SZ-Kolumne: Auf Station, Folge 7:Fenster öffnen, Damit die Seele gehen kann

Lavendelhonig

In der Ebersberger Kreisklinik kommt viel Lavendelöl zum Einsatz.

(Foto: dpa)

Pflegerin Julia Rettenberger über Rituale bei verstorbenen Patienten - und wie sie selbst damit zurecht kommt.

Protokoll: Johanna Feckl

Als ich auf der Intensivstation angefangen habe, war mein Dienstplan von einem geprägt: Nachtschichten. Sie kamen für mich mit extremen Einschlafproblemen. Ich habe alles Mögliche probiert: Schlaftee, Entspannungsübungen, Schlafhygiene - nichts davon hat geholfen. Doch dann kam mir die Idee: Lavendelöl. Das funktioniert bestimmt!

In der Klinik benutzen wir Lavendelöl, um bei Todesfällen eine entspannende Atmosphäre zu schaffen. Es ist ein Ritual, eines von vielen. Eines der ersten Dinge, die wir tun: Fenster öffnen. Damit die Seele des Verstorbenen gehen kann. Es muss ein Fenster ohne Fliegengitter sein - nicht, dass sich die Seele auf ihrem Weg hinaus verfängt. Dann entfernen wir Zugänge und betten den Patienten flach, die Hände links und rechts neben den Körper.

Liegt der Patient nicht flach und die Leichenstarre tritt ein, hat der Bestatter ein Problem beim Ent- und Bekleiden. Wir schließen dem Patienten die Augen. Falls er eine Zahnprothese hat, setzen wir sie ihm ein, denn sonst ist das Gesicht so eingefallen. Ein Halstuch kommt unter das Kinn, damit der Mund verschlossen bleibt. Es gibt frische Bettwäsche und das Zimmer wird aufgeräumt. Persönliche Sachen wie etwa einen Schutzengel legen wir neben den Verstorbenen.

Dann kommt das Lavendelöl. Wir benutzen es zur Aromapflege. Man darf sich das aber nicht wie eine Lavendelölwaschung vorstellen - wir geben nur zwei, drei Tropfen auf die Bettdecke. Kommen dann die Angehörigen, um sich vom Verstorbenen zu verabschieden, ist alles in eine Lavendelnote getaucht. Es wirkt entspannend. Während wir all das tun, sprechen wir weiterhin mit dem Patienten und erklären unsere Schritte. Das ist eine Form von Andacht.

Intensivpflege Fachkraft Kreisklinik Ebersberg

Intensivpflege-Fachkraft Julia Rettenberger aus der Kreisklinik Ebersberg.

Bei uns wird überproportional oft gestorben - wir versorgen schließlich diejenigen, die es am schlimmsten getroffen hat. In meinen vergangenen vier Nachtschichten waren es zwei Patienten. Klar kommt es vor, dass ich wochenlang überhaupt keine Todesfälle erlebe. Aber dann gab es solche eben in Schichten, in denen ich keinen Dienst hatte. Einmal sind in einer meiner Schichten gleich zwei Menschen gestorben. Da bin ich nach Dienstschluss nach Hause und konnte erst einmal nicht mehr.

Als ich nun zu Hause ein paar Lavendeltropfen verteilt habe, war ich mir sicher: Jetzt klappt's bestimmt mit dem Einschlafen! Fehlanzeige. Stattdessen habe ich vor meinem inneren Auge überall verstorbene Patienten gesehen. Der Tod aus meiner Arbeit war auf einmal bei mir zu Hause. Ich habe das schnell wieder bleiben lassen mit dem Lavendelöl. Es reicht ja, wenn es die Angehörigen unserer Verstorbenen beruhigt. Und irgendwann konnte ich dann auch wieder einschlafen, ich musste mich einfach an die Nachtschichten gewöhnen.

Julia Rettenberger ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 27-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte finden Sie unter sueddeutsche.de/thema/Auf_Station.

© SZ vom 21.06.2021/koei
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