgewinnungsanlage auf Lanzarote spiegeln in ihrer differierenden Farbgebung - von Weiß- über Blau- bis hin zu Brauntönen - diverse Tageszeiten beziehungsweise Sonnenstände wider. Der Himmel über einem klaren Horizont strahlt wolkenlos, die Felder des Salzgartens reichen von ganz rechts bis ganz links - und all dies lässt die Fotografie wundersam entrückt wirken. Na klar: Sie ist ein optisches Pattern der Zeit.

Indem Georg Küttinger ein Motiv, zu unterschiedlichen Momenten aus unterschiedlichen Blickwinkeln aufgenommen, neu zu einem Bild komprimiert, ahmt er den Prozess der menschlichen Wahrnehmung nach. Sind wir doch alle nicht imstande, ein statisches, unveränderbares Bild zu erzeugen und festzuhalten wie eine Kamera, sondern müssen uns die Realität andauernd neu zusammensetzen und dabei mit unseren Erinnerungen, Begrifflichkeiten und Vorstellungen abgleichen. Im Katalog zu den Landescapes wird gar der große Kant zitiert, denn schon er war der Überzeugung, das Sehen würde nie zu den Dingen an sich, zur Realität vordringen, sondern stets in einer Art gefilterten, vom Menschsein geprägten Wahrnehmung verhaftet bleiben. Im Katalog heißt es weiter: "Die Bilder führen so nie zu einem bloßen (Wieder-)Erkennen eines Motivs oder einer Landschaft im Sinne einer bestätigenden Verifizierung, sie animieren vielmehr dazu, sich auf das bewusste Erleben unseres Wahrnehmungsprozesses und damit auf die Interaktion mit dem Angeblickten einzulassen." Das Schauen sei Konstruieren - es verharre niemals im Konstatieren. "Im Remix der Bilder tauchen wir ein in unseren eigenen Wahrnehmungsprozess."

Der Ausstellungstitel "Remix" ist auch klar optisch in den Bildern wiederzufinden. Repro: Christian Endt

Das gilt umso mehr für Küttingers neueste Serie, die "Interferenzen". Hier nämlich bezieht der Künstler den jeweiligen Ausstellungsraum und Betrachter noch mehr mit ein. Sprich: Die Bilder verändern sich, je nach Lichteinfall und Perspektive bieten sich ständig neue Ansichten. Das erreicht Küttinger mit tektonischem, stark abstrahiertem Fotomaterial. Man erkennt lediglich mal dickere, mal dünnere Stiche in gedeckten Farben, mal dominieren Rot-, dann wieder Grüntöne. Mal sind die Striche waagerecht angeordnet, mal bilden sie verschiedenartige Rechtecke. Erschwert wird das Erkennen dadurch, dass der Künstler die Bilder von mehreren, vorher geprägten Plexiglasscheiben überlagern lässt, die an verschiedenen Stellen Vertiefungen aufweisen. Auch diese Scheiben stellt er selbst mit großem Aufwand her. Doch das lohnt sich, der Effekt ist enorm: Durch die Schichtung entstehen unzählige Brechungen, Schatten tauchen auf und verschwinden, jeder kleine Schritt des Betrachters konstruiert unverhofft neue Räume. "Es gibt nicht nur eine, sondern immer viele Möglichkeiten", sagt der Küttinger und lächelt geheimnisvoll. Seine Ausstellung aber sollte man am Ende möglichst gesehen haben.

Ausstellung "Remix" von Georg Küttinger beim Ebersberger Kunstverein, Alte Brennerei im Klosterbauhof, Vernissage am Freitag, 19. Juni, um 19 Uhr, bei gutem Wetter mit Bar im Hof, geöffnet freitags 18 bis 20 Uhr, samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr, zu sehen bis 5. Juli.

© SZ vom 18.06.2020
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