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Ausstellung:Vernetzte Voyeure

Die Gedok München ist mit ihrer Jahresausstellung erstmals zu Gast beim Ebersberger Kunstverein. Die 21 Künstlerinnen setzten sich mal kritisch, mal ironisch mit der menschlichen Kommunikation auseinander

Lises Bräutigam kam zwei Tage vor der Hochzeit bei einer Flugschau ums Leben. Den Schmerz über diesen Verlust hat Lise nie verwunden. In der Familie, wo die 1898 geborene Frau fortan lebte, galt sie als schrullige Jungfer; statt Anteilnahme und Zuwendung erfuhr sie Verachtung und Gewalt. Doch all das, der plötzliche Tod, die Trauer, die Kaltherzigkeit der Angehörigen, sind nie zur Sprache gekommen. Erst Simone Breitinger, Großnichte jener Tante Lise, und Künstlerin, hat die Geschichte in ihrer Installation "Hochzeitskleid für Lise" ans Licht gebracht - einem Brautgewand, das Lise nie tragen durfte. "Die Idee dazu hatte ich, als ich in ihrem Nachlass auf Arbeiten stieß, die Lise als Näherin in der Fabrik angefertigt hatte. Auf ein schlichtes Kleid aus gelblicher Buchbinde-Gaze - Lises Bräutigam war Buchdrucker, aber das erfuhr die Künstlerin erst nach Fertigstellung der Installation - hat Breitinger mit heller Ölfarbe einen fiktiven kollageartigen Text geschrieben. Man liest Worte wie "Totgeburt" oder "bleich". Kleid und Text sind ein Sinnbild für ein Sprechen, das zu spät kommt.

Ein Thema, bespielt in vielen Variationen: Patricia Lincke hat einen außergewöhnlichen Guckkasten kreiert.

(Foto: Christian Endt)

Simone Breitinger ist eine von 21 Künstlerinnen, die an der jurierten Jahresausstellung der "Gedok" München in der Alten Brennerei teilnehmen. Der Verband ist nach eigenen Angaben das älteste und europaweit größte Netzwerk für Künstlerinnen. Die Jahresausstellungen finden an wechselnden Orten und zu wechselnden Themen statt. Erstmals sind die Münchner nun beim Kunstverein Ebersberg zu Gast.

Das diesjährige Thema "Beweglich = Grün ohne Boden - forms of communication" klingt etwas kryptisch. Der unspezifische Titel solle den Teilnehmerinnen erlauben, einen Anknüpfungspunkt zu der jeweils eigenen Arbeitsweise und Formensprache zu finden, sagt Birthe Blauth, die als Jurymitglied die Gedok in Ebersberg vertritt. Nun passt das Stichwort Kommunikation für alles und jedes. Dass sich die Ausstellung dennoch nicht in Beliebigkeit verliert, liegt an der Qualität der Arbeiten und an der weisen Beschränkung. Zudem hat man formale, räumliche und stoffliche Bezüge geschaffen, die wiederum Kommunikation zwischen den Arbeiten gestatten. Und so findet sich das Thema in zahlreichen Welten gespiegelt von abstrakt bis konkret, vom Einzelobjekt zum Gruppenbild, dreidimensional und bewegt.

Alexandra Hendrikoff hat ein zartes Lauschobjekt entworfen.

(Foto: Christian Endt)

Die aus Tirol stammende Künstlerin, Kostüm- und Bühnenbildnerin Martina Tscherni nutzt mehrere Stilebenen für ihre Botschaft - die fernöstliche Tradition des Rollenbilds, die zeichnerische, in den Naturwissenschaften des 19. Jahrhunderts übliche Darstellung organischer und pflanzlicher Kleinstlebewesen und die Computeranimation. Eine gute Viertelstunde lang dauert ihr Film "meta morph". In langsamem Tempo laufen feine Skizzen von Formen, die sie Kalkschwämmchen nennt oder Eisstaub, die an eine aufgeblühte Dahlie oder Algen und Quallen denken lassen, über den Monitor. Doch ab und zu, - anfangs überraschend, später wartet man drauf - tanzt eines der Tierchen aus der Reihe, hüpft, funkelt, pulsiert, schwebt, fällt ins Nichts oder verdoppelt sich jäh. Während die Künstlerin sich Zeit genommen hat für ihre akribischen Skizzen, spürt der "Leser" bald Ungeduld, der moderne Kommunikationsstil mit seiner Wisch-und-weg-Unkultur wird einem da schmerzhaft bewusst.

Gisela Heides textile Komposition.

(Foto: Christian Endt)

Die Facetten der Kommunikation zwischen den Mitgliedern einer Gruppe bildet Katja Fischer auf einem zweigeteilten großformatigen Acrylgemälde ab. Es sind Männer und Frauen, die sich offenbar nach getaner Arbeit auf den Heimweg machen. Manche stehen noch zusammen, reden, einige haben Instrumentenkoffer auf dem Rücken. Katja Fischer, die erste Flöte in einem Orchester spielt, hat hier Musiker in einem spezifischen Moment erfasst. Viele der abgebildeten Instrumentalisten und deren Geschichte kennt sie. "Ich habe eine Kamera im Kopf", sagt Fischer. Ihre Malerei ist aber keine nachempfundene Fotografie; vielmehr hat sie das Gruppenbild so verdichtet, dass Beziehungen zwischen einzelnen Musikern spürbar werden.

Nina Annabelle Märkl hat eine rätselhafte Zeichnung entworfen.

(Foto: Christian Endt)

Die Mechanismen der Kommunikation schlüsseln auch auf jeweils eigene Art Karin Bauer und Angelika Bartholl auf. Bauer zeigt eine in sich verknäulte rote Form neben einer eckigen fordernden Struktur. Mit etwas Fantasie kann man diese Form für einen altertümlichen Telefonhörer halten. Aus diesem Teil pustet - oder spricht - eine Figur in Richtung des Knäuels. "Ein gegenseitiger empathischer Austausch wäre nötig", erklärt dazu die Künstlerin. Den allerdings gibt es auch nicht beim bronzenen "Golden Ear" von Angelika Bartholl. Das Ohr liegt in einer Gussform, umschlossen von einer Vitrine. Daneben ein Zettel mit einer Grafik; könnte aus einem Fachbuch sein. Mögliche Botschaft: Zuhören ist die Basis der Kommunikation.

Simone Breitinger hat ein "Hochzeitskleid" beschrieben.

(Foto: Christian Endt)

Das sagt auch Alexandra Hendrikoff mit ihrem Objekt "I am listening to you", eine Hommage an das Hören mit allen Sinnen. Das runde Objekt aus transparentem Papier, Strohseide, Gaze, Garn, Löwenzahn-, Gras- und Essigbaumsamen, Weizenkleister, Plexiglas und Fichtenholz sieht einer Samenkapsel ähnlich. Drei Kanäle führen hinaus oder hinein ins vorne offene Gehäuse. "Das Lauschen auf die innere und äußere Tonlage, das Spüren der Schwingung, das Wahrnehmen des Gesamtklangs", so Hendrikoff, all das symbolisiert diese wunderschön zarte Arbeit. Dass der Lauscher an der Wand' seine eigene Schand' und der Voyeur sein Spiegelbild sieht, thematisiert Patricia Lincke mit ihrem "Wildlife Wohnzimmer": Schaut man durch die Öffnung eines unauffälligen Kastens, sieht man eine Ansammlung unsäglicher Kitschfiguren, Bärchen, Häschen und Froschkönig - im Spiegel an der Rückwand schaut man jedoch sich selbst in die erstaunten Augen. Das Absurde am unausgesetzten Kommunizieren auf allen Kanälen zeigt auf ironische Weise Petra Moßhammer in ihrem Pastellbild "Dosentelefonat". Die Arbeit zeigt eine Frau mit Sonnenbrille, die Arme überkreuzt. Sie hält sich je eine Dose mit Schnur ans Ohr, vor ihr liegt ein Blatt Papier samt Füllfederhalter. Die Packung Zwieback auf dem Tisch soll wohl suggerieren: Gegessen wird irgendwie zwischen dem Reden und Schreiben.

Neben Arbeiten zum Thema Mensch und vernetzte Gesellschaft sind auch Werke zu sehen, bei denen es um die subtilen Beziehungen zwischen Formen und Strukturen geht. So etwa bei Gisela Heides Komposition in Grün. Ausgangspunkt ist das Kleidungsstück, das eine fragile und durchdringliche Grenze bildet zwischen Körper und Außenwelt. Hier hat sie ein textiles Muster abstrahiert, die Malerei, so Heide, "greift in den Raum hinaus". Die Dynamik des Bildes werde bestimmt von inneren Kräften, die mit dem Raum in Verbindung treten. Etwa mit der gegenüber gehängten Fotoarbeit "Heilige Weisheit" von Bianca Patricia, Mitglied und Preisträgerin des Kunstvereins. Das Heilige, das ist die Hagia Sophia in Istanbul, was man allerdings nicht sieht. Weisheit steht wohl für die Stangen des Baugerüsts, die so kunstvoll miteinander verschraubt sind wie die Nervenbahnen des Gehirns.

Mit der menschlichen Wahrnehmungsweise spielt Erica Heisinger, Mitglied des Kunstvereins, in ihrer Installation "Papiersprinter" in Weiß und Grün. Je nach Standpunkt des Betrachters verändern sich die Objekte - Papierabschnitte, die aus schrägen Öffnungen über grün schimmernden Untergrund springen. Mal bilden sie ein in diverse Richtungen strebendes Muster, mal sind sie quasi unsichtbar. So treten Betrachter und Kunstwerk über die Bewegung in Kommunikation miteinander.

Jahresausstellung der "Gedok" München beim Kunstverein Ebersberg, Alte Brennerei, Vernissage am Samstag, 30. Mai, um 18 Uhr. Geöffnet ist die Schau bis 21. Juni,immer freitags von 18 bis 20 Uhr, samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr.