SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 84:Nur noch mit bunten Socken!

SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 84: Ein Arzt der Ebersberger Kreisklinik trägt während seiner Dienst inzwischen nur noch bunte Socken.

Ein Arzt der Ebersberger Kreisklinik trägt während seiner Dienst inzwischen nur noch bunte Socken.

(Foto: Caroline Seidel/dpa)

Selbst so manch eine Pflegekraft oder Arzt in der Ebersberger Kreisklinik hat mit der Zeit einen Aberglauben entwickelt - Pola Gülberg kennt einige: Mal ist das Tablet verflucht, ein anderes Mal ist die Farbe der Socken entscheidend.

Protokoll: Johanna Feckl

Wenn Weihnachten rum ist, richten sich die Augen allmählich in Richtung Silvesterabend. Dann heißt es für viele wieder: so oft das Raclettepfännchen neu befüllen, bis der Hosenknopf geöffnet werden muss. Danach noch mindestens einmal "Dinner for one" schauen, bevor es auch schon Mitternacht ist und das Anstoßen mit einem Glas Sekt folgt. Schließlich wird anhand ulkiger Figuren, die das Wachsgießen geformt hat, ein Blick in das neue Jahr gewagt - diese Traditionen haben sich so eingebrannt in den letzten Abend eines jeden Jahres, dass etwas Abergläubisches daran haftet: Fehlt irgendetwas davon an diesem Abend, kann das nichts Gutes für das neue Jahr bedeuten.

Nun könnte man meinen, dass es so etwas in einer Klinik nicht gibt. Hier zählen medizinische Parameter und damit die Wissenschaft - da ist kein Platz für irgendein alberner Aberglaube. Aber: Weit gefehlt!

So zum Beispiel eine Kollegin von mir. Es ist schon eine Weile her, als sie noch neu auf der Intensivstation war. Ihre ersten Nachtdienste verliefen ruhig, sodass sie in jener Nacht ihr Tablet mitbrachte, um in ihrer Pause ein bisschen zu lesen. Auch ich hatte Dienst - es wurde zu einer der schlimmsten Nachtschichten, die ich seit langer Zeit erlebt hatte: Eine meiner Patientinnen kollabierte in meinen Armen, wir mussten sie reanimieren. Wenig später kam ein neuer Patient, der im Krankenwagen reanimiert worden war. Drei weitere Patienten folgten - einer war isolationspflichtig, bei einem anderen war ein chirurgischer Eingriff am Bett notwendig. Alles passierte gleichzeitig, so kam es uns vor. An eine ordentliche Pause war nicht zu denken. Es war eine Horror-Nacht.

Als wir uns nach Schichtende in der Umkleide umzogen, sagte meine damals noch relativ neue Kollegin zu uns: "Das gibt's doch nicht - da habe ich ein einziges Mal mein Tablet dabei und dann wird das so eine schlimme Nacht!" Sie schwor uns allen, dass sie es nie wieder mit zum Dienst nehmen wolle. Soweit ich weiß, hat sie das bis heute nicht getan.

SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 84: Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik.

Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Das handhaben übrigens einige in der Klinik so. Wer einmal etwas zum ersten Mal dabei hatte und dann einen schrecklichen Dienst erlebte, wird es beim nächsten Mal ziemlich sicher wieder zu Hause lassen.

Bei manchen bestimmt der Aberglaube sogar über die Kleidung. So trägt einer unserer Internisten seit Jahren niemals weiße Socken zu seinem Dienst. Das tat er in seinen Anfangsjahren, die Schichten damals seien stressig und teils furchtbar gewesen, erzählte er mir einmal - bis er anfing, bunte Socken zu tragen. Schwupps! - habe sich alles ein wenig entspannt. Und wenn es nun doch mal stressig wird und er gerade arbeitet, versichern wir uns gerne mal, ob er auch wirklich keine weißen Socken anhat.

Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 38-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte sind unter sueddeutsche.de/thema/Auf Station zu finden.

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