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Beim Ebersberger Kunstverein:Die Anarchie des Sammlers

Der "Umkreisgestalter" Reiner Zitta aus Nürnberg zeigt ein so persönliches wie geniales Kuriositätenkabinett

Eigentlich dürfte der Begriff "Müll" in Reiner Zittas Wortschatz gar nicht existieren. Sätze wie "Das kann weg!" würden ihm nämlich nie über die Lippen kommen. Doch Zitta nennt die Dinge generell gerne beim Namen, ganz geradeheraus. Insofern macht er auch keinen Hehl daraus, dass seine Kunst aus Fundstücken und Abfall besteht. Aus Dingen also, die für jemand anderen längst keinen Wert mehr besäßen, nur mehr Ballast wären. Zitta jedoch schmeißt nie etwas weg, er ist ein äußerst eifriger Sammler - und sieht in jedem Teil, jedem Fragment einen Anlass, kreativ zu werden. Leben und Kunst sind für Zitta eins. Was das im Ergebnis bedeutet, offenbart nun eine fantastische Ausstellung in der Alten Brennerei des Ebersberger Kunstvereins. "Reiner Zitta hängt, legt und stellt einfache Dinge mit und ohne doppelten Boden", ist sie überschrieben; die Vernissage findet statt am Freitag, 18. Oktober, um 19 Uhr.

Reiner Zitta, 1944 geboren im Altvatergebirge (Sudetenland), lebt seit langem in einer alten Mühle nahe Nürnberg, ist "Zentraler Umkreisgestalter" - und als solcher freilich auch dazu fähig, die Ebersberger Galerie in ein Panoptikum, in sein persönliches Kuriositätenkabinett zu verwandeln. Nicht nur die Wände, auch der Boden und die Luft sind bevölkert von seinen Bildern, Figuren und sonstigen Konstruktionen, bemalten Brettern, Tierskulpturen oder Collagen. Mit kleinen Hieroglyphen bekritzeltes und offiziellen Stempeln versehenes Packpapier kann man da zum Beispiel entdecken: Knüpfvorlagen aus der Region Kaschmir seien das, erklärt der Künstler. Und die silbernen Figuren? Alte Offsetvorlagen für Abrechnungen. "Da hat mal jemand einen Stapel davon vorbeigebracht." Dachpappe ist offenbar ebenfalls reichlich vorhanden im Haus des Künstlers, jedenfalls hat er einen Stoß davon mitgebracht, bemalt mit Acryl. Traumhaft verwischte Szenen sind hier zu sehen, Fragmente weiblicher Figuren, rätselhafte Wesen.

Gibt es etwas, das Reiner Zitta nicht brauchen kann? Vermutlich nicht.

(Foto: Christian Endt)

Liebend gerne gestaltet Zitta, der an der Kunstakademie Nürnberg studiert hat, auch kleine Verkehrsmittel, Flugzeuge und Roller, archaisch zusammengezimmert aus irgendwelchen Holzresten, Draht und so etwas wie alten Schraubverschlüssen als Rädern. Dass immer wieder die gleichen Formen unter seinen Händen entstehen, ist laut Zitta allerdings Zufall, der kreative Prozess nicht bewusst gesteuert. "Man muss einfach anfangen, irgendwas zu bauen, und dem Gehirn dabei freien Lauf lassen", sagt er. "Dann gibt es die überraschendsten Ergebnisse."

Mit dem Verstand als letzte Sicherheiten gebender Instanz steht der Künstler ohnehin auf Kriegsfuß. Die menschliche Erkenntnis sei begrenzt, niemand kenne die Wahrheit. "Alles Lügen!" Aufgewachsen tief im Wald, in einem dogmatisch-esoterischen Elternhaus - der Vater sei ein "Medium" gewesen, habe keinen Widerspruch geduldet und den Sohn oft geschlagen - ist aus Zitta ein Skeptiker geworden, dem geschlossene Weltanschauungssysteme per se ein Gräuel sind. Den Geruch der Sünde, sein "permanentes Schuldgefühl", versuche er bis heute loszuwerden, erzählt er.

Der Nürnberger Künstler macht aus Fundstücken und sogar Abfall Kunst.

(Foto: Christian Endt)

Trotzdem wirkt Zitta keineswegs verbittert, ganz im Gegenteil, er lacht viel, und auch seine skurrile Kunst strahlt eine einnehmende Freundlichkeit und Heiterkeit aus. Zwar gibt es oft den titelgebenden "doppelten Boden", Anklänge an Religiöses, Schamanisches, Düsteres, böse Geister, doch damit will der Künstler "niemandem Angst machen". Es sind eher ironische Zitate, seiner bewegten Biografie entsprungen. "Mir geht es um den Naturbezug, ganz ohne esoterischen Überbau", sagt Zitta. Auf seinem "Voodoo-Tisch" zum Beispiel finden sich ein Kruzifix aus mit Wachs überzogener Orangenschale und Guttipapier, daneben kleine, dreckige Püppchen, leere Fischdosen, Objekte aus rostigen Nägeln und sogar eine vertrocknete Maus. Kein Wunder, die kleinen Nager sind des Sammlers größter Feind.

Vielsagend ist auch Zittas Darstellung von Adam und Eva, das Paar steckt in einer Art Schrein: Der Mann ist aus Lehm und Rinde gestaltet, ein düsterer, grober Klotz, der sich aus seiner Halterung gelöst und in Richtung Eva gebeugt hat. Sie ist eine Barbiepuppe, ganz nackt, und erscheint damit zugleich so wehrlos wie aufreizend. Der Künstler selbst äußert sich zum Thema Geschlechter recht eindeutig: Die Machtpolitik der Männer werde bald ein Ende haben, denn sie würden abgelöst von den Frauen, schon alleine aus biologischen Gründen. "Aber ob die es besser machen werden - das weiß man nicht." Zittas persönlicher Traum wäre gewesen, erzählt er, ein Held zu werden, Drachen zu töten und Jungfrauen zu retten. Nun ist er Umkreisgestalter. Auch nicht schlecht.

Zittas Kunst lässt sich als ironischer Kommentar zur konsumorientierten Wegwerfgesellschaft interpretieren.

(Foto: Christian Endt)

Ausstellung von Reiner Zitta in der Alten Brennerei, Klosterbauhof Ebersberg, Eröffnung am Freitag, 18. Oktober, um 19 Uhr, zu sehen bis 10. November, freitags 18 bis 20 Uhr, samstags und sonntags 14 bis 18 Uhr. Samstag, 19., 20 Uhr: Filmpremiere: "Vom Jagen und Sammeln - Beim zentralen Umkreisgestalter Reiner Zitta" von Peter Kees; Samstag 26., 20 Uhr: "Cut Up The Border", Fred-Frith-Live-Hörspiel; Sonntag, 10. November, 16 Uhr: Finissage mit Künstlergespräch.