"Ich hoffe Sie finden uns", sagt Alexander Walter am Telefon. "Wir haben nur ein kleines Schild an der Tür. Damit nicht so viel Laufkundschaft kommt." Laufkundschaft? Das Studio des Fotografen steht in Weidach, einem Ortsteil von Baiern, der südlichsten und einwohnermäßig zweitkleinsten Gemeinde im Ebersberger Landkreis. Hier kommt vermutlich niemand vorbei, der nicht genau weiß, wo er hinwill.
Die Tür öffnet Walter, ein großer Mann mit kurzen, grauen Haaren, in Adidas-Turnschuhen und Karohemd, darüber Hosenträger. Er hat sich ein altes Wirtshaus gekauft und das riesige Gebäude umgebaut, eine Zwischendecke rausgerissen und durch eine offene Galerie ersetzt. Oben steht sein Schreibtisch, unten befindet sich das Studio. In einem anderen Teil wohnt Walter mit seiner Lebensgefährtin Maria. Seine Exfrau wohnt nebenan auf dem selben Grundstück. Insgesamt sechs Kinder verteilen sich auf beide Häuser, drei davon sind seine eigenen.
Der 51-Jährige mag die Zurückgezogenheit, erinnert sich ungern an das Vor-E-Mail-Zeitalter, als er "permanent nach München fahren" musste. "Ich bin keiner, der sich gerne in großen Menschenansammlungen bewegt. Das ist mir zu eng." Vom Studio in Weidach aus kann er sehen, wie draußen das Eichenlaub langsam zu Boden schwebt. In Gesprächspausen gibt es hier kein Geräusch außer das Zwitschern der Vögel draußen und das leise Surren des Servers, auf dem 25 Terabyte Bildmaterial lagern. Dabei hat Walter erst einen Bruchteil seines ganzen Archivs digitalisiert. Neben dem Schreibtisch steht ein kleiner Kompressor. Damit pustet er den Staub von den Negativen, bevor sie eines nach dem anderen in den Scanner kommen. Über eine halbe Million Bilder hat Walter in seinen 25 Jahren als selbstständiger Fotograf gemacht. Landschaftsaufnahmen, Porträts, Reportagen, Werbung, Essensfotos. Nur Hochzeitsfotos macht er keine: "Ich bin nicht der Animateur, der schaut, dass er alle zum Lachen bringt." In den vergangenen Jahren hat Walter vor allem Kochbücher bebildert. Sein Fotostudio steht daher voll mit kulinarischen Requisiten: Gläser, Teller, Schüsseln, Pfannen, Töpfe. Wenn eine Food-Produktion ansteht, geht es rund in Weidach: Dann arbeiten hier außer Walter ein Koch, ein Foodstylist, Lebensgefährtin Maria als weitere Stylistin, Helfer zum Abspülen.
Fotos aus dem Archiv von Alexander Walter: nepalesische Frauen beim Färben von Wolle.
Thunfischsteaks mit Sesam.
Ein Schimmel im winterlichen Baiern.

Ein Kind spielt vor einer Fabrik in Copșa Mică, Rumänien.
Am Bildschirm auf Walters Schreibtisch klebt ein Zettel: "Wer nicht genießt, wird ungenießbar!" Das möchte der Food-Fotograf nicht nur aufs Essen bezogen wissen: "Ich versuche, alles im Leben zu genießen, das Kulinarische, die Natur, die Liebe, will jeden Moment in mich aufsaugen."
Nach dem Abitur in Bad Aibling ging Walter 1985 für zwei Jahre in die Schweiz und assistierte dem Fotografen Alain Studer. Dann studierte er an der damaligen Lehranstalt für Fotografie in München. Seit 1992 arbeitet er selbstständig. Als sein "großes Vorbild" bezeichnet Walter den brasilianischen Fotograf Sebastião Salgado. "Der sieht und komponiert ein Bild in Bruchteilen von Sekunden." Darauf komme es an, vor allem, wenn man draußen unterwegs sei: "Die Bilder sind oft da, man muss sie sehen und auf die entscheidenden Elemente reduzieren." Es könne eine gute Komposition sein, die ein gutes Bild ausmache, oder besonderes Licht, "aber am Ende geht es um die Geschichte dahinter." Die könne ein Werbefoto genauso erzählen wie eine Landschaftsaufnahme.
Walter spricht leise und bedacht, sitzt währenddessen fast regungslos auf dem Stuhl, ein Arm auf dem Tisch, der andere auf dem Oberschenkel liegend. Gelegentlich aber bricht er in ein schrilles, wieherndes Gelächter aus. Etwa bei der Frage nach seiner Arbeitsweise: "Mein Arbeitsrhythmus ist wie ein Tsunami. Oft zieht es dir zuerst den Boden unter den Füßen weg, und dann kommt eine große Welle, die man nicht wegarbeiten kann." Das liege aber an den Auftraggebern: "Bis alle, die zuständig sind, den Kostenvoranschlag unterzeichnet haben, vergeht so viel Zeit, dass es dann furchtbar schnell gehen muss. Dann arbeitet man Tag und Nacht." Dann sei wieder zwei Monate gar nichts los, "und man macht sich gleich wieder Sorgen, wie es weitergeht." Diesen Druck müsse man als Fotograf aushalten können. "Für den Job reicht es nicht, gute Fotos zu machen." Manche Produktionen würden 30 000 Euro am Tag kosten, "da bist du dafür verantwortlich, dass der Kunde das nicht in den Sand setzt".

Walter fotografiert gerne Lebensmittel. Und an den ruhigeren Tagen hat er Zeit, mit seiner Schwarzwildbracke Lucy Jagen und Fischen zu gehen. Aber man merkt, dass ihm die Reportagen abgehen, das Reisen, die Abenteuer. Nachdenklich erzählt er Geschichten wie die, als er nach einem Streit um Geld in Nepal das Land nur mit Hilfe des deutschen Botschafters verlassen konnte. In sieben Jahren, schätzt er, ist das Haus abbezahlt und "der finanzielle Druck weg". Dann will Alexander Walter wieder losziehen, raus in die Welt.