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Ausstellung:Anonyme Kunst

So sieht es aus, wenn Menschen "mit liebevoll, freundlichem Blick erkennen, was sie vom anderen mitnehmen", wie der Auftrag lautete.

(Foto: Christian Endt)

Das Offene Atelier der Münchner Aidsstiftung stellt im Landratsamt aus

In Ausstellungen ist es eher selten der Fall, dass Künstler nicht genannt werden und ihre Werke anonym bleiben. Bei der anlässlich des Welt-AidsTags eröffneten Schau "30 Jahre Leben mit HIV" im Ebersberger Landratsamt ist das anders. Unter den Exponaten finden sich höchstens Namenkürzel; die Schöpfer wollen offensichtlich nicht erkannt werden. Malereien, Zeichnungen aber auch skulpturale Arbeiten sind in der gemeinsam von der Schwangerenberatungsstelle des Landkreises und der Psychosozialen Aids-Beratung der Münchner Caritas initiierten Ausstellungen zu sehen.

Die künstlerischen Arbeiten entstammen dem Offenen Atelier der Bayerischen Aidsstiftung im Schwabinger Krankenhaus. 1988 wurde diese Einrichtung eröffnet. Seither finden regelmäßige Treffen statt, um kreativ zu werden. Seit Mai leitet Ruth Effner dieses Atelier, zu dem tatsächlich jeder kommen kann. Sie ist Künstlerin und Kunsttherapeutin.

Gewissermaßen das Herzstück der Ausstellung ist ein Gruppenbild, das von den Teilnehmern gemeinsam angefertigt wurde. Der Hinweis, man könne als Betrachter gern einmal den Kopf neigen und mit einer anderen Perspektive darauf schauen, macht Sinn, schließlich könnte das Bild auch anders herum hängen, wurde es doch beim Machen von verschiedenen Seiten bemalt. An anderer Stelle hängen einige Bögen mit mehreren Porträts darauf; einzelne, eher flüchtig dahinskizzierte Blätter sind da zusammenfügt. Man erkennt durchaus, dass auf jedem Bogen jeweils eine Person gemeint ist. Effner erzählt, dass sie bei ihrer Arbeit häufig lediglich ganz simple Vorgaben macht, beispielsweise sollen die Teilnehmer eine bestimmte Person zeichnen, ohne dabei aufs Papier zu blicken. Vielmehr sollen sie beim Zeichnen den zu Porträtierenden ansehen und "mit liebevoll, freundlichem Blick erkennen, was sie vom anderen mitnehmen."

Und dann gibt es doch Teilnehmer, die Gesicht zeigen. Erika Uhl beispielsweise oder Margot Geutner. Seit mehr als zehn Jahren gehören die beiden Frauen dem Offenen Atelier an. Ihre Bilder sind mit verschiedenen Techniken und Materialien gefertigt. Dort Collagen, da reine Acrylmalereien. Die Motive sind unterschiedlich, manchmal abstrakt, ein anderes Mal gegenständlich. Geutner arbeitet zum Beispiel gern intuitiv und will ihre Gefühlswelt, ihre Befindlichkeiten ausdrücken. Schließlich stellt sich, wie auch bei Peter Schuppler heraus, dass sie selbst gar nicht mit dem HI-Virus infiziert sind. Über Freunde seien sie zur Gruppe gekommen und fühlen sich dort sehr aufgehoben. Schuppler, der unter dem Pseudonym "Haiku Razor" ausstellt, erzählt, dass er durch die Teilnahme am Offenen Atelier seine kreative Ader erkannt habe, die er nun auf Vieles übertragen könne. So sei er mutiger geworden.

Hermann Büchner, Leiter des Ebersberger Gesundheitsamtes, sagt: 1986 habe eine Hysterie wegen der neu aufgekommenen Immunschwächekrankheit Aids geherrscht. Damals waren 461 Menschen in Deutschland infiziert, 84 davon in München, heute sind es deutschlandweit etwa 83 000 Menschen, in München um die 2400. Doch die Zahl der kostenlosen anonymen Tests am Landratsamt sei zurückgegangen: 1986 waren es 129 Menschen, die sich testen ließen, 2016 lediglich 55. Die Hysterie sei weg; aber: blinde Sorglosigkeit sei falsch. Und genau darum geht es bei der Ausstellung im Ebersberger Landratsamt: um Prävention, um Aufklärung, um Solidarität und auch darum, Angst und Verunsicherung zu nehmen, denn anstecken kann man sich nicht so ohne Weiteres.

Die etwa 50 Exponate sind noch bis zum 22. Dezember im Landratsamt während der regulären Öffnungszeiten zu sehen.

© SZ vom 03.12.2016
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