Ballonfahrer auf Abwegen "Wir haben uns gegenseitig was vorgeschnarcht"

Das Ende eines Sonntagsausflugs: Die bayerischen Ballonfahrer wurden am Bergerkogel von der österreichischen Polizei ausgeflogen.

Ein Ausflug in den Schwarzwald endet für zwei Ballonfahrer in einer nächtlichen Odyssee im Hochgebirge. Ein Gespräch mit dem Copiloten Georg Sellmaier über die Notlandung in 2203 Metern Höhe und den Abflug mit dem Hubschrauber.

Von Simon Schramm

Sonntagfrüh in Burgkirchen bei Altötting. Eigentlich starten die Ballonfahrer Josef Höhl, 65, und sein Copilot Georg Sellmaier, 69, einen schönen Sonntagsausflug zum Schwarzwald. Tagsüber läuft alles wie geplant, doch am Abend kommt es zu Komplikationen - aus der Tour wird eine achtzehnstündige Fahrt durchs österreichische Gebirge. Sie endet mit einer Notlandung in Osttirol. Seit den Neunzigerjahren sind die beiden als Ballonfahrer unterwegs, seit acht Jahren fahren sie zusammen. Georg Sellmaier aus Marktl im Landkreis Altötting erzählt von der abenteuerlichen Reise.

SZ: Herr Sellmaier, wann merkt man, dass man auf falschem Kurs ist?

Georg Sellmaier: Dieser Flug war nun keine Irrfahrt, aber so was ergibt sich halt. Als wir uns Sonntagabend im österreichischen Luftraum befanden, mussten wir auf 6000 Fuß steigen. So sind die österreichischen Spielregeln, damit man auf dem Radar bleibt, das halten wir selbstverständlich ein. In dieser Höhe kamen wir aber in den falschen Wind, der uns dann in Richtung Süd, Südwest getrieben hat. Wir waren einfach zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Eigentlich haben wir uns dann gedacht: Fahr ma halt nach Italien und landen in der Po-Ebene.

Wenn da nicht ein Stromausfall auf dem Ballon gewesen wäre.

Wir brauchen den Strom bei der Fahrt für drei Dinge: für Funk, für Fahrbeleuchtung und für den Transponder, der unser Signal zur Radarstation sendet. In dieser Höhe, in der wir uns befanden, hat es bis zu minus 20 Grad. Freilich sind wir für so eine Kälte entsprechend ausgerüstet.

Trotzdem kalt genug, dass das Aggregat versagt.

Kurz nachdem wir den Großglockner passiert hatten, ist die Nachtfahrbeleuchtung ausgefallen. Die Austro-Control hatte uns auch nicht mehr auf dem Schirm. Wir mussten umdisponieren und vernünftig reagieren: die Fahrt beenden und kein Risiko eingehen. Sicherheit hat Vorrang. Aber man schüttelt sich schon vor Graus, wenn man in so einer Gegend landen muss.

Was macht man dann, um Mitternacht, in 2203 Metern Höhe, frisch notgelandet?

Wir haben uns eine schöne Schneefläche auf dem Bergerkogel gesucht und dort die Sicherheitslandung vollzogen. Die Ballonhülle nutzten wir als Windschutz. Das war kein Problem, wir sind ja gut ausgerüstet und versorgt. Wir haben selig geschlafen und uns gegenseitig was vorgeschnarcht. Im Daunen-Anzug, von der Ballonhülle eingehüllt, friert man zum Glück nicht, das ist sehr angenehm.

In der Früh kam dann die Rettung.

Noch in der Nacht haben wir unseren Controller alarmiert, der hat der Tiroler Polizei Bescheid gegeben. Als Montagmorgen die Sonne aufgegangen ist, hat uns der Polizeihubschrauber abgeholt. Das waren sehr nette Leute, die uns unter ihre Fittiche genommen haben. Ein Autohändler im Ort hat uns dann ein Auto zur Rückfahrt geliehen.

Erleben Sie ständig solche Abenteuer?

Na, Abenteuerer sind wir nicht, in unseren Augen sind wir einfach vernünftige Ballonfahrer. Letztes Jahr waren wir 33 Stunden unterwegs nach Finnland.

Moment mal. 33 Stunden. Wie funktioniert das ohne Toilette?

Wenn man bieseln muss, dann bieselt man halt in eine Flasche. Bloß: Die darf nicht weggeschmissen werden, weil Ballast verloren geht und der Ballon steigt. Ein großes Geschäft geschieht in einem Eimer, der wird verschlossen und per Seil an den Ballon gehängt. Damit die Wohlgerüche einen nicht belästigen.

Ein schönes Hobby haben Sie sich da ausgesucht.

Wir haben die Zeit, wir sind Rentner. Wenn das Wetter passt, können wir uns kurzfristig zu so einem Trip entschließen. Es kann immer was dazwischenkommen, aber bei guter Vorbereitung funktioniert das. Wir hatten ja alle Zeit der Welt, um vernünftig zu landen. Bei tausend Fällen kommt das einmal anders als geplant. Dass die Österreicher ausgerechnet uns zwei jetzt als irre Geisterfahrer betiteln, wundert uns. Wir überlegen, an die zuständige Stelle ein kleines Brieflein zu schreiben.

Wer zahlt eigentlich so eine Rettung?

Der Polizeihubschrauber, der ausrückt und uns rettet, ist kostenfrei. Und auch die Bergung des Ballons ist billig, wenn man sich denn versichern lässt.