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Baldham:Staunen, Dankbarkeit und Freude

Die "Chorgemeinschaft Vaterstetten" singt in Maria Königin Mozarts "Requiem".

(Foto: Christian Endt)

"Chorgemeinschaft Vaterstetten" präsentiert sich auf hohem Niveau

Es war ein Abend der Fragmente mit der "Chorgemeinschaft Vaterstetten" am Sonntag in Maria Königin in Baldham. Zum einen das Adagio in Sol minore per Archi e Organo, dessen Grundidee Tomaso Albinoni zugeschrieben wird, aus der vor 60 Jahren Remo Giazotto einen melancholisch getränkten Bestseller formte. Zum anderen das Requiem in d-Moll, das Wolfgang Amadeus Mozart begonnen und durchskizziert hat und das sein Schüler Franz Xaver Süßmayr dann posthum vollendete. Über dieses Fragmentarische hinaus verbindet beide Werke auf Anhieb wenig, außer vielleicht die Schwermut, die sie ausstrahlen und die den Totenmonat November noch ein Stückchen dunkler macht, als er eh' schon ist. Kurzum: Man kann dieses Programm anbieten, aber es drängt sich nicht auf - die Wirkung indes gibt Dirigent Thomas Pfeiffer recht: Nach dem einstimmenden Adagio des Orchesters, das sich der romantischen Melodie behutsam, aber nicht übertrieben gefühlig hingab, stand der Tod schon im Raum, Licht wie Stimmung schienen ihrer Kraft beraubt.

Was nicht für den Chor galt, der sich im Requiem vom ersten Takt des Kyrie an aufmerksam und präsent zeigte und sich mit maximaler Disziplin in die anspruchsvolle Vorgabe der Komposition fügte - fügte, ohne sich verbiegen oder unterwerfen zu müssen. So, wie Mozart sein Schlusswerk angelegt hat, zeigt sich schnell und intensiv, ob die ausführenden Klangkörper der Aufgabe gewachsen sind, oder ob sie einen ehrenwerten Versuch unternommen haben. Die Chorgemeinschaft Vaterstetten genauso wie ihr Orchester dürfen sich, soviel vorweg, beide einen durchweg gelungenen Auftritt anrechnen - wozu auch beider reichhaltige Ausstattung mit Stimmen und Instrumentalisten beigetragen hat. Bei so vielen Köpfen mögen zwar die Proben etwas anstrengender ausfallen, dafür aber das Resultat umso klarer. Pfeiffer kann sich freuen, aus diesem Reservoir schöpfen zu dürfen.

Zu was er fähig ist, beweist der Chor in jenen Passagen mit den schnellen Läufen, einem Hecheln oft ähnlicher als Gesang, bei dem die Stimmen in sich und im Miteinander Geschlossenheit zeigen und sicher im Tritt bleiben. Wie auch an jenen Stellen, die im Wettstreit mit der vorzüglichen Bläsergruppe zum Hinausschreien machtvoller Botschaften einladen - etwa das "Dies Irae" - ihren idealen Klang jedoch einen Fingerbreit unterhalb des Maximums erreichen. Die Konzentration, nachhaltig getragen von einem sehr aufmerksamen Orchester, lässt nie nach, obwohl manchmal mitschwingt, welche Kraft sie kostet. Der Ausdruck in den Gesichtern der Choristen, nachdem der letzte Ton verhaucht ist, diese Kombination aus Staunen, Dankbarkeit und Freude, er spricht hier Bände.

Das Quartett der Solisten ist gut ausgesucht, geschickt aufeinander abgestimmt und von der dramaturgischen Wirkung her bühnenreif. Es tut dem Klangbild und der Dramaturgie gut, dass Pfeiffer die zweite Damen-Solostimme mit einer Altistin besetzt und nicht, wie man immer wieder beobachtet, mit einem Mezzosopran, um einer historischen Aufführungspraxis nahe zu sein. So, wie Hana Marie Katsenes ihren Part interpretiert, ist er frei von Schwermut, dafür aber erfüllt mit gedanklicher Tiefe; so sind ihre Verse näher am Chor und seinen Stimmungen und die Spannung zwischen den beiden Frauenstimmen bekommt mehr Dynamik. Zumal wir mit Roswitha Schmelzl eine Sopranistin erleben, die Lyrik um der Lyrik willen singt, nicht um ihrer Profilierung willen. Das ist jene Demut, die man bei einem Requiem, bei aller Versuchung in diesem Werk zu brillieren, zu schätzen weiß, weil einen dann auch die Worte berühren, nicht nur die Töne. Mit einem von innerer Ruhe und traumwandlerischer Sicherheit getragenen Thomas Hohenberger für die Bass-Partien und einem lakonisch-eleganten Tenor Michael Birgmeier bekommt das Quartett eine Vielfalt in Einheit, die dem Chor Luft zum Atmen, dem Dirigenten Raum zum Gestalten und den Solisten selbst ausreichend Profil lässt.

Aus all diesen Faktoren ergibt sich ein Eindruck, bei dem man nicht mehr fragt, wer's geschrieben hat, sondern wessen Gedanken da Musik werden. Es ist eindeutig Mozart. Dafür in Baldham intensiven, anhaltenden Applaus, mit stehender und gerufener Reverenz und befreit von aller Traurigkeit.