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Beeindruckende Aufführung:Trost, nicht Trauer

Mit bestimmter Geste und fordernder Hand in den dramatischen Momenten leitet Maximilian Leinekugel das Orchester und den gut einstudierten Chor durch die sieben Stationen geistlicher Reflexion.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Die "Munich Classical Players" und der "Musica-Forum-Chor München" unter der Leitung von Maximilian Leinekugel interpretieren im Kleinen Theater Haar das Deutsche Requiem von Brahms

Das Deutsche Requiem von Johannes Brahms unterscheidet sich von klassischen katholischen Requien schon durch den grundlegenden Text, den Brahms verschiedenen Stellen der lutherischen Bibel entnahm und nicht der lateinischen Fassung. Präsentiert wurde das Werk am Samstag im Kleinen Theater in Haar von den Munich Classical Players und dem Musica-Forum-Chor München unter der Leitung des jungen und energischen Maximilian Leinekugel aus Vaterstetten.

Während der gemischte Chor bereits zwei Mal das genremäßig schwer einzuordnende Stück zum Besten geben konnte, war es für das 2016 von Leinekugel gegründete Kammer-Ensemble eine Premiere. Der 1995 in München geborene Dirigent ist vielseitig unterwegs. Er leitet auch noch das Animato-Orchester sowie das Collegium Musicum der Ludwig-Maximilians-Universität, eine Initiative von Studierenden aus dem Jahr 2006. Zusätzlich wurden mit Julia Jacobs als Sopran und Benedikt Weiß als Bassbariton professionelle Solostimmen gewonnen. Weiß ist festes Mitglied im Chor des Bayerischen Rundfunks, Jacobs arbeitet unter anderem beim Tölzer Knabenchor und leitet ein Chorcoaching-Projekt.

Schon mit den ersten Klängen zeigt Leinekugel dann seinen ernsten Anspruch an das von Trost und religiöser Freude durchzogene Werk. Mit bestimmter Geste und fordernder Hand in den dramatischen Momenten leitet er das Orchester und den gut einstudierten Chor durch die sieben Stationen geistlicher Reflexion und gefühlter Andacht. Den Anfang macht das Ensemble mit einem stimmungsvollen ersten Teil, in dem bereits das Hauptthema des Trostes angeführt wird, um schließlich zu dem von Leinekugel mit einem starken fortissimo intonierten zweiten Teil überzugehen, der die Vergänglichkeit mit einer kräftigen, schön modulierten Pauke in Szene setzt. Nach einem abschließenden Crescendo, in dem alle Stimmen gleichmäßig erhalten bleiben, kommt Weiß das erste Mal zum Einsatz. Souverän meistert der Nürnberger seine Textpassagen und lässt jedes Wort mit einer eigenen Schwere durch den Raum gleiten. Deutlich und kraftvoll geriert sich auch der Chor, in dessen überzeugender Darbietung sich auch feine Klangnuancen unterscheiden lassen, die Artikulation ist vorbildlich. Leinekugel lässt den Chor spielerisch seine stimmlichen Kapazitäten vorführen, harmonisch bauen die Klanglagen aufeinander auf und eine schöne Bläserlinie unterstreicht den dynamischen Teil, der mit einem uneiligen Decrescendo endet ("Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand, Und keine Qual rühret sie an").

Damit ist auch die Richtung des Stücks festgeschrieben: weg von einer Versenkung in das zu ertragende Leid, hin zu einer stärkenden Vereinigung im musikalischen Besinnen auf das religiöse Bewusstsein. Die Sopranstimme im fünften Teil schreibt diese Logik fort, Jacobs nimmt auch subtile Abstufungen mit sicherer Kraft und Leinekugel leistet sich keinen Fehler in der maßvollen Führung des Orchesters. Noch einmal treibt Brahms die menschliche Vergänglichkeit des Seins mit einem Auszug aus Hebräer 13 und 14 auf die Spitze: "Denn wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir". Besonders angenehm ist die rhythmische Betonung dieser ersten beiden Verse durch den Chor, der Bibeltext fügt sich nahtlos und natürlich in die Gesamterscheinung der musikalischen Formensprache ein und Leinekugel bewahrt den Zuhörer vor so mancher möglichen Enttäuschung durch eine zu abgehackte Artikulation oder heftige Tempi-Wechsel.

Im sechsten Teil steigert sich das Pathos der religiösen Vergewisserung um göttlichen Beistand noch einmal, die stärksten Momente zeigt das ganze Ensemble in diesen letzten Phasen dramatischer Intensität: "Denn es wird die Posaune schallen" oder "Tod, wo ist dein Stachel! Hölle, wo ist dein Sieg!", rühren zutiefst und Weiß dringt auch in der vielstimmigen Orchesterbesetzung noch klar und pointiert hindurch. Streicher, Bläser, Pauke und Chor bilden einen scharfen Klangkörper, der immer wieder erschüttert wird und die Auferstehung der christlich verhafteten Seele musikalisch spüren lässt. Zum Abschluss im kürzeren siebten Teil vollführen die Instrumente noch einige schöne Reprisen, ein zartes Spiel mit pianissimo, bis das Orchester das Finale beendet, auch hier von Leinekugel gefühlvoll bedacht, ohne künstliche Dehnung oder mutwillige Verknappung. Der anschließende Applaus, Bravo-Rufe und Fußgetrampel zollen dieser großen Leistung des gesamten Ensembles Respekt.

© SZ vom 03.12.2018
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