Aufbewahrungssysteme gibt es ja in diversen Größen. Von ganz kleinen Schubfächern für Schrauben zum Beispiel bis zu meterhohen Regalen für Möbelpakete schwedischer Herkunft. Das neue Lager der Bayerischen Staatsoper in Poing allerdings dürfte seinesgleichen suchen. Die Halle ist fast 140 Meter lang, 30 Meter breit sowie 20 Meter hoch und bietet in einem imposanten Regalsystem Platz für mehr als 900 Container. Darin können Requisiten, Dekorationen und ganze Bühnenbilder verstaut werden. Die speziellen Lastwagen der Oper docken direkt an das Gebäude an, der Rest geschieht vollautomatisch, computergesteuert.
Wie das funktioniert, ist bei der feierlichen Eröffnung des Lagers zu erleben: Nachdem Kunstminister Markus Blume ein Knöpfchen gedrückt hat, setzt sich die berühmte Kutsche aus der Inszenierung von Richard Strauss’ „Der Rosenkavalier“ wie von Zauberhand in Bewegung. Das Gefährt ist ein Glanzstück, im wörtlichen wie übertragenen Sinne: Als Vorlage für diesen Traum in Silber diente eine Kutsche von König Ludwig II., zu sehen im Marstallmuseum in Nymphenburg. Die Opern-Nachbildung besteht aus mehr als tausend Ornamentteilen, drei Monate lang waren die Bühnenplastiker der Staatsoper mit diesem Höhepunkt ihrer Kunst beschäftigt.
Auf einer Lafette, also einem Fahrgestell, gleitet die Prachtkutsche nun samt ihrem Container, einer großen Gitterbox, auf Schienen durch ein offenes Rolltor. Auf der anderen Seite, im eigentlichen Lager, wartet ein riesiges „Regalbediengerät“, das Herzstück der Anlage: eine Art Aufzug, der den Container automatisch aufnimmt und nach oben, an die richtige Stelle im Hochregal, transportiert. Fach 5414. Dort wartet die glanzvolle Kutsche des Rosenkavaliers jetzt gut geschützt auf ihren nächsten großen Auftritt in München, für den es vermutlich wieder Szenenapplaus geben wird.



Zwei große Dekorationslagerhallen unterhält die Staatsoper bereits seit 1986 in der Gemeinde Poing, genau dort, wo sich auch die Werkstätten für ihre Schlosser, Theatermaler, Raumausstatter, Schreiner und Plastiker befinden. Im Opernhaus am Münchner Max-Joseph-Platz nämlich können nur drei Produktionen gleichzeitig gelagert werden, der Rest, sechs bis acht sind es pro Jahr, hat dort keinen Platz. Für nur eine einzige Inszenierung seien zwölf bis 14 Container notwendig, erklärt Intendant Serge Dorny bei der Einweihung der neuen Halle. „Da sieht man mal wieder, wie aufwendig Theater ist!“
Sogar in Poing war es bislang zu eng für all die Bühnenaufbauten, Kulissen, Dekorationen und Requisiten, weswegen vier weitere Lager im Großraum München angemietet werden mussten. Damit ist jetzt aber Schluss: Dank des neuen Erweiterungsbaus ist die gesamte Logistik der Bayerischen Staatsoper nun an einem Ort vereint. Ein Maschinenraum der Hochkultur.

Für den Intendanten der Staatsoper ist der Standort in Poing allerdings beileibe kein Nebenschauplatz, er spricht vom Herz der technischen Magie hinter den Produktionen eines der größten Repertoirehäuser der Welt. „Wir feiern heute nicht nur Wände und ein Dach, sondern all das, was hier möglich wird: Oper, Ballett, Emotionen, Leben.“ Jede Kulisse sei ein Kunstwerk für sich – und manche beglückten das Publikum bereits seit Jahrzehnten. Mozarts „Zauberflöte“ zum Beispiel, eine klassisch-schöne Inszenierung des Regisseurs August Everding, stamme aus dem Jahr 1978, habe aber vielleicht gerade deshalb zahlreiche Fans.

Das automatisierte Logistikzentrum sorgt nun jedenfalls dafür, dass die Bühnenbilder der Staatsoper und des Staatsballetts sicher lagern und jederzeit einsatzbereit sind. Um reibungslose Abläufe zu ermöglichen, ist es bis ins Detail auf die Bedürfnisse des Münchner Nationaltheaters zugeschnitten, Blume spricht von einem „einzigartigen Wunderwerk modernster Technik“. Dahinter steckt allerdings auch jede Menge Aufwand: eine Planungszeit von mehr als 15 Jahren und eine Bauzeit von vier Jahren. Die Kosten beziffert der Kunstminister auf stolze 36 Millionen Euro.
Die großen Gitterboxen zum Beispiel sind Spezialanfertigungen und bieten diverse Vorteile: Sie sind leichter als geschlossene Container und trotzdem extrem stabil, sechs Tonnen können darin transportiert werden. Dank offener Längsseite sind sie vergleichsweise schnell und einfach zu be- und entladen, außerdem können die Bühnenteile darin höchst flexibel mit Gurten am Gitter befestigt werden. Und wer die Gelegenheit hat, mal zwischen diesen riesigen Hochregalen mit Schätzen aus vielen Jahrzehnten Operngeschichte zu stehen, den beschleicht vielleicht ein aus dem Theater bekannter Gedanke: Wie groß ist doch die Kunst, wie klein der Mensch!

