Tourismus Pensionierter Kapitän prangert Missstände bei Kreuzfahrten an

Das Büro von Wolfgang Gregor sieht wie der Bezugsort eines Menschen aus, dem die Seefahrt einmal sehr viel bedeutet hat.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Stundenlöhne von knapp über einem Euro und horrende Umweltschäden: In einem Buch erhebt Wolfgang Gregor aus Markt Schwaben schwere Vorwürfe.

Von Max Nahrhaft

Es ist kein Museum, sondern ein Büro, daran muss man sich erst einmal gewöhnen: Gemälde zeigen Motive von Segelschiffen in hohen Wellen, daneben steht eine hölzerne Galionsfigur, die einst einen stolzen Segler bewachte, jetzt thront sie im Büro des ehemaligen Kapitäns. Auf dem Wandregal steht ein Sextant, Positionslaternen, überall Schiffsmodelle. Das Büro von Wolfgang Gregor sieht nach Nostalgie aus, wie der Bezugsort eines Menschen, dem die Seefahrt einmal sehr viel bedeutet hat.

Der 63-Jährige trägt dunkle Jeans und ein hellblaues Hemd, das er lose hochgekrempelt hat, er strahlt natürliche Autorität aus. Mit dieser Erscheinung kann man sich ihn auch auf der Kommandobrücke eines Schiffs vorstellen. Gregor war Seemann, Kapitän, er fuhr auf den Meeren dieser Welt, Rio de Janeiro, Dubai, das Kap der guten Hoffnung. "Ich war damals fest überzeugt, beruflich die richtige Entscheidung getroffen zu haben", sagt er.

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Doch mit der Zeit wurde er skeptischer, zu den Transportfrachtern kamen immer mehr Kreuzfahrtschiffe hinzu. Ein Teil der ursprünglichen, authentischen Seefahrt ging verloren. Der Massentourismus hielt Einzug auf den Weltmeeren. Während viele das Kreuzfahrtschiff für ein Symbol technischen Fortschritts und Ausdruck luxuriöser Urlaubsträume halten, kann Gregor diesem Bild nicht viel abgewinnen. Im Gegenteil. Gregor hat sich, seit er im Ruhestand ist, zu einem Kritiker der Kreuzfahrtindustrie entwickelt.

Zusammen mit seiner Frau unternahm der Diplom-Nautiker früher viele Kreuzfahrten, bevor ihm die vielen Missstände auffielen: überfüllte Schiffe, Stundenlöhne von knapp über einem Euro, horrende Umweltschäden, fehlende Rettungsboote und geschickte Steuervermeidung der großen Konzerne. "Mehr als 30 Milliarden Euro Umsatz wurden im vergangenen Jahr mit Kreuzfahrten gemacht, der Markt wächst wie kaum ein anderer Tourismuszweig", sagte Gregor.

Trotz dieser horrenden Summen würden die Unternehmen aber kaum Steuern zahlen, sagt er. "Und während die Konzerne immense Gewinne verbuchen, kann die vornehmlich asiatische Besatzung auf dem Schiff kaum von ihrem Gehalt leben, da stimmt etwas nicht", sagte Gregor. Er sprach mit Besatzungsmitgliedern, Tourismusvertretern, Experten für maritime Sicherheit und führte eine Umfrage mit 250 Passagieren durch. Schließlich entschloss er sich, ein Enthüllungsbuch zu veröffentlichen: "Der Kreuzfahrtkomplex".

"Das größte Hindernis bei der Recherche war, dass die Reedereien die Kritik heruntergespielt haben", sagt Gregor. Auf E-Mails hätten sie nur sporadisch reagiert, Anfragen blieben häufig unbeantwortet. Einen ernsthaften Willen zur Aufarbeitung, sagt Gregor, habe er nie erkennen können. Dabei sieht er sich nicht als fundamentaler Gegner, sondern lediglich als aufmerksamer Kritiker der Kreuzfahrtindustrie. Verurteilen möchte er niemanden, der einen Urlaubsdampfer betritt.

Denn die Sehnsucht nach dem offenen Meer kann er nachvollziehen. Schon als kleines Kind hat er die ersten Weltreisen unternommen. Mit dem Finger strich er auf der Landkarte über ferne Ziele und malte sich das Leben an unbekannten Orten aus. Der Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit hat seinen Lebensweg geprägt. So studierte er Nautik und fuhr elf Jahre lang zur See, zuletzt als Kapitän auf Handelsschiffen. Seine Routen führten ihn zu fernen Häfen an den Küsten von Südamerika und des persischen Golfs.

Die Seefahrt hat ihm vor allem dann Spaß gemacht, wenn sich die Eintönigkeit des flachen Ozeans überwinden ließ. Auf Versorgungsschiffen in der norwegischen Nordsee brachten sie bei jedem Wetter Lebensmittel, Öl und Bauteile zu den Plattformen. "Auch bei schwerer See mussten wir ganz nahe an die Plattformen heranfahren, da haben wir gearbeitet wie Tiere", sagt der ehemalige Kapitän, "ständig schlugen die Wellen gegen das Schiff, das Manövrieren war eine echte Herausforderung." Das raue Umfeld förderte den Zusammenhalt an Bord. Jede Volksgruppe in Deutschland hatte ihre eigenen Spitznamen. "Die Berliner waren die Ickes, die Norddeutschen waren die Fischköppe und die Bayern haben wir die Bazis genannt", sagte Gregor, der im Ruhrgebiet geboren ist.

Ein Kapitän ist der Chef eines kleinen Wirtschaftsbetriebs

Irgendwann war ihm der Alltag an Bord zu langweilig - als Kapitän ohne Auf-stiegsmöglichkeit, immer ähnliche Leute, immer die gleichen Geschichten. Auch seine Familie in Deutschland fehlte ihm. "Die Einförmigkeit entsprach fast dem Klischee des einsamen Seemanns. Der Alkohol wäre vielleicht mein nächster Karriereschritt gewesen", sagt Gregor.

Er wollte einen Schlussstrich ziehen und wurde von einem Headhunter als seemännischer Berater ins saudiarabische Hafenministerium geholt. 1998 zog er ins Münchner Umland, da er fortan in der freien Wirtschaft als Manager arbeitete. Gerade dafür habe ihm die Zeit als Kapitän sehr weitergeholfen. "Das Schiff ist nichts anderes als ein kleiner Wirtschaftsbetrieb, für den du verantwortlich bist", sagt Gregor. Man müsse den Mut haben, schwierige Entscheidungen zu treffen und im Notfall auch intuitiv zu handeln.

Nun lebt der ehemalige "Schiffs- und Wirtschaftskapitän", wie er sich selbst beschreibt, seit vielen Jahren im oberbayerischen Markt Schwaben im Osten von München - dort, wo viele den Chiemsee für ein internationales Gewässer halten. Doch umziehen möchte er nicht mehr, nur im Urlaub, da sucht er die Weite des Ozeans. "Zwar liegen die Alpen vor der Haustür, doch bis heute kann ich den Bergen nicht viel abgewinnen", sagt Gregor. Anstatt zum Skifahren oder Bergsteigen fährt er lieber ans Meer. Böiger Wind, brandende Wellen und der Geruch des salzigen Wassers in der Nase - das ist sein Leben.

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