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Ausstellung:Der Pinsel als Seismograf

Natalja Herdt (Galerie Orth)

Einblicke in besondere Momente gibt Natalja Herdt aus Poing mit ihrer "Zeichnungsreise".

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Ein Jahr lang hielt die Poingerin Natalja Herdt täglich besondere Momente zeichnerisch fest. Nun zeigt eine Ausstellung zwölf Gemälde, die sie aus den Skizzen weiterentwickelt hat

Thomas Mann führte bekanntlich pedantisch Buch über seinen Tagesablauf; von der Rasur des Pudels bis hin zu Verdauungssorgen finden die kleinen und großen Ungeheuerlichkeiten des Alltags in seinem Diarium Widerhall. Vor allem das Verlangen nach einem Ausdruck der Gefühle war es, das die Autorin und Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner zum täglichen Schreiben trieb: "Es ist erstaunlich, wie sehr man ein solches Buch als Freund empfindet", sagte sie über die weißen, verschwiegenen Seiten. Ein Tagebuch verewigt nicht nur Erinnerungen, sondern entpuppt sich bei genauerem Hinsehen auch als Seismograf von Stimmungen und emotionale Landkarte eines Lebens. Keine Gedanken, sondern visuelle Eindrücke eines jeden Tages im Zeitraum von einem Jahr hat die Poinger Künstlerin Natalja Herdt in ihrer "Zeichnungsreise" zu Papier gebracht. Nun werden zwölf der Skizzen, zu Gemälden ausgearbeitet, im Atelier Orth in Poing ausgestellt.

Den Anfang nahm die Zeichnungsreise, die als eine innere zu verstehen und somit lokal nicht zu verorten ist, 2016 mit einer Einladung der Künstlerin an alle interessierten Poinger, ob groß, ob klein, bei ihrem Projekt mitzumachen: Jeden Tag sollten sie zeichnerisch einen Teil ihres Alltags festhalten. Auch Natalja Herdt selbst setzte sich Tag für Tag mit Hilfe schneller Striche mit eindrücklichen Situationen oder Gegenständen ihres Lebens auseinander. "Oft war der Tag so voll, dass ich erst abends gezeichnet habe", erzählt Herdt. Im Vordergrund stand dabei nicht der Anspruch eines besonders hohen künstlerischen Gehalts, sondern die Leichtigkeit und die Freude am Schaffen: "Wenn ich keine Lust hatte, ist das auf den Zeichnungen auch sichtbar." So erfuhren die Skizzen, die abends zustande kamen, oft eine emotionale Färbung, verstrickt mit den Geschehnissen der vergangenen Stunden; die Zeichnungen am Morgen hingegen gerieten oftmals gegenständlich, so Herdt.

Bei der freimütigen Chronologisierung ihres Alltags bediente sich die Künstlerin verschiedenster Medien. Mal zückte sie Bunt- und Bleistifte, mal probierte sie Aquarell aus, ab und zu verwendete sie Kohle oder Tuschestifte. Herausgekommen ist ein Sammelsurium an saloppen Illustrationen, minimalistischen Skizzen und bunten Malereien. Eine Zeichnung zeigt eine Fledermaus mit ausgebreiteten Flügeln am nachtschwarzen Himmel, eine andere gibt vorsichtig konturiert eine Szene aus einem Kinderzimmer wieder: Eine Puppe ist an ein Regal gelehnt, auf dem Schuhe stehen; davor liegt zerknüllt eine Decke - das ganz normale Chaos also.

Die Skizzen waren im Oktober 2016 im Rahmen einer Ausstellung in der Christuskirche in Poing zu sehen. Eigentlich wäre das Projekt damit beendet gewesen. Doch einige der Zeichnungen, sagt Herdt, seien ihr besonders ans Herz gewachsen: "Ich konnte sie nicht loslassen." Und so entwickelte sie zwölf der Skizzen, allesamt flüchtig und quasi als Notizen zu verstehen, zu Gemälden weiter. An der Konzeption der Bilder änderte Herdt dabei nichts, schrieb hier und dort jedoch noch ein Detail mit ein. Zudem sind die meisten der zwölf auf Leinwand gezogenen Gemälde mit bunten Tuschepunkten versehen. "Die Punkte haben sich als Zeichensprache der Reise herausgestellt", erklärt Natalja Herdt. Angelehnt an "Der Kuss" von Gustav Klimt hat die Künstlerin beispielsweise einen schönen Tag dokumentiert, an dem sie sich sehr mit ihrem Mann verbunden fühlte. Die zentralen Figuren auf dem Bild, eng umschlungen, sind dezent mit Rotkreide vorgezeichnet; der vornehmlich in Blau gehaltene Hintergrund erhält seinen Glanz durch Zwiebeltinte, die die Künstlerin selbst hergestellt hat.

Ihr Lieblingsbild, so Herdt, basiert auf einer Skizze aus dem Monat Juli: Eine Frau, die Fußnägel rot lackiert, tanzt barfuß auf der Wiese; von der Tänzerin sind lediglich der bunt gemusterte Rock sowie Beine und Füße zu sehen. Alles an diesem zarten Artefakt sprüht vor Lebensfreude und sommerlicher Begeisterung.

Die Intimität der Bilder ist eine doppelte: Einerseits gibt die Künstlerin selbst Einblick in besondere Momente. Andererseits wird jeder Betrachter etwas anderes aus den Zeichnungen herauslesen; je nachdem, wo er gerade persönlich steht. "Darum geht es mir in der Kunst", sagt Natalja Herdt, "eine Verbindung zu den Menschen herzustellen."

"Eine Zeichnungsreise" von Natalja Herdt, ausgestellt im Atelier Orth in Poing, Eichenweg 4, Vernissage an diesem Mittwoch, 15. November, um 19 Uhr, zu sehen bis 19. November.

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