Auf Copperfields Spuren Keine Zauberei

Jakob Lipp ist schon in großen Hallen aufgetreten, aber auch in kleinen, privaten Runden.

(Foto: Christian Endt)

Jakob Lipp ist - anstatt den elterlichen Milchviehbetrieb in Rechtmehring weiterzuführen - Mentalist geworden. Für seine "Gedankenexperimente" wurde er nun vom Künstler-Magazin ausgezeichnet

Von Theresa Parstorfer, Rechtmehring

Eine Gabe nennen manche das, was Jakob Lipp während seiner Shows vor manchmal bis zu 1000 Menschen vollbringt. Da lässt der 47-Jährige beispielsweise eine Gruppe von Zuschauern Bilder malen und ordnet sie dann ihren Schöpfern zu - ohne gesehen zu haben, welches von wem stammt. Unerklärbar und unterhaltsam sei das in einer Zeit, "in der alles digital ist und von Doktor Google durchschaut wird" sagt Lipp in der blank polierten, mit hellen Holzmöbeln ausgestatteten Küche seines Hofs zwischen Rechtmehring und Wasserburg.

Eine Gabe also. Zauberei, Magie. Diese Worte vermeidet Lipp. Er nennt sich lieber "Gedankenkünstler" oder auch "Mentalist". Seine "Gedankenexperimente" konzipiert er selbst. Das sind keine Zaubertricks, denn ihr Gelingen hängt nicht von Übung ab, sondern von Menschenkenntnis, genauer Beobachtung und einer guten Portion Risiko. "Meine Stärke ist Zuhören und Beobachten", sagt er, und das mache ihn zu einem guten Partner für Unternehmen mit besonderen Wünschen, sei es für eine Weihnachtsfeier oder auch die Vorstellung eines neuen Produktes. Ausgebildeter Zauberer ist Lipp zwar schon - er studierte vier Semester lang an einer Zauberakademie in München. Was er dort jedoch vor allen Dingen gelernt habe, sei das Vertrauen, auf die eigenen Stärken zu setzen und sich nicht zu verstellen.

Lipp ist schlaksig, sonnengebräunt, er trägt Dreitagebart, ein strahlend weißes Hemd, ebenso strahlend weiße Sneaker und eine pinke Jeans, die klarzustellen scheint, dass sich ihr Träger nicht in eine Schublade stecken lassen will. Der Gedankenkünstler sieht sich an erster Stelle als Entertainer, der eine möglichst gute Show darbieten will. Das betont er, denn wie jeder andere Beruf sei auch der seine weder Rolle noch Identität. Lipp ist es leid, sich immer wieder mit der Erwartung konfrontiert zu sehen, als "Magier" müsse er doch in einem Zauberschloss wohnen oder andere extravagante Klischees bedienen. Die Frage, wie Harry Potter sein Leben verändert hat, ist für ihn völlig irrelevant. Ebenso, was der "Mentalist", gespielt von Simon Baker, seit sieben Staffeln in der gleichnamigen US-amerikanischen Fernsehshow tut. "Ich schaue kaum fern. Wenn der Fasan bei mir am Fenster vorbeiläuft, ist das besser als jedes TV-Programm", sagt Lipp.

Der Fasan, aber auch drei Laufenten und einige Katzen, können vor dem Fenster vorbeilaufen, weil Lipp mit seiner Frau im ehemaligen elterlichen Bauernhof lebt. Liebevoll renoviert und sorgfältig eingerichtet. Vor der Tür stehen zwei Paar Gummistiefel, zwei Paar Crocs und bei der Türglocke handelt es sich um eine tatsächliche Glocke, deren dicke Schnur man hin und her bewegen muss, um sich bemerkbar zu machen. Im Morgentau wirkt hier alles ruhig und verschlafen, vielleicht sogar ein bisschen magisch. Genau das schätzt Lipp auch an diesem Rückzugsort auf dem Land.

Denn aufregend ist sein Beruf nicht nur aufgrund der Natur seiner Experimente, den vielen Städten - Berlin, Hamburg, Zürich, Zagreb - die er bereist, sondern auch wegen der Kundschaft, die er kennenlernt. Auf seiner Internetseite wird erklärt, Lipp sei vor allen Dingen im "b2b-Bereich" tätig. Business to Business heißt das, und auf der Liste seiner zufriedener Kunden finden sich Namen wie Audi, Dallmayr, Daimler und Escada. Er wird für Firmenfeiern engagiert, aber auch für adelige Privathochzeiten. "Sehr hilfreich dabei ist, dass ich keine sozialen Medien nutze. Dadurch kann sich der Kunde sicher sein, dass nichts in die Öffentlichkeit dringen wird, was da nicht sein soll."

Diese Diskretion mache ihn zu einem seriösen Geschäftspartner, sagt Lipp. So seriös und vertrauenswürdig, aber auch so gut, dass er mal erst eine halbe Stunde vor einem Auftritt erfuhr, dass sein Publikum Hans-Dietrich Genscher und Guido Knopp sowie deren Ehefrauen sein würden. "Im ersten Moment war das schon sehr aufregend, aber wenn ich deshalb meine Show anders gemacht hätte, dann wäre ich nicht ich gewesen - und deshalb wurde ich ja gebucht."

Lipps Experimente sind also nicht nur beliebt, sondern auch erfolgreich. Über 2000 Shows hat er gespielt, manchmal vor gefüllten Hallen, manchmal in kleinen, privaten Runden von nur vier oder fünf Anwesenden. Aber nach wie vor wirke das Lampenfieber "wie eine Ladestation bei einem Elektroauto". Dieses Hochgefühl und die Bestätigung durch das Publikum seien Wertschätzung genug, sagt Lipp, und doch wurde seine Entscheidung für einen nicht unbedingt alltäglichen Werdegang kürzlich noch einmal auf eine ganz andere Art gewürdigt: Vom Künstler-Magazin wurde Lipp zum "Künstler des Jahres 2017" in der Sparte Mentalmagie gekürt. Dieser Preis gilt als der bedeutendste in der Showbranche. Siegfried und Roy sowie David Copperfield haben ihn erhalten - und für Lipp ist diese Ehrung "schwer zu toppen." Hochemotional sei die Preisverleihung für ihn gewesen, gibt er zu und legt eine Hand auf die gerahmte Urkunde vor ihm auf dem Tisch.

Auch wenn er es nicht so sagt, lässt sich an dieser Stelle erahnen, dass sich Lipp seinen Weg durchaus auch hat erkämpfen müssen. Zwar "habe ich immer genau das gemacht, was ich machen wollte", aber das hieß eben auch, zwischen Rechtmehring und Wasserburg nicht den kleinen elterlichen Milchviehbetrieb weiterzuführen. Stattdessen pflegt der Sohn dort heute "Blühflächen" und nimmt damit an einem Kulturlandschaftsprogramm teil, das Ausgleichszahlungen für Landwirte anbietet, die ihre Felder umweltschonender bewirtschaften. "Hier auf dem Land ist ja vieles eine Grenzübertretung, aber für mich ist es essenziell, mir selbst treu zu bleiben", sagt Lipp. Deshalb finanzierte er sich seine zwei ersten Studienabschlüsse in Pflanzenbau sowie Marketing und Kommunikation selbst, bis er sich vor 18 Jahren dazu entschloss, an die Zauberakademie zu gehen. Hier fand er heraus, dass seine Gabe vielleicht nicht die klassische Zauberei ist, aber doch etwas, mit dem er heute hunderte von Menschen unterhalten kann.