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Bald wieder auf dem Spielplan:Am Ende noch ein Selfie

Theater Wasserburg "Die drei Schwestern" von Anton Tschechow

"Die drei Schwestern" am Theater Wasserburg feiern immer apokalyptischer anmutende Parties.

(Foto: Christian Flamm/oh)

Das Theater Wasserburg verlegt Tschechows "Drei Schwestern" ins Jetzt: Wieso ist es so verdammt schwierig, glücklich zu sein?

Von Theresa Parstorfer, Wasserburg

Um höchst aktuelle, existenzielle Fragen des Menschseins, um Glück und Dekadenz, geht es in Anton Tschechows "Drei Schwestern" am Theater Wasserburg. Zwar ist die Bühne derzeit geschlossen, doch man darf sich schon auf Anfang Mai freuen, wenn das Stück hoffentlich erneut gespielt werden kann.

Die Welt draußen steht in Flammen, doch drinnen geht die Party ungehemmt weiter. Heftiger Techno, Lichtblitze. Im Hintergrund läuft ein Instagram-Feed in Endlosschleife. Bilder und Videoschnipsel vom Strand, von Sonnenbrillen, von nackter Haut, von Alkohol, Schmollmündern und Autofahrten durch die Nacht. Erinnerungen an ein weiteres Jahr, in dem eigentlich nichts passiert ist im Leben der drei Schwestern Olga, Mascha und Irina. Das, was an Unglück in der Welt geschieht - zum Beispiel ein Feuer in der Stadt - das interessiert den Insta-Feed nicht, und wird ihn auch weiterhin nicht interessieren.

Olga, gespielt von Regina Alma Semmler, will zwar in einem kurzen Anflug von Aktionismus das Feuer löschen und sogar ein Benefizkonzert für die Opfer organisieren, aber ihre beiden Schwestern Mascha (Julia Angeli) und Irina (Malene Becker) sowie Kolja Tusenbach (Laurenz Winklhofer) tanzen sich gerade in Trance. Denn es ist Irinas Namenstag, und an einem solchen wird gefeiert, egal ob es in der Stadt brennt oder nicht. Egal, wie leer der Saal ist, und auch egal, dass die Parties von heute nur mehr ein müder Abglanz der Feste von früher sind. Es ist der dritte von Irinas Namenstagen, der in der Wasserburger Inszenierung von Tschechows "Drei Schwestern" gefeiert wird. Jeder der vier Akte beginnt mit einer der immer apokalyptischer anmutenden Parties.

Die Regisseure Uwe Bertram und Nick Mayr verpflanzen das Leben der drei Schwestern aus dem späten 19. Jahrhundert in die heutige Zeit, die Inszenierung ist ein Strudel aus Pop-Party-Ästhetik, hohen Schuhen und glitzernder Jugendkultur. Sie lässt ein paar Charaktere und ein tödliches Duell am Ende aus - und konzentriert sich stattdessen auf die drei Schwestern, die beiden Männer Tusenbach und Werschinin und einen sehr zeitlosen Konflikt, den Tschechow in seinem 1901 in Moskau uraufgeführten Drama angelegt hat: Was ist Glück? Und warum ist es so verdammt schwer, es zu finden?. Gerade in einer Zeit, in der existenzielle Probleme wie Krieg und Hunger bewältigt sind. Also zumindest für einen Großteil der Menschen, für eine gut situierte Gesellschaft aus Selbstoptimierern. Warum scheint es ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, sich das Glück einfach zu nehmen, wo es doch offensichtlich direkt vor einem liegt?

Die Zuschauer blicken von drei Seiten auf eine Bühne, die fast den ganzen Raum einnimmt, voller Ballons, Luftschlangen, Konfetti und mit einer langen Bar, an der es immer Wodka, aber leider keinen Cognac mehr gibt. Überhaupt: Immer das, was man gerne hätte, fehlt. Deshalb ist man ja fast gezwungen, mit dem Vorlieb nehmen, was es gibt. Anstatt sich aufzuraffen und wirklich etwas zu ändern an einem Leben voller Banalität und Langeweile. Wie gut, dass man am Ende immer noch ein Selfie machen kann: Ein Lächeln gegen die Angst, das Leben einfach verlebt zu haben, ohne dass irgendjemand in ein paar Jahren noch wissen wird, wie man ausgesehen hat.

Auf der Bühne tanzen, lachen, liegen, rauchen, schreien, streiten, singen und weinen die drei Frauen. Sie leben in einem großen Haus in einer kleinen Stadt, in der einen zwar jeder kennt, aber in der man trotzdem nicht dazugehört, wie Olga es sagt. Der Vater, für dessen Beruf sie aus Moskau hierhergezogen sind, ist tot. Der immerwährend abwesende Bruder verspielt nach und nach das Vermögen der Familie. Dabei wollen die Schwestern doch eigentlich noch ganz viel vom Leben.

Alle drei wollen zurück nach Moskau, weil in Moskau war alles besser. Da sind sie sich ganz sicher, obwohl sie seit vielen Jahren nicht mehr dort waren. Die Jüngste, Irina, will arbeiten, weil das muss sich doch schön anfühlen, im Schweiße seines Angesichts müde ins Bett zu fallen. Mascha will Anfangs noch ein Buch übersetzen, doch dann, schon recht bald, will sie nur mehr den verheirateten Alexander Werschinin (Hilmar Henjes). Olga will vor allem wissen, "warum das alles so wehtut".

Alle Figuren wollen ein glückliches, sinnvolles Leben führen. Auch Tusenbach, der die schöne Irina abgöttisch liebt, ihr Lieder am Klavier spielt, obwohl sie ihn nicht zurückliebt und ihm dramatische Tränen vorspielt, nur damit sie ihm das nicht sagen muss. Und auch Werschinin, der seine psychisch labile Frau und seine zwei Töchter nicht verlassen kann, obwohl ihn die Ehe unglücklich macht und er Mascha liebt.

Und sie alle reden immerzu aneinander vorbei, reden sich um potenzielles Handeln herum. Jedes Jahr an Irinas Party sagt Mascha, sie habe die "Melancholei", sie gehe jetzt, sie halte das nicht mehr aus. Und jedes Jahr bleibt sie am Ende doch, tippt weiter lustlos auf ihrem Handy herum und schenkt sich Wodka nach. Jedes Jahr sagt Irina, sie fühle sich leer, sie wolle arbeiten, aber selbst als sie dann eine Arbeit hat, ist sie nicht glücklich, sondern "völlig am Ende" und voller Wut darüber, dass "mir die Jahre durch die Hände rieseln und ich krieg keines mehr zurück." Und immer wieder sagt Olga: "Bald werden wir wissen, warum das alles so wehtut."

Alle lachen, vielleicht lachen sie einander auch aus, sobald auch nur ein Funke echter Emotion aufzukommen droht. Als Irina, die tatsächlich den treuen Tusenbach geheiratet hat, merkt, wie schmerzhaft es ist, nicht zurück lieben zu können, streift sie nach und nach die Glitzergirlanden ab, die sie im Laufe des Stückes um ihr rotes Kleid gewickelt hat. "Komm", sagt Mascha am Ende zu Irina, "lass uns gehen, wir können ja auch draußen noch überlegen, was wir mit dem angebrochenen Abend machen." Olga bleibt allein am Klavier zurück, mit einem Zigarettenstummel im Mund. "I am so bored" singt sie, und die Glut flackert noch einmal auf, bevor es dunkel wird.

Die nächsten Vorstellungen: 1.,2. und 3. Mai, um 20 Uhr, sonntags 19 Uhr. Karten gibt es unter www.theaterwasserburg.de

© SZ vom 02.04.2020

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