bedeckt München 19°
vgwortpixel

Ausstellung:Spielerisches Pandämonium

Ludwig Behams bewegte Kritzel- und Wimmelbilder werden bevölkert von surrealen Wesen, Vogelmenschen und Monstern - die Ratlosigkeit der Betrachter ist dabei ausdrücklich erwünscht.

Es ist so eine Sache, wenn man zur Vernissage viele gute Freunde einlädt. Zwar folgen die treu dem Ruf, und der Künstler präsentiert seine Werke in vertrautem familiären Kreis. Andererseits nehmen einen Freunde auch gerne mal auf den Arm. So jedenfalls ist es dem Ebersberger Pädagogen und Künstler Ludwig Beham, von seinen Gästen "Lucki" genannt, bei der Eröffnung seiner Ausstellung in der Galerie der SZ-Redaktion in Ebersberg vergangenen Dienstag ergangen. Rund vierzig Besucher drängen sich von 19 Uhr an im Redaktionsflur. "Stammen die Bilder aus dem Bestand der Sammlung Gurlitt, weil die Rahmen schon so alt sind", fragt einer respektlos. Ein anderer will wissen, ob Beham seine Bilder in Moskau gekauft habe - wegen der Löcher.

Ludwig Beham reagiert auf das Gefrotzel mit Gelächter und geduldigen Erklärungen. Die Rahmen, von denen keiner dem anderen gleicht, hat er im Internet ersteigert. Mit ihren Macken und Mustern verleihen sie jedem der Bilder eine eigene Note, verstärken Formensprache und Farbklang. Und die Löcher - die waren eben schon da. Nun haben sie eine ästhetische Funktion, bilden Strukturen in einer mit Kleber aufgetragenen Landschaft aus Kalk und dem Rest des Frühstückskaffees.

Er habe einen "gesunden Anarchismus im Kopf", sagt der 58-Jährige über sich und sein Werk. Vorbilder des Autodidakten sind Künstler wie Cézanne, Dix, Kollwitz, Vertreter von Expressionismus bis Surrealismus und Dadaismus. Bei ihnen habe er sich das Handwerk abgeschaut, sagt Beham. Zu den Inhalten mag er nicht viel sagen. "Das ist halt eine Begegnung mit mir", erklärt er. Gesprächiger ist Ludwig Beham, wenn es um den künstlerischen Prozess geht. Er fängt an zu malen, dann dreht er das Motiv um, malt weiter, dreht. "Auf einmal sehe ich: Da entsteht was!" Zum Beispiel bei dem abstrakten Bild, das gegenüber der Eingangstüre zur Redaktion hängt. Schaut man sich die Komposition genau an, entdeckt man in der rechten unteren Ecke einen kleinen weißen Hund. Irgendwo in der Mitte erscheint ein Kopf. Beham lacht. Nichts davon sei geplant. Nicht der Hund und auch nicht der Kopf. Wenn er allerdings durch das Drehen des Bildes etwas entdecke, dann entwickele er das Motiv weiter. Zufall und Komposition überschneiden sich.

Diese spielerische Arbeitsweise ist ebenso typisch für Beham wie seine bewegten Kritzel- und Wimmelbilder, die bevölkert sind von surrealen Wesen, Vogelmenschen, Monstern, Ausgeburten der Albträume eines Francisco Goya und Max Ernst. Titel hat er den Bildern nicht gegeben, doch ab und zu finden sich Texthinweise. "Hansi" steht auf einer Zeichnung. Über dem Kopf eines Jungen flattert ein Vogel, den sich eine Katze im Sprung von oben krallt. "Wer von denen ist denn nun Hansi?", fragt ein Besucher. "Ich weiß es nicht", antwortet Beham. "Wahrscheinlich der Junge." In einem mit Kugelschreiberminen gekritzelten Pandämonium steht "Irgendwo bin ich" geschrieben. Vexierbildern ähnlich verbergen sich in dem Chaos an Linien und Flächen immer neue Formen und Gestalten, Gesichter, marine Organismen, phallische Würmer. Die Phantasie setzt die Puzzles zusammen, erfindet Geschichten. Fröhliche Anarchie und Angst sind einander ganz nah. Im Gestrüpp der dicht an dicht gesetzten Linien lauern Augen und Arme entmenschlichter Gewalt. Ludwig Beham, der seit 35 Jahren im Betreuungszentrum Steinhöring arbeitet, betont die politische Dimension seiner Malerei. Entfernt erinnern seine Zeichnungen an die Schreckensbilder, welche Francisco Goya oder Otto Dix in ihren jeweiligen Bildserien und Tagebüchern verarbeitet haben.

Die dunkle Seite der Existenz kümmert die kleinen Gäste der Vernissage indes wenig. Sie fiebern dem Freitag entgegen. Der Bub Simon greift zum Kugelschreiber und malt einen freundlichen Nikolaus mit Schlitten, Päckchen und Christbäumen - die wirklich wichtigen Dinge eben.

Die Ausstellung in der SZ-Redaktion, Ulrichstraße 1, in Ebersberg ist bis Montag, 6. Januar, zu sehen, geöffnet Montag bis Freitag 10 bis 18 Uhr, Sonntag 11 bis 18 Uhr. An allen Samstagen sowie am 24., 25. und 31. Dezember sowie am 5. Januar geschlossen.