SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 93:Mal schauen, was noch geht

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SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 93: Nur weil jemand über 80 Jahre alt und dement ist, heißt das nicht, dass er sich nicht selbst das Gesicht waschen kann.

Nur weil jemand über 80 Jahre alt und dement ist, heißt das nicht, dass er sich nicht selbst das Gesicht waschen kann.

(Foto: imago stock&people)

Gerade bei sehr alten Patienten ist der Impuls stark, ihnen im Krankenhaus eine Rundumversorgung zu geben: vom Waschen über das Zähneputzen bis hin zum Essen. Doch genau das wäre falsch, sagt Pola Gülberg. Das Ziel der Pflege ist ein anderes.

Protokoll: Johanna Feckl, Ebersberg

"Naaa, ich mag nur sterben." Das hat einer meiner Patienten gesagt, als ich zusammen mit unserer Praktikantin morgens zu ihm ins Zimmer bin und ihm angeboten habe, dass wir ihn gerne etwas frisch machen möchten, damit er dann frühstücken kann. Der Mann war hochaltrig, gut 80 Jahre alt, dement und hatte eine Operation hinter sich. Nach einer OP sind viele Patienten zunächst verwirrt und brauchen etwas, um wieder vollkommen sie selbst zu sein. Kommt noch eine Demenz hinzu, gilt das umso mehr. Und so grummelte der Mann noch weiter vor sich dahin, die Augen geschlossen. Meine Praktikantin wollte schon mit dem Waschen beginnen, doch ich hielt sie zurück.

Es ist ein nachvollziehbarer Impuls, gerade bei sehr alten Patienten und Patientinnen einfach loszulegen. Doch auch ein 80-Jähriger mit Demenz kann gewisse Dinge ohne Hilfe. Dann ist es wichtig, eben jenem ersten Impuls nicht nachzugeben. Stattdessen gilt es, einen Balanceakt hinzubekommen: so wenig Unterstützung wie möglich, aber so viel wie nötig.

Von unserem Patienten wusste ich aus der Krankenakte, dass er sich zu Hause trotz seiner Demenz weitestgehend alleine versorgte. So jemanden auf einmal das Gesicht zu waschen, obwohl er es daheim jeden Tag alleine erledigt, wäre absurd und auch etwas bevormundend, er kann es doch schließlich selbst.

Also habe ich erst einmal das Kopfteil des Bettes hoch gefahren, sodass der Mann aufrecht saß. Denn solch kleine äußeren Umstände sind nicht zu unterschätzen: Wer wäscht sich schon im Liegen das Gesicht? Die natürliche Position, in der eine Tätigkeit für gewöhnlich durchgeführt wird, ist wichtig. Dann geschehen sie oft wie ein Reflex.

SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 93: Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik.

Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Als unser Patient saß, öffnete er die Augen, sah sich um und blickte auch uns an. Erst jetzt war er richtig anwesend. Meine Praktikantin reichte ihm den Waschlappen - und siehe da: Ohne weiteres Bitten von uns vergrub er sofort sein Gesicht darin und wusch sich. Genauso ging es mit dem Zähneputzen weiter: Er nahm die Zahnbürste entgegen und putzte, vielleicht nicht so ordentlich, wie es sich ein Zahnarzt wünschen würde. Aber das war in diesem Moment nicht das Wichtigste. Er machte mit, ganz ohne Murren oder "nein, ich mag nur Sterben"-Ausrufe wie zu Beginn, als er noch mit geschlossenen Augen im Bett lag. Die Umpositionierung zum Sitzen hatte alles verändert.

Herauszufinden, was jemand selbstständig erledigen kann, funktioniert nur mit Ausprobieren - es hätte ebenso gut sein können, dass das Zähneputzen trotz Sitzposition nicht klappt. Dann hätten wir es für ihn erledigt. Pflege ist nicht gleichbedeutend mit einer Rundumversorgung, das oberste Ziel ist immer die Ressourcen des Patienten zu nutzen und zu stärken. Egal wie alt er ist. Das alles benötigt unsere Zeit und Geduld - und je älter der Patient ist, desto mehr davon.

Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 38-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte sind unter sueddeutsche.de/thema/Auf Station zu finden.

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