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Austritte im Landkreis Ebersberg:Katholische Kirche muss büßen

Die Zahl der Austritte befindet sich im Landkreis auf Rekordniveau, sie hat sich zwischen 2012 und 2014 auf 770 verdoppelt. Dekan Josef Riedl vermutet die Ursachen in Skandalen und persönlichen Enttäuschungen.

"Die Austrittszahlen sind erschreckend hoch", sagt Ebersbergs Pfarrer Josef Riedl, als Dekan der höchste Katholik im Landkreis. "Und jeder Einzelne ist ein Verlust, nicht nur finanziell." Bereits 2013 hatte es einen immensen Sprung gegeben: 2012 kehrten gerade einmal 360 Katholiken im Landkreis ihrer Kirche den Rücken, im Jahr darauf waren es nahezu doppelt so viele, nämlich 611. Und nun ist der Wert noch einmal angewachsen, und zwar auf 770 Austritte im Jahr 2014.

Damit liegt der Landkreis im deutschlandweiten Trend von Kirchenaustritten auf Rekordniveau. Selbst seine eigene Pfarrei kann Dekan Riedl nicht als positives Beispiel anführen: In der Kreisstadt sei die Zahl der Aussteiger von durchschnittlich 35 zunächst auf 47 (2013) und nun auf 61 (2014) angewachsen. Insgesamt verringerte sich die Zahl der Katholiken im Landkreis durch Austritte und Todesfälle (690) von etwa 70 770 auf nunmehr 70 440.

"Das große Rätselraten geht weiter", sagt der Dekan, denn über die vermutlich vielfältigen Gründe für die zunehmende Abkehr von der Kirche lasse sich nur spekulieren. "Das Problem ist, dass man für den Austritt nur in einer staatlichen Behörde, dem Standesamt, eine Unterschrift abgeben muss, den Pfarreien wird dann lediglich die Formalie gemeldet", erklärt Riedl. Zwar schrieben alle Pfarrer ihre verlorenen Schäflein noch einmal an, samt Angebot zum unverbindlichen Gespräch, doch die Rückmeldungen auf diese Briefe seien sehr spärlich. "Deswegen ist es für uns sehr schwer zu eruieren, was die Menschen zu diesem Schritt bewegt."

Doch ein Grundproblem ist Riedl durchaus bewusst: "Die Distanz zur Kirche wird generell immer größer, die kontinuierliche Gläubigkeit nimmt ab - das ist schon lange klar." Insofern werde wohl oft ein vergleichbar kleiner Anlass zum Auslöser für den Austritt. "Das kann eine persönliche Enttäuschung sein, eine unbedachte Bemerkung vom Pfarrer oder die kirchenpolitische Großwetterlage."

Gerade letztere, inklusive Skandalen wie um den ehemaligen Bischof von Limburg Franz-Peter Tebartz-van Elst und seinen verschwenderischen Lebensstil, schlügen deutlich durch, so Riedl. Überhaupt sei das Thema Geld und Kirche ein sensibles: "Viele Experten meinen, dass die weiter steigenden Austritte in dem neuen Einzugsverfahren der Kirchensteuer auf Kapitalerträge begründet liegen." Dieses werde von vielen Menschen irrtümlich als Steuererhöhung gedeutet. Ursprünglich wurde die Kirchensteuer nur auf Antrag des Steuerpflichtigen gleich mit der Abgeltungssteuer abgeführt. Seit Jahresanfang geschieht das automatisch.

Trotzdem gibt es für Riedl Grund zur Hoffnung: "Meine Erfahrung zeigt, dass es bei den meisten Austritten vor allem um die rechtliche Organisation, also um die Institution Kirche geht, nicht um den Glauben an sich." Viele Ausgetretenen hielten nämlich weiter an einer gewissen religiösen Praxis fest: "Sie gehen ab und zu in die Kirche und schätzen die Sakramente."

Gestützt wird diese These des Dekans von den Zahlen der aktuellen Statistik: Die Zahl der Gottesdienstteilnehmer im Landkreis ist nur marginal gesunken und liegt mit elf Prozent der Katholiken immer noch deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Die Sakramente - also Trauung (168), Taufe (654), Erstkommunion (723) und Firmung (920) - erfreuen sich, im Gegensatz zur Kirchenmitgliedschaft, steigender Beliebtheit. Für Riedl ist das jedoch kein Widerspruch: An den Eckpunkten des Lebens werde oft erkennbar, dass sich die Ausgetretenen nicht gänzlich vom Glauben verabschiedet hätten.

Doch wie geht er als Ebersberger Pfarrer mit diesem Trend um? "Ich kann nur versuchen, vernünftig und anständig meine Arbeit zu machen, offen zu sein und den Menschen gute Erfahrungen mit Kirche und Glauben zu ermöglichen." Gerade Anlässe wie eine Hochzeit oder Taufe böten die Gelegenheit für ein persönliches Gespräch. "Da fahre ich auch immer gerne zu den Familien nach Hause", so Riedl.

Klar gebe es gerade im Zusammenhang von Austritt und Sakramenten manch schwierige Situation - zum Beispiel, wenn der gewünschter Firmpate die Kirche bereits verlassen hat - doch mit etwas Diplomatie könne man diese Konflikte in der Regel entschärfen. "Meiner Meinung nach ist die sichere kirchenrechtliche Position dabei nicht immer die klügste", sagt der Dekan.

Und genau dann kommt es laut Riedl manchmal zu jenen Fällen, in denen jemand ganz neu in die Kirche eintritt oder gar seinen Austritt wieder rückgängig macht. "Das geschieht nämlich meist aus einem familiären Anlass heraus, wenn die Menschen heiraten oder Kinder bekommen", erzählt Riedl. In solchen Momenten verändere sich die Einstellung zur Kirche oft grundlegend. Aber er habe auch schon mehrmals Menschen aus sozialen Berufen erlebt, die aufgrund ihrer Erfahrungen mit Krankheit und Tod zum Glauben gefunden hätten.

Eine "gute Miene zum traurigen Spiel" hingegen erforderten Rentner, die wegen der für sie nicht mehr anfallenden Kirchensteuer wieder Mitglied werden wollen. Die Aufnahme in die Kirche ist nicht wohnortgebunden, dafür kann sich der Gläubige an einen "Pfarrer seines Vertrauens" wenden. Im Landkreis gab es 2014 zehn Eintritte und 30 Wiederaufnahmen: zwei auf niedrigem Niveau steigende Werte.

© SZ vom 10.08.2015
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